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Full text of "Imago. Zeitschrift für Anwendung der Psychoanalyse auf die Geisteswissenschaften II 1913 Heft 3"

AGO 

ZEITSCHRIFT FÜR ANWENDUNC 
DEF^ PSVCHOAKALYSE AUF DIE 
OEISTESWnSSENSCHAFTEN 



HERAUSGEGEBEN VOM ^ 

PROF. DR SIGM. FREUD 

REDIGIERT VON 
Dr OTTO RANK U. Dr HANNS SACHS 

n. JAHRGANG / 1913 
HEFT 3 / / JUNI 






1913 

HUGO HELLER &i,Gl 

LEIPZIG U.W1EN-I- BAUERNMARKT 5 



Der aber Erwarten gflnstige Erfolg <Jes abgetaufenea ersren Jahrgangs hat uns vor 
allem des Interesses Jener versiÄert, an die sidi die Zeitsdirift zunSdist wandte, 
niAt minder aber die Hoffnung bestäligt, daß audi weitere Kreise an den Problemen 
und Ergebnissen unserer jungen WissensÄaft Anteil nehmen werden/ endÜdi hat uns die 
rege Mitarteit der Vertreter versAiedener Fadigebiete das Bewußtsein gegeben, daß urser 
Unternehmen auch imstande war, der Anregung geistiger Produktionstätigkeit zu dienen. 

Die rddie und vielseitige Arbeit des abgelaufenen Jahrgangs zeigt die Inhaltsüber- 
Bidit und wir dürfen hoffen, mit der FesthaJtung und Ausgestaltung unseres Programms 
auch unseren Erfolg slAem und steigern zu können. 

Soweit es durdiführbar ist, sollen alle jene 2weige der Geistes wissensdiaften, für 
die die Psydioanalyse Bedeutung gewonnen bat, zu Wort kommen/ audli soll weiterhin 
neben Sonderproblemen der IndividualpsyÄologie besonders i£e VölkerpsyAoIogie einen 
breiten Raum einnehmen, die ja am deutliisten den Wert und die Fruditbarkeit der am 
Einzelnen gewonnenen Seelen kenntnis erweist. 

ÄSTHETIK, LITERATLIRGESCHICHTE, PHILOLOGIE, PÄDAGOGIK, 
MORALTHEOßlE, KULTUR- UND RELIGIONSGESCHICHTE, ETHNO- 
GRAPHIE UND FOLKLORE, die im I. Jahrgang bereits vertreten waren, sollen 
sorgiällig weiter gepflegt werden/ andere Wissensdiaften, besonders die MVTHEN» 
FORSCHUNG, dann audi PHILOSOPHIE und METAPHySIK, soweit sie einer 
psydiologisdien BetraAtungs weise zugängliA sind, werden hinzukommen, so daß jeder, 
der an Wissens diaftlidier ForsAung Anteil nimmt, die Probleme, die ihn vorzflgliA 
tateressieren, unter neuen GesiAtspu nieten behandelt finden wird. Die EinheitliAkeit wird 
durA die gemeinsame Beziehung zur PsyAoanalyse gewahrt werden, dutA die jedes 
Problem in neue Eusammenhänge eingefügt wird. 



Für die REDAKTION bestimmte Zusdiriften und Sendungen wollen an 
Dr. HANNS SACHS,Wien XIX/l, Peter-Jordangasse 76 adressiert werden. 



»IMAGO« ersdieint SECHSMAL jährliA im Gesamtumfang von 
etwa 36 Bogen und kann für M, 15. — = K 18, — pro Jahrgang durdi 
jede gute Buchhandlung sowie direkt vom Verlage HUGO HELLER 
•© CIE. in Wien I-, Bauernmarkt 3 abonniert werden. Einzelne Hefte 
werden nidit abgegeben. 

Auch wird ein GEMEINSAMES ABONNEMENT auf »IMA^ 
GO« und die »INTERNATIONALE ZEITSCHRIFT FÜR ARZT= 
LICHE PSyCHOANALySE« zum ermäßigten Gesamtjahrespreis von 
Mk. 30.- = IC 36.- eröffnet. 

Die wenigen nodi verfügbaren Exemplare des abgesditossenen 
I. Jahrgangs »IMAGO« werden im Preise erhöht, so daß der komplette 
I. Jahrgang nunmehr M, 18.— = K 21 .60, gebunden M. 22,50 = K 27.— 
kostet, ^^ 

INTERNATIONAL 

LYTIC 
UNIVERStTY 

DIE riSVCHOAMiLYKSCHE HOCHSCHULE IN BEHLIN 

Copyright 1913, HUGO HELLER ■© CIB„ Wien I., Bauernmarkt 3, 



'J 



IM AGO 

ZEITSCHRIFT FÜR ANWENDUNG DER PSYCHO^ 

ANALySE AUF DIE GEISTESWISSENSCHAFTEN 

HERAUSGEGEBEN VON PROF, DR. SIOM. FREUD 

SCHRIFTLEITUNG; 
IL 3. DR. OTTO RANK / DR, HANNS SACHS 1913 



Das Motiv der Kästcfienwahl, 

Von SIGM, FREUD, 
I. 

Zwei Svenen aus Shakespeare, eine heitere und eine tragische, 
haben mir kürzlich den Anlaß zu einer kleinen Problemstellung 
und Lösung gegeben. 

Die heitere ist die der Wahl des Freiers zwiscfien drei Käst= 
dien im »Kaufmann von Venedig«, Die sdiöne und kluge Porzia 
ist durdi den Willen ihres Vaters gebunden, nur den von ihren 
Bewerbern zum Mann zu nehmen, der von drei ihm vorgelegten 
Kästdien das riditige wählt. Die drei Kästdien sind von Gold, von 
Silber und von Blei/ das riditige ist jenes, weldies ihr Bildnis ein= 
sdiließt. Zwei Bewerber sind bereits erfolglos abgezogen, sie hatten 
Gold und Silber gewählt, Bassanio, der Dritte, entsdieidet siA für 
das Blei/ er gewinnt damit die Braut, deren Neigung ihm bereits 
vor der Sdiicks aisprobe gehört hat. Jeder der Freier hatte seine 
Entsdieidung durdi eine Rede motiviert, in weldier er das von ihm 
bevorzugte Metall anpries, während er die beiden anderen herab» 
setzte. Die sdiwerste Aufgabe war dabei dem glüddidien dritten 
Freier zugefallen/ was er zur Verherrlidiung des Bleis gegen Gold 
und Silber sagen kann, ist wenig und klingt gezwungen. Stünden 
wir in der psydioanalytisdien Praxis vor solcher Rede, so würden 
wir hinter der unbefriedigenden Begründung geheimgehaltene Motive 
wittern, 

Shakespeare hat das Orakel der Kästdienwahl nidit selbst 
erfunden, er nahm es aus einer Erzählung der »Gesta Romanorum«, 
in weldier ein Mäddien dieselbe Wahl vornimmt, um den Sohn des 
Kaisers zu gewinnend Audi hier ist das dritte Metall, das Blei, das 
Glüdibringende, Es ist nidit sdiwer zu erraten, daß hier ein altes 
Motiv vorl iegt, weldies nadi Deutung, Ableitung und Zurüdi- 

' G, Brandes, William Shakespeare, 1696. 

Imago [!/3 17 



w 



258 Sigm. Freud 



Führung verlangt. Eine erste Vermutung, was wohl die WaM 
zvcisdien Gold, Silber und Blei bedeuten möge, findet bald Bestäti= 
gung durdi eine Äußerung von E. Stucken', der sidi in \peitaus= 
greifendem Eusammenhang mit dem nämlidien Stoff bcsdiäftigt, Er 
sagt: »Wer die drei Freier Porzias sind, erhellt aus dem, was sie 
wählen: Der Prinz von Marokko wählt den goldenen Kasten; er 
ist die Sonne,- der Prinz von Arragon wählt den silbernen Kasten: 
er ist der Mond,' Bassanio wählt den bleiernen Kasten; er ist der 
Sternenknabe.« 2ur Unterstützung dieser Deutung zitiert er eine 
Episode aus dem estnisdien Volksepos Kalewipoeg, in weldier die 
drei Freier unverkleidet als Sonnen=, Mond= und Sternenjüngling 
<»des Polarsterns ältestes Söhndien«) auftreten und die Braut 
wiederum dem Dritten zufällt. 

So führte also unser kleines Problem auf einen Astralmythus! 
Nur sdiade, daß wir mit dieser Aufklärung nidit zu Ende ge= 
kommen sind. Das Fragen setzt sich weiter fort, denn wir glauben 
nidit mit mandien Mythenforsdiern, daß die Mythen vom Himmel 
herabgelesen worden sind, vielmehr urteilen wir mit O. -Rank^, 
daß sie auf den Himmel projiziert wurden, nadidem sie anderswo 
unter rein mensdilidien Bedingungen entstanden waren. Diesem 
mensdilidien Inhalt gilt aber unser Interesse, 

Fassen wir unseren Stoff nodimals ins Auge. Im estnisdien 
Epos wie in der Erzählung der Gesta Romanorum handelt es sidi 
um die Wahl eines Mäddiens zwisdien drei Freiern, in der Szene 
des »Kaufmann von Venedig« anscheinend um das nämlidie, aber 
gleidizeitig tritt an dieser letzten Stelle etwas wie eine Umkehrung 
des Motivs auf: Ein Mann wählt zwisdien drei — Kästdien. 
Wenn wir es mit einem Traum zu tun hätten, würden wir sofort 
daran denken, daß die Kästdien auch Frauen sind, Symbole des 
Wesentlidien an der Frau und darum der Frau selbst, wie Büdisen, 
Dosen, Schaditeln, Körbe usw. Gestatten wir uns eine soldie sym= 
boiisdie Ersetzung audi beim Mythus anzunehmen, so wird die 
Kästdienszene im »Kaufmann von Venedig« wirkiidi zur Umkehrung, 
die wir vermutet haben. Mit einem Rud(, wie er sonst nur im 
Märdien besdirieben wird, haben wir unserem Thema das astrale 
Gewand abgestreift und sehen nun, es behandelt ein mensdiiidies 
Motiv, die Wahl eines Mannes zwischen drei Frauen. 

Dasselbe ist aber der Inhalt einer anderen Szene Shake= 
speares in einem der ersdiütterndsten seiner Dramen, keine Braut= 
wähl diesmal, aber dodi durdi so viel geheime Ähnlidikeiten mit 
der Kästdienwahl im »Kaufmann« verknüpft. Der alte König Lear 
besdiließt nodi bei Lebzeiten sein Reidi unter seine drei Tötnter zu 
verteilen, je nadi Maßgabe der Liebe, die sie für ihn äußern. Die 
beiden älteren, Goneril und Regan, ersdiöpften sidi in Beteue= 

' Ed. Stucken, Astralmythen, p. 655, Leipzig 1907. 

= O. Ranit, Der Wyttius von der Geturt des Helden, p. 8 fg., Wien und 
Leipzig 1909. 



I 



Das Motiv der Kästdienwahl 259 

rungeii und Anpreisungen ihrer Liebe, die dritte, Cordelia, weigert 
sidi dessen. Er hätte diese unsdieinbare, wortlose Liebe der Dritten 
erkennen und belohnen sollen, aber er verkennt sie, verstößt Cor= 
delia und teilt das Reidi unter die beiden anderen, zu seinem und 
zu aller Unheil. Ist das nidit wieder eine Szene der Wahl zwisdien 
drei Frauen, von denen die jüngste die beste, die vorzüglidiste ist? 

Sofort fallen uns nun aus Mythus, Märdien und Dichtung 
andere Szenen ein, weldie die nämÜdie Situation zum Inhalt haben: 
Der Hirte Paris hat die Wahl zwisdien drei Göttinnen, von denen 
er die dritte zur Sdiönsten erklärt, Asdienputtel ist eine ebensoldie 
Jüngste, die der Königssohn den beiden Älteren vorzieht, Psydie im 
Märdien des Apulejus ist die jüngste und sdiönste von drei 
Sdiwestern, Psydie, die einerseits als mensdilidi gewordene Aphro" 
dite verehrt wird, anderseits von dieser Göttin behandelt wird wie 
Asdienputtel von ihrer Stiefmutter, einen vennisditen Haufen von 
Samenkörnern sdilidiCen soll und es mit Hilfe von kleinen Tieren 
<Tauben bei Asdienputtel, Ameisen bei Psydie) zustandebringt ^ 
Wer sidi weiter im Material umsehen wollte, würde gewiß nodi 
andere Gestaltungen desselben Motivs mit Erhaltung derselben 
wesentlidien Züge auffinden können. 

Begnügen wir uns mit Cordelia, Aphrodite, Asdienputtel und 
Psydie! Die drei Frauen, von denen die dritte die vorzüglidiste 
ist, sind wohl als irgendwie gleidiartig aufzufassen, wenn sie als 
Sdiwestern vorgeführt werden. Eg soll uns nidit irre madien, wenn 
es bei Lear die drei Töditer des Wählenden sind, das bedeutet 
vielleidit nidits anderes, als daß Lear als alter Mann dargestellt 
werden soll. Den alten Mann kann man nidit leidit anders zwisdien 
drei Frauen wählen lassen ,• darum werden diese zu seinen 
Töditern, 

Wer sind aber diese drei Sdiwestern und warum muß die 
Wahl auf die Dritte fallen? Wenn wir diese Frage beantworten 
könnten, wären wir im Besitz der gesuditen Deutung. Nun haben 
wir uns bereits einmal der Anwendung psydioanalytisdier' Tediniken 
bedient, als wir uns die drei Kästdien symbolisdi als drei Frauen 
aufklärten. Haben wir den Mut, ein soldies Verfahren fortzusetzen, 
so betreten wir einen Weg, der zunädist ins Unvorhergesehene, Unbe= 
greiflidie, auf Umwegen vielleidit zu einem Ziele führt. 

Es darf uns auffallen, daß jene vorzügliAe Dritte in mehreren 
Fällen außer ihrer Sdiönheit nodi gewisse Besonderheiten hat. Es 
sind Eigensdiaften, die nadi irgendeiner Einheit zu streben sdieinen/ 
wir dürfen gewiß nidit erwarten, sie in allen Beispielen gleidi gut 
ausgeprägt zu finden. Cordelia madit sidi unkennt'lidi, unsdicinbar 
wie das Blei, sie bleibt stumm, sie »liebt und sdiweigt«. Asien» 
piittel verbirgt sidi, so daß sie nidit aufzufinden ist. Wir dürfen 
vielleidit das sidi Verbergen dem Verstummen gleidisetzen. Dies 

■ Den Hinweis auf diese Übei'einstimniunECti verdanke idi Dr. O. Rank. 

17* 



360 



Sigiti, Freud 



wären allerdings nur zwei Fälle von den fünf, die wir heraus= 
gesucht haben. Aber eine Andeutung davon linder sidi merk= 
würdigerweise audi noch bei zwei anderen. Wir haben uns ja ent= 
schlössen, die widerspenstig ablehnende Cordelia dem Blei zu ver= 
gleidien. Von diesem heißt es in der kurzen Rede des Bassanio 
während der Küstchenwahl, eigentlidi so ganz unvermittelt: 

Thy paleness moves me more than eloquence, 
(plainness nach anderer Leseart). 

Also: Deine Schlichtheit gebt mir näher als der beiden anderen 
schreiendes Wesen. Gold und Silber sind »laut«, das Blei ist stumm, 
wirklirfi wie Cordelia, die «liebt und sdiweigt«^ 

In den altgriechisdien Erzählungen des Parisurteils ist von einer 
soldien SnrücJdialtung der Aphrodite nichts enthalten. Jede der drei 
Göttinnen spricht zu dem Jüngling und sucht ihn durch Ver= 
heißungen zu gewinnen, Aber in einer ganz modernen Bearbeitung 
derselben Szene kommt der uns auffällig gewordene Zug der 
Dritten sonderbarerweise wieder zum Vorsdiein. Im Libretto der 
»Schönen Helena« erzählt Paris, nadidem er von den Werbungen 
der beiden anderen Göttinnen berichtet, wie sich Aphrodite in diesem 
Wettkampf um den Schönheitspreis benommen: 

Und die Dritte — ja die Dritte — 
Stand daneben und blieb stumm. 
Ihr fflufit' ich den Apfel geben usw. 

Entsdilielien wir uns, die Eigentümlichkeit unserer Dritten in 
der »Stummiieit« konzentriert zu sehen, so sagt uns die Psydio= 
analyse: Stummheit ist im Traume eine gebräuchlidie Darstellung 
des Todes ^. 

Vor mehr als zehn Jahren teilte mir ein hochintelligenter Mann 
einen Traum mit, den er als Beweis für die telepathische Natur 
der Träume verwerten wollte. Er sah einen abwesenden Freund, 
von dem er überlange keine Nadiridit erhalten hatte, und machte 
ihm eindringliche Vorwürfe über sein Stillschweigen. Der Freund 
gab keine Antwort. Es stellte sicfi dann heraus, daß er ungefähr 
um die Zeit dieses Traumes durch Selbstmord geendet hatte. Lassen 
wir das Problem der Telepathie beiseite/ daß die Stummheit im 
Traume zur Darstellung des Todes wird, sdieint hier nicht zweifeU 
haft. Audi das sicii Verbergen, Unauffindbarsein, wie es der 
Märchenprinz dreimal beim Asdienpuite! erlebt, ist im Traume ein 
unverkennbares Todessymbol/ nicht minder die auffällige Blässe, an 



' In der Schleselsdien Üfaersetzimg geht diese Anspielung ganz ver- 
loren, ja sie wird zur Gegenseite gewendet; 

Dein sdilidites Wesen spricht beredt midi an. 

- Aucfi in Steliels »Spracfie des Traumes« 1911 unter den Todes= 
Symbolen angeführt, (p. 351. > 



) 



Das Motiv der Kastdienwafil 261 

weldie die paleness des Bleis in der einen Leseart des Shalie^ 
spcaresdien Textes erinnert^ Die Übertragung dieser Deutungen 
aus der Spradie des Traumes auf die Ausdrud<sweise des uns be= 
sdiäftigenden Mythus wird uns aber wesentlidi erleiditeit, wenn 
wir wahrsdicinlidi madien können, daß die Stummheit audi in 
anderen Produktionen, die nidit Träume sind, als Zeidien des Tot» 
seins gedeutet werden muß. 

Idi greife hier das neunte der Grimmsdien Volksmärdien 
heraus, weldies die Übersdirift hat: »Die zwölf Brüder« ^, Ein 
König und eine Königin hatten zwölf Kinder, lauter Buben. Da 
sagte der König, wenn das dreizehnte Kind ein Mäddien ist, 
müssen die Buben sterben. In Erwartung dieser Geburt läßt er 
zwölf Särge madieii. Die zwölf Söhne flüditen sidi mit Hilfe der 
Mutter in einen verstedsten Wald und sdiwören jedem Mäddien 
den Tod, das sie begegnen sollten. 

Ein Mäddien wird geboren, wädist heran und erfährt ein= 
mal von der Mutter, daß es zwölf Brüder gehabt hat. Es be= 
sdiließt, sie aufzusudien und findet im Walde den Jüngsten, der sie 
erkennt aber verbergen mödite wegen des Eides der Brüder, Die 
Sdiwester sagt: Idi will gerne sterben, wenn idi damit meine zwölf 
Brüder erläsen kann. Die Brüder nehmen sie aber herzlidi auf, 
sie bleibt bei ihnen und besorgt ihnen das Haus. 

In einem kleinen Garten bei dem Haus wadisen zwölf Lilien= 
Blumen,' die bndit das Mäddien ab, um jedem Bruder eine zu 
sdienken. In diesem Augenblidfe werden die Brüder in Raben ver.= 
wandelt und versdiwindcn mit Haus und Garten. — Die Raben sind 
Seelenvögel, die Tötung der zwölf Brüder durdi ihre Sdiwester 
wird durdi das Abpflüdten der Blumen von neuem dargestellt, wie 
zu Billgang durdi die Särge und das Versdiwinden der Brüder, — 
Das Mäddien, das wiederum bereit ist, seine Brüder vom Tod zu 
erlösen, erfährt nun als Bedingung, daß sie sieben Jahre stumm 
sein, kein einziges Wort spredien darf. Sie unterzieht sidi dieser 
Probe, durdi die sie selbst in Lebensgefahr gerät, d. h. sie stirbt 
selbst für die Brüder, wie sie es vor dem Eusammcntreffen mit den 
Brüdern gelobt hat. Durdi die Einhaltung der Stummheit gelingt 
ihr endlidi die Erlösung der Raben. 

Ganz ähnlidi werden im Märdien von den »sedis Sdiwänen« 
die in Vogel verwandelten Brüder durdi die Stummheit der 
Sdiwester erlöst, d, h. wiederbelebt, Das Mäddien hat den festen Ent^ 
sdiluß gefaßt, seine Brüder zu erlösen, und »wenn es audi sein 
Leben kostete« und bringt als Gemahlin des Königs wiederum ihr 
eigenes Leben in Gefahr, weil sie gegen böse Anklagen ihre Stumm= 
heit nidit aufgeben will. 

Wir würden sidierlidi aus den Märdicn nodi andere Beweise 



' Stekel, I, c. 

' P, 50 der RcMamausgabe, I, Bd. 



262 Sigm. Freud 



erbringen können, daß die Stummheit als Darsfeüung des Todes 
verstanden werden muß. Wenn wir diesem Anzeidien folgen dürfen, 
so wäre die dritte unserer Sdiwestem, zwischen denen die Wahl 
stattfindet, eine Tote. Sie kann aber aiidi etwas anderes sein, 
nämlidi der Tod selbst, die Todesgöttin. Vermöge einer gar nicht 
seltenen Versdiiebung werden die Eigcnsdiaften, die eine Gottheit 
den Mensdien zuteilt, ihr selbst zugesdirieben. Am wenigsten wird 
uns soldie Versdiiebung bei der Todesgöttin befremden, denn in der 
modernen Auffassung und Darstellung, die hier vorweggenommen 
würde, ist der Tod selbst nur ein Toter. 

Wenn aber die dritte der Sdiwestern die Todesgöttin ist, so 
kennen wir die Sdiwestern. Es sind die Sdiidtsalssdiwestern, die 
Moiren oder Parzen oder Nornen, deren dritte Atropos heißt: 
die Unerbitdidie. 

II. 

Stellen wir die Sorge, wie die gefundene Deutung in unseren 
jjylythus einzufügen ist, einstweilen beiseite, und holen wir uns bei 
iKöi Mythologen Belehrung über Rolle und Herkunft der Sdiid(sals= 
göttinnen', 

Die älteste griedilsdie Mythologie kennt nur eine Mot^m als 
Personifikation des unentrinnbaren Sdiidtsals (bei Homer). Die Fort= 
entwidilung dieser einen Moira zu einem Sdiwesterverein von drei 
(seltener zwei) Gottheiten erfolgte wahrsdieinlidi in Anlehnung an 
andere Göttergestalten, denen die Moiren nahestehen, die Chariten 
und die Hören. 

Die Hören sind urspriinglidi Gottheiten der himmlischen Ge= 
Wässer, die Regen und Tau spenden, der Wolken, aus denen der 
Regen niederfällt, und da diese Wolken als Gespinst erfaßt werden, 
ergibt sidi für diese Göttinnen der Charakter der Spinnerinnen, der 
dann an den Moiren fixiert wird. In den von der Sonne verwöhnten 
Mittelmeerländern ist es der Regen, von dem die Fruditbarkeit des 
Bodens abhängig wird, und darum wandeln sidi die Hören zu Vege= 
tationsgottheiten. Man dankt ihnen die Sdiönheit der Blumen und 
den Reiditum der Früchte, stattet sie mit einer Fülle von liebens= 
würdigen und anmutigen Zügen aus. Sie werden zu den götdidien 
Vertreterinnen der Jahreszeiten und erwerben vielleicht durch diese 
Beziehung ihre Dreizahl, wenn die heilige Natur der Drei zu deren 
Aufklärung nidit genügen sollte. Denn diese alten Völker untere 
sdiieden zuerst nur drei Jahreszeiten; Winter, Frühling und Sommer, 
Der Herbst kam erst in späten griediisch.=römisdien Zelten hinzu,- 
dann bildete die Kunst häufig vier Hören ab. 

Die Beziehung zur Zeit blieb den Hören erhalten,- sie waditen 
später über die Tageszeiten wie zuerst über die Zeiten des Jahres,- 

i Das folgende nadi Rcischers Lexilran der griediisdien und römisdien 
Mythologie unter den entsp redien den Titeln. 



Das Motiv der Kästrfienwahl S63 



endlich sank ihr Name zur Bezeichnung der Stunde <heurc, ora> 
herab. Die den Hören und Moiren wesensverwandten Nornen der 
deutschen Mythologie tragen diese Eeitbedeutung in ihren Namen 
zur Schau. Es (tonnte aber nidit ausbleiben, daß das Wesen dieser 
Gottheiten tiefer erfaßt und in das Gesetzmäßige im Wandel der 
Eeiten verlegt wurde,- die Hören wurden so zu Hüterinnen des 
Naturgesetzes und der heiligen Ordnung, welche mit unabänderlidier 
Reihenfolge in der Natur das gleiche wiederkehren läßt. 

Diese Erkenntnis der Natur wirkte zurück auf die Auf= 
fessung des mensdilidien Lebens, Der Naturmythus wanclelte sidi 
zum Mensdienmythus,- aiLs den Wettergöttinnen wurden Schidcsals^' 
gottheiten. Aber diese Seite der Hören kam erst in den Moiren 
zum Ausdrudi, die über die notwendige Ordnung im Mensdieu" 
leben so unerbitthch wadicn wie die Hören über die Gesetzmäßige 
keit der Natur. Das unabwendbar Strenge des Gesetzes, die Be= 
Ziehung zu Tod und Untergang, die an den lieblichen Gestalten 
der Hören vermieden worden waren, sie prägten sidi nun an den 
Moiren aus, als ob der Mensdi den ganzen Ernst des Naturgesetzes 
erst dann empfände, wenn er die eigene Person ihm untere 
ordnen soll. 

Die Namen der drei Spinnerinnen haben auch bei den My= 
thologen bedeutsames Verständnis gefunden. Die zweite Lachesis 
sÄeint das »innerhalb der Gesetzmäßigkeit des Sdiicksals Zufällige« 
zu bezeidinen' — wir würden sagen: das Erleben — wie Atropos 
das Unabwendbare, den Tod, uncfdann bliebe für Klotho die Be= 
deutung der verhängnisvollen, mitgebraditen Anlage. 

Und nun ist es 2eit, zu dem der Deutung unterliegenden 
Motiv der Wahl zwisdicn drei Sdiwestern zurü dezukehren. Mit 
tiefem Mißvergnügen werden wir bemerken, wie unverständlich die 
betraditeten Situationen werden, wenn wir in sie die gefundene 
Deutung einsetzen, und weldie Widersprüdie zum scheinbaren Inhalt 
derselben sicii dann ergeben. Die dritte der Sdiwestern soll die 
Todesgöttin sein, der Tod selbst, und im Parisurteil ict es die Liebes» 
göttin, im Märchen cies Apulcjus eine dieser letzteren vergleidibare 
Schönheit, im Kaufmann die sdiönste und klügste Frau, im Lear 
die einzig treue Toditer. Kann ein WidersprucJi vollkommener ge= 
dacht werden? Doch vlelleidit ist diese unwahrsdieinliche Steigerung 
ganz in der Nähe. Sie liegt wirklidi vor, wenn in unserem Motiv 
jedesmal zwischen den Frauen frei gewählt wird, und wenn die 
Wahl dabei auf den Tod fallen soll, den dodi niemand wählt, dem 
man durdi ein Verhängnis zum Opfer fällt. 

Indes Widersprüche von einer gewissen Art, Ersetzungen 
durch das volle kontradiktorisdie Gegenteil bereiten der analytischen 
Deutungsarbeit keine ernste Sdiwierigkeit. Wir werden uns hier 
nicht darauf berufen, daß Gegensätze in den Ausdrucksweisen des 



). Rosclicir nadi Preller-Robert, Grierfi. Mythologie, 



864 Sigm, Freud 



Unbewußten wie im Traume so häufig durdi eines und das näm= 
lidie ElemenC dargestellt werden. Aber wir werden daran denken, 
daß es Motive im Seelenleben gibt, weldie die Ersetzung durdi das 
Gegenteil als sogenannte Reaktionsbildung herbeiführen, und können 
den Gewinn unserer Arbeit gerade in der Aufdedmng soldier ver= 
borgener Motive sudien. Die Sdiöpfung der Moiren ist der Erfolg 
einer Einsidit, weldie den Mensdien mahnt, audi er sei ein Stüdt 
der Natur und darum dem unabänderlidien Gesetz des Todes 
unterworfen. Gegen diese Unterwerfung mußte sidi etwas im 
Menschen sträuben, der nur hödist ungern auf seine Ausnahms= 
Stellung verziditet. Wir wissen, daß der Mensdi seine Phantasie» 
tätigkeit zur Befriedigung seiner von der Realität unbefriedigten 
WünsÄe verwendet. So lehnte sidi denn seine Phantasie gegen die 
im Moirenmythus verkörperte Einsidit auf und sdiuf den davon 
abgeleiteten Mythus, in dem die Todesgöttin durdi die Liebes= 
göttin, und was ihr an mensdiüdien Gestaltungen gleidikommt, er= 
setzt ist. Die dritte der Sdiwestern ist nidit mehr der Tod, sie ist 
die sdiönste, beste, begehrenswerteste, liebenswerteste der Frauen. 
Und diese Ersetzung war tedinisdi keineswegs sdiwer,' sie war 
durdi eine alte Ambivalenz vorbereiter, sie vollzog sidi längs eines 
uralten Zusammenhanges, der nodi nidit lange vergessen sein konnte. 
Die Liebesgöttin selbst, die jetzt an die Stelle der Todesgöttin trat, 
war einst mit ihr identisdi gewesen. NoA die griediisdie Aphrodite 
entbehrte nidit völlig der Beziehungen zur Unterwelt, obwohl sie 
ihre dithonisdie Rolle längst an andere Göttergestalten, an die Per^ 
sephone, die dreigestaltige Artemis=Hekate, abgegeben hatte. Die 
großen Muttergottheiten der orientaÜsdien Völker sdieinen aber alle 
ebensowohl 2eugerinnen wie Verniditerinnen, Göttinnen des Lebens 
und der Befruditung wie Todesgöttinnen gewesen zu sein. So 
greift die Ersetzung durdi ein Wunsdigegenteil bei unserem Motiv 
auf eine uralte Identität zuriidc. 

Dieselbe Erwägung beantwortet uns die Frage, woher der 
Zug der Wahl in den Mythus von den drei Sdiwestern geraten ist. 
Es hat hier wiederum eine Wunsdi verkehrung stattgefunden. Wahl 
steht an der Stelle von Notwendigkeit, von Verhängnis. So über^- 
windet der Mensdi den Tod, den er in seinem Denken anerkannt 
hat. Es ist kein stärkerer Triumph der Wunsdierfüllung denkbar. 
Man wählt dort, wo man in Wirldidikeit dem Zwange gehordit, 
und die man wählt, ist nidit die Sdireddidie, sondern die Sdiönste 
und Begehrenswerteste. 

Bei näherem Zusehen merken wir freilidi, daß die Entstellungen 
des urspriinglidien Mythus nidit gründlidi genug sind, um sidi nidit 
durdi Restersdicinungen zu verraten. Die freie Wahl zwisdien den 
drei Sdiwestern ist eigendidi keine freie Wahl, denn sie muß not= 
wendigerweise die dritte treffen, wenn nidit, wie im Lear, alles Un- 
heil aus ihr entstehen soll. Die Sdiönste und Beste, weldie an 
Steile der Todesgöttin getreten ist, hat Züge behalten, die an das 



Das Motiv der Kästdien wähl 265 



I 



Unheimliche streifen, so daß wir aus ihnen das Verborgene erraten 

konnten 1. wr <, r ( 

Wir haben bisher den Mythus und seine Wandlung verfolgt 
und hoifen die geheimen Gründe dieser Wandlung aufgezeigt zu 
haben. Nun darf uns wohl die Verwendung des Motivs beim 
Diditer interessieren. Wir bekommen den Eindrudt, als ginge beim 
Diditer eine Reduktion des Motivs auf den ursprünglichen Mythus 
vor sidi, so daß der ergreifende, durdi die Entstellung abge= 
sdiwädite Sinn des letzteren von uns wieder verspürt wird. Diirdi 
diese Reduktion der Entstellung, die teilweise Rüdikehr zum Ur= 
sprünglichen, erziele der Diditer die tiefere Wirkung, die er bei uns 
erzeugt. 

Um Mißverständnissen vorzubeugen will ich sagen, ich habe 
nidit die Absidit zu widerspredien, daß das Drama vom König Lear 
die beiden weisen Lehren einschärfen wolle, man solle auf sein Gut 
und seine Redite nidit zu Lebzeiten verziditen, und man müsse 
sidi hüten, Sdimeidielei für bare Münze zu nehmen. Diese und 
ähnlidie Mahnungen ergeben sidi wirklidi aus dem Stüdc, aber es 
erscheint mir ganz unmo|lidi, die ungeheure Wirkung des Lear aus 
dem Eindruck dieses Gedankeninhaltes zu erklären ocJer anzu= 
nehmen, daß die persönlidien Motive des Didiers mit der Absidit 
diese Lehren vorzutragen ersdiöpit seien, Audi die Auskunft, der 
Diditer habe uns die Tragödie der Undankbarkeit vorspielen wollen, 
deren Bisse er wohl am eigenen Leib verspürt, und die Wirkung 
des Spiels beruhe auf dem rein formalen Moment der künstlerischen 
Einkleidung, sdieint mir das Verständnis nidil zu ersetzen, weldies 
uns durdi die Würdigung des Motivs der Wahl zwischen den drei 
Sdiwestern eröffnet wird. 

Lear ist ein alter Mann, Wir sagten sdion, darum ersdieinen 
die drei Sdiwestern als seine Töditer- Das Vaterverhältnis, aus dem 
so viel fruchtbare dramatisdie Antriebe erfiießen könnten, wird im 
Drama weiter nidit verwertet, Lear ist aber nidit nur ein Alter, 
sondern audi ein Sterbender. Die so absonderlidie Voraussetzurig 
der Erbteilung verliert dann alles Befremdende. Dieser dem Tode 
Verfallene will aber auf die Liebe des Weibes nidit verziditen, er 

1 Audi die Psydie des Apulejus hat reidilidi Züge bewahrt, weldie an 
ihre Beiidiung zum Tode mahnen, Ihr; Hodizeit wird gerüstet wie eine 
Leidienfder, sie muß in die Unterwelt hinabsteigen und versinlit nadiher m einen 
totenähnlidien Sdilaf <0. Rank). , , n . j 

Über die Bedeutung der Psydie als Frahliiigsgottiieit und als »Braut des 
Todes« s. A. Zinzow; iPsydie und Eros» (Halle 1881). , 

In einem anderen Grimmsdien Märdien (Nr, 179, Die Gansehirtin am 
Brunnen) findet sidi wie beim AsAenpuItd die Abwedisiung von sAoner und 
häBIidier Gestalt der dritten Toditer, in der man wohl eine Andeutung von deren 
Doppelnatur - vor und nadi der Ersetzung - erblid^en darf. D.ese dritte wird 
von ihrem Vater na* einer Probe verstoßen, weldie mit tierim Komg Lear tast 
zusammenfällt. Sie soll wie die anderen Sdiwestern angeben, wie lieb sie den Vater 
hat, findet aber lieinen anderen Ausdrudt ihrer Liebe als den Verglei* mit dem 
Salz, (Freundliifie Mitteilung von Dr. Hanns Sachs.) 



266 



Sigm. Freud 



will hören, -wie sehr er geliebt wird. Nun denke man an die er= 
sthütternde letzte Szene, einen der Höhepunkte der Tragik im 
modernen Drama : Lear trägt den Leidinam der Cordelia auf die 
Bühne, Cordelia ist der Tod, Wenn man die Situation umkehrt, 
wird sie uns verständlich und vertraut. Es ist die Todesgöttin, die 
den verstorbenen Helden vom Kampfplatze wegträgt, wie die Wal» 
küre in der deutsdien Mythologie. Ewige Weisheit im Gewand des 
uralten Mythus rät dem alten Manne, der Liebe zu entsagen, den 
Tod zu wählen, sidi mit der Notwendigkeit des Sterbens zu be- 
freunden. ,, 

Der Diditer bringt uns das alte Motiv näher, indem er die 
Wahl zwisdien den drei Sdiwestern von einem Gealterten und 
Sterbenden vollziehen läßt. Die regressive Bearbeitung, die er so mit 
dem durdi Wunsdiverwandlung entstellten Mythus vorgenommen, 
läßt dessen alten Sinn so weit durdisdiimmern, daß uns vielleidit 
auA eine flädicnhafte, allegorisdie Deutung der drei Frauengestalten 
des Motivs ermöglidit wird. Man könnte sagen, es seien die drei 
für den Mann unvermeidlidien Beziehungen zum Weibe, die hier 
dargestellt sind: Die Gebärerin, die Genossin und die Verderberin, 
Oder die drei Formen, zu denen sidi ihm das Bild der Mutter im 
Lauf des Lebens wandelt: Die Mutter selbst, die Geliebte, die er 
nadi deren Ebenbild gewählt, und zuletzt die Mutter Erde, die ihn 
wieder aufnimmt, Der alte Mann aber hasdit vergebens nadi der 
Liebe des Weibes, wie er sie zuerst von der Mutter empfangen, 
nur die dritte der Sdiidisalsfrauen, die sdiweigsame Todesgöttin, 
wird ihn in ihre Arme nehmen. 




D[e Naditheit in Sage und Dichtung 



267 




Die Nacktheit in Sage und Dichtung'. 

Eine psydioanalytisdie Studie von Dr. OTTO RANK, 

Nie hat die Jungfrau eucni Dienst versäumt. 

Und selten stieg mit ihrer Opferfiamme 

Zugleidi ein Wunsch zu euerm Sitz empor: 

Sie suchte jeden, der sich regen wollte, 

Mit Scham und Angst bis unter das Bewulitsein 

Hinabzudrüchcn, denn sie warb allein 

Um eure Gunst und nidit um eure Gaben. 

Hebbel (Gyges und sein Ring). 

kic vorliegende Untersudiung prätendiert keineswegs, eine aiiA 
nur irgendwie abgesdilosseiie Behandlung des sdiier uner= 
sdiöpflidien Themas der mensdilidien Nadaheit zu versudten, 
hat sich audi keine ersdiöpfende Darstellung des weitrci dien den und 
vielverzweigten Problems des NadiCen in der Kunst zum Ziele ge= 
setzt, ja, es nidit einmal als ihre Aufgabe betraditet der überaus 
häufigen Verwertung des Motivs der Nadstheit in Didituiig und 
Sage im einzelnen nadizugchen,- sie wird sidi vielmehr damit be- 
gnügen, einige besonders diarakteristisdie und wie es sdieint typisdie 
Gestaltungen dieses Motivs in Sage und Diditung hervorzuheben 
und auf ihre psydiologisdie Bedeutung sowie auf den Smn ihrer 
versdiiedenartigen Gestaltungsformen zu prüfen. Diese vorwiegend 
psydiologisdie und weniger literarhistoristhe Tendenz der Ab« 
handlung mag audi die eigenartige, von Gewohnheit und brwartung 
in gleidier Weise abweidiende Methodik reditfertigen, deren sie sidi 
zur Erreidiung ihrer Absidit bedienen muß. Wir vermeiden es, die 
offenkundigen sagenhaften und literarisdien Zeugnisse emfadi zu 
sammeln, sehen unsere Aufgabe audi nidit in der Zusammen^ 
Stellung und Vergleidiung einzelner soldier Gruppen ersdioptt, 
sondern wollen an bestimmten Punkten der Entwidtlung, wo deren 
Linie etwa auffallende Übergänge oder deutlidie Sprünge zeigt, 
in die Tiefe zu dringen versudien. Unsere Untersudiung nimmt also 
die Riditung in die psydiologisdie Entwiddungsgesdiidite der Motiv= 
gestaltung hinein, anstatt sidi längs der llterarhistonsdien Entwidt= 
lungsflädie zu verbreiten. Und wenn es uns dabei audi ^'^ dem 
Geologen ergehen mag, der von einem bestimmten Punkt der brd= 
oberflädie senkredit in die Tiefe gräbt und dabei auf ganz ver= 
sdiiedenartige, in Aufbau und Struktur sdieinbar nidit zusammen^ 
gehörige SAiditungen stößt, so werden eben auA wir ein ansdieinend 
ziemliÄ disparates Material so weit es möglidi ist in semen bezie= 
hungen zueinander und auf eine gemeinsame Wurzel zu bestimmen 
haben. Denn die Methode, deren wir uns zur Ermitduiig der am 
Aufbau der Phantasieprodukte beteiligten psydiisdien Inebkratte 

I Auf Grund eines am 111. Internationalen Kongreß für Psydioanalyse zu 
Weimar am 22. September 1911 gehaltenen Vortrags. 



bedienen, ist so eigenartig und subtil, daß sie uns gestattet, oft audi 
dort nodi 2us3mmenhänge zu sehen, wo sie die Alltags^ und SdiuU 
psydiologie kaum zu ahnen vermag. Mit ihrer Hiife ist es bereits ge= 
lungen, Sinn und Tendenz zahlreidier, bisher völlig unverstandener 
psydiopathoiogisdier Ersdieiiiungen aufzudedien und die so ge= 
wonnenen Ergebnisse crfolgreidi zur Vertiefung unserer Kenntnis des 
normalen Seelenlebens zu verwerten. Aufier versdiiedenen Formen 
von Psydioneiirose <Hysterie, Ewatigsneurose) tmd psydioseähnlidien 
Zuständen <Paranoia, Dementia praecox) hat insbesondere das an 
Sonderbarkeiten und Rätseln so reidie Traumleben der Mensdien 
die weitestgehende Aufklärung und das tiefste Verständnis durch 
die Psydioanalyse gewonnen und heute wissen wir bereits auf 
Grund eingehender tlntersudiungen, dali audi die künstlerisdie Pro= 
duktion des einzelnen sowie ganzer Völker <Mytheii, Märdien, 
Sagen) im wesentlidien nadi denselben psydiologisdien Gesetzen 
des unbewußten Seelenlebens vor sidi geht, wie wir sie aus dem 
Studium des Traumlebens und der neurotisdien Zustände kennen. 
Wir befinden uns also auf völlig gesidiertem und wisseiisdiafdidi 
durdiaus einwandfreiem Boden, wenn wir audi den Entwiddungs^ 
gang und Gestaltungswandel des Motivs der Nadttheit in Sage und 
Diditung auf Grund unserer psydioanalytisdien Einsiditen zu ver= 
folgen und zu verstehen suchen, Was wir etwa durdi die Reihe 
der eingangs angeführten konzentrisdien Einsdiränkungen unseres 
Themas in der Breitendimension verlieren, das gewinnen wir reidi= 
lidi wieder durdi unerwartete Einsiditen in der Tiefendimension. 
Dieser einzigartige Vorzug der psydioanalytisdien Methodik führt 
aber zu einer weiteren und vielleidit der paradoxesten Einsdiränkung, 
zu der sidi unser Thema nötigen läßt. Denn es wird in den foU 
genden Ausführungen überhaupt weniger vom Motiv der Naditheit 
als von gewissen psydiisdien Verkleidungen desselben die Rede sein, 
die dem Unkundigen zunädist außer Zusammenhang mit dem Thema 
der Naditheit zu stehen sdieinen. Es erklärt sidi dies daraus, daß 
die erotische Nadttheit, die ja allein Gegenstand poetisdier Be= 
handlung geworden ist, im Verlaufe der Kulturentwidtlung in den 
keusdien und sdiamhaften Regungen unseres Seelenlebens mäditige 
Widerstände gefunden hat, welche unverhüllte Äußerungen der 
Entblößungslust wir audi in rein psydiisdier Form nidit mehr dulden 
und oft ziemlidi weitgehende Entstellungen dieser erotisdien Gelüste 
durdizusetzen wissen. Findet diese off bis zur UnkenntiiÄkeit ge= 
triebene Entstellung der bewußtseinsfähigen Phantasieprodukte 'ihr 
gut verstandenes psydiologisdies Gegenstüdi in der Unverständlich-^ 
keit unserer Traumgebilde, so zeigt anderseits das psydioanalytisdie 
Verständnis der neurotisdien Symptombildung, daß die sdieinbare 
Absurdität vieler psydiopathisdier Phänomene audi nur einem 
Übermaß solcfi verdrängender Tendenzen im Seelenleben zuzu= 
schreiben ist, die gleidisam im Namen der Kultur jede allzu offene 
Äußerung primitiver Triebe, also vor allem der kraß eigensüditigen 



Die NaAtheit in Sage und Dichtung 269 

und sexuellen, zu unterdrücken sudien, eine Absidit, deren Sdieitern 
zur neurotisdien Erkrankung firlirt. 

Der psydioanalytisdien Betraditung weise Rechnung tragend, 
wollen wir unser Interesse vorwiegend den mannigfaltigen Ver= 
d r ä n gu n gs f o r m e n des Natkttieitsmotivs zuwenden, zu deren 
Verständnis wir die Ergebnisse der Traum= und Neurosenpsydio= 
logie um so reidilidier heranziehen dürfen, als gerade psydio= 
sexuelle Themata, wie das Motiv der erotisdien Nacktheit, wegen 
ihrer UnverträgliAkeif mit dem Kulti[r=Idi den häufigsten Anlaß 
z[i energisdier Verdrängung und damit zur Traum= und Sym= 
ptombildung abgeben. Haben wir dodi nidit nur den pathologischen 
Entblößungs zwang Perverser als hemmungslosen Durchbrudi der 
normalerweise unbewußten erotischen Entblößungsneigung verstehen 
gelernt, sondern aiidi die krankhaft übertriebene Sdiamhafrigkeit 
(Prüderie) gewisser Neurotiker als übermäßigen Erfolg des Unter» 
drückungsversiiches intensiver exhibitionistisdier Regungen entlarven 
können, Zwisdien diesen beiden extremen Äußerungen der gleichen 
Urtendenz zur Nacictheit gibt es eine lange Reihe von Zwisdien^^, 
Übergangs» und Misdistufen, deren mehr oder minder scharfe 
Ausprägung sowie ihre Stellung im ganzen seelischen Geschehen 
den Grad der psydiisdien Normalität und Leistungsfähigkeit und 
zum guten Teil audi den Charakter des Menschen mitbestimmen. 

Daß an der künstlerischen Betätigung überhaupt und speziell 
an der pralctisdien Verwirklichung künstlerischer Bestrebungen 
ein gewisser Grad von Lust an Nacktheit und Entblößung Anteil 
hat — sei es mehr im körperlichen Sinne wie beim bildenden 
Künstler oder in seelischer Bedeutung wie etwa beim Diditer — 
ist hier nicht zu erweisen/ ebensowenig beabsichtigen wir, ciie be- 
wußte Verwertung des Naditheitsmotivs in Sage und Diditung zu 
verfolgen. Es handelt sich vielmehr um seine unbewußten Ge= 
staltungen, die in entsprechenden Traumsituationen ihr Vorbild 
und in der Neurotik ihr Gegenstück finden. Diese innigen Bezie- 
hungen gestatten uns, als Triebkraft für die eigenartige Ausprägung 
gewisser typischer Dichtungsmottvc die den Parallelphänomenen 
zugrunde hegenden verdrängten exhibitionistischen Neigungen 
anzusehen. 

Bei der entsprechenden pathologisch geheißenen Perversion hat 
es sidi als zwedtmäßig herausgestellt, an dieser Neigung aktive und 
passive Formen zu unterscheiden: also das fürs reife Leben erhaltene, 
dem frühzeitigen Kindesalter aber normalerweise eigene »Vergnügen 
an der Entblößung des Körpers mit besonderer Hervorhebung der 
Gesdilechtsteile« (Freud: Sexualtheorie), die Zeigelust, zu sondern 
von der erst in späteren Kinderjahren hinzutretenden und manch- 
mal in der Perversion des Voyeurs festgehaltenen Neigung »Geni= 
talien anderer Personen zu sehen«, der Schaulust. Die gleiche 
Scheidung empfiehlt sich auch auf dem Gebiete der verwandten, 
sekundären Ersdieinungsformen, also der Verdrängung, der Sub!i= 



3^0 Otto Ranli 



mierung, der ReaktionsSiMung, aufrecht zu erhalten. Gestützt auf 
1 diese Einteilung lassen sidi die mannigfachen Gestaltungen des 

Motivs der Naditheit in zwei zunädist sdiarf gesonderten Haupt= 
gruppen betraditen: 

I. Die Äußerungen der Zeigelust 1 uud ihre Verdrängungs= 

II. die Äußerungen der Schaulust J formen, 

I, 

»Mit dem Kleide zieht das Weib audi die 
[ Sdiam aus.'* Herodot. 

I Der eigentlidien exhibitionistisdien Neigung, der Zeigclust mit 

f ihren Verdräugungsformen, entspringen selbst wieder zwei typisdie 

Motivgruppen, die sidi gesondert betraditen lassen. Die erste eut= 
spridit einer von FrcuJ ausführlidi gesdiüderten und aufgeklärten 
Traumsituation, während die zweite nidit bloß infolge ihrer 
sorganisdien« AusdruAsmittel, sondern audi der »hysterisdien« 
Medianismen wegen mehr den neurotischen Charakter zeigt. 

1. 

»Und sie waren beide nadtend und sdiämten 
sidi nidit.« Genesis. 

Verweilen wir zunädist _ bei der den poetischen Ein-' 
kleidungen näher stehenden Traumsituation und sparen uns die 
dem Sagencharakter entspredienden neurotisdi angenäherten 
Motivgestaltungen auf. 

In der »Traumdeutung« <3. Auf!,, p. 175 ff.) hat Freud als 
einen der typisdien Träume der meisten Mensdien den sogenannten 
»Verlegenheitstraum der Nacktheit« besdirieben, in weldiem 
der entblößte Träumer entfliehen oder sidi verbergen will und 
dabei der eigentümlichen Hemmung unterliegt, daß er nicht von 
der Stelle kann und sich unvermögend fühlt, die peinlidie Situ= 
ation zu verändern, deren er sidi aufs tiefste schämt, während die 
zahlreichen fremden Traumpersonen, die meist Zeugen seiner Ent= 
blößung sind, nidit den geringsten Anstoß daran nehmen. Freud hat 
diese Nacictheitsträume als Exhibitionsträume aufgeklärt, als Re= 
Produktionen von Kindheitsszenen, die in eine Zeit zurückgehen, wo 
sidi der Mensch seiner Nacjitheit noch nidit zu sdiämen pflegt und 
hat die auffallende Kontrastierung der eigenen intensiven Sdiani 
zur Menge fremder teilnahmsloser Zusäauer als Verdrängungs= 
ausdruck der ursprünglichen Lustempfindung verständlidi gemadit, 
mit der man die Entblößung einer einzelnen wohlvertrauten 
Person bot. Diese Träume, deren typischer Charakter die Mit= 
leilung spezieller Beispiele hier überflüssig macht, finden sidi zwar 
nidit immer in so reiner Form, verraten aber auch dann noch, daß 



Die NaAtheit in Sage uad Dirfituiig 271 

die manifeste Sdiamhaftigkeit im Traum wie im Leben eine heftige 
Reaktion auf ursprünglidi stark exhibitionistisdie Regungen darstellt, 
die sidi im Traumleben wenigstens teilweise nodi iti der unter Sdiam 
erfolgenden Entblößung durdisetzen könnend 

In Freuds »Traumdeutung« finden sidi nun, abgesehen von 
den zur Aufklärung herangezogenen Traumbeispieleii, audi zwei 
sehr lehrreidie Hinweise auf die Beziehung dieses typischen Traumes 
zu den Märdien und anderen DiditungsstofFen, Der eine betrifft 
Andersens Märdien »Des Kaisers neue Kleider«, we( dies von 
zwei Betrügern erzählt, die für den Kaiser ein kostbares Ge= 
wand weben, das aber nur den Guten und Treuen siditbar sein 
soll, Der Kaiser geht mit diesem unsichtbaren Gewand be= 
kleidet aus und durdi die prüfsteinartige Kraft des Gewebes er*- 
sdiredit, tun alle Leute, als ob sie die Nadttheit des Kaisers nidit 
merkten. Das entspridit aber der Situation des Naitheitstraumes 
insoferne, als audi hier die Menge der Zusdiauer — freilidi mit 
rationaler Begründung — an der Nadttheit keinen Anstoß nimmt, 
die der Hauptperson selbst dodi peinlidi bewußt ist. Ersdieint je= 
dod) im Märdien bloß der eine auffallende Traumdiaraliter von 
der Teilnahmslosigkeit der zahlreidien Zusdiauer in den Vorder^ 
grund gerüdu und sinnreidi gewendet, so objektiviert die im selben 
Zusammenhang von Freud erwähnte Nausikaa=Sage aus der 
»Odyssee« die cigentiimlidie Hemmung, weldier der Betroffene 
unterliegt, wenn audi in einer durdi die Forderungen des Sagen= 
gefüges nodi weiter entstellten Form. Dort <0d. VI, 135 u. fF.> 
ist es die sdiöne Nausikaa, weldie beim Anblick des nadtten 
Odysseus sidi nidit von der Stelle zu rühren vermag, während 
die zur Situation gehörige Empfindung der Sdiam auf die sonst 
teilnahmslose Zusdiauermenge, hier die Gespielinnen, übertragen ist, 
die entsetzt fliehen: 

Also ging- der Held, in den Kreis sdiönlodiger Jungfrau'n 

Sidi zu misdien, so nadiend er war,- ihn spornte die Not an. 

Furditbar ersdiien er den Mäddien, vom Sdilamm des Meeres Iiesudelt; 

Hiehin und dorthin entflohn sie und bargen sidi hinter die Hügel. 

Nur Nausikaa blieb, Ihr hatte Pallas Athene 

Mut in die Seele gehaucht, und die Furdit den Gliedern entnommen, 

Nun ist es doch auffällig, daß die als besonders sdiamhaftes 
Mäddien gesdiilderte Nausikaa, die davor zurücksdieut, sich in Ge= 
sellsdiafi d:es Fremdlings blidcen zu lassen <VI, 273 u, ff.>, die sidi 
sdiämt, dem Vater gegenüber die Möglidikeit ihrer Verheiratung zu 
erwähnen <v. 66>, daß gerade sie von allen Mäddien dem nadten 
Manne gegenüber keine Sdiam empfindet, der selbst das Peinlidie 
seiner Situation, ganz wie der Träumer, wohl fühlt: 

' Eine Anzalil soirfier sehr instruktiver Träume hat Ferenczi auf Grund 
der Freudschen Traumdeutungs lehre auflilären können <Die psydiolog. Analyse 
der Träume. Psydiiatr.-Neurolog. \J7odieiisfhr. Juni 1910). 



272 



Otto Rank 



Bradi mit der starken Faust sidi aus dem cüditen Gebüsdie 
Einen laubichten Zweig, des Mannes Blöße zu dedten <129>i. 

Ja, Odysseus selbst gesteht sein eigenes Sdiamgefühl direkt den 
Mädmen gegenüber ein: 

Aber idi bade midi nimmer vor eudi, idi würde midi sdiämen, 
Nadiend zu steliii, in Gegenwart sdiönlodtigei- Jiingfraii'n <222> ', 

eine Äußerung, der gegenüber das gegenteilige Verhalten der sonst 
überaus sdiamhaften Königstochter noiii auffälliger wird. Nun 
wollen wir aber dodi festhalten, daß die vom Diditer der Odyssee 
eingefioditene Nausikaa^^Episode selbst kein Traum ist, auf den die 
Deutungsregeln der wissensdiaftiidien Traumdeutung ohne weiters 
anwendbar sein müßten, wenn audi merkwürdigerweise der Diditer 
in diese Episode einen Traum als deux ex madiina eingefloditen 
hat, dessen Verständnis vielleidit dodi einiges zur Aufklärung der 
hervorgehobenen Sonderbarkeiten beizutragen vermag. Um die Auf= 
findung des versdilagenen Odysseus durdi Nausikaa und damit die 
Fortsetzung seiner Heimfahrt ins Werk zu setzen, . gibt Pallas 
Athene der phäakisdien Königstoditer in einem näditlidien Traum 
ein, am nämsten Morgen ans Meer zu den Wäsdiespülen zu 
fahren und ihre kostbaren Kleider zu reinigen, um für ihre bevor= 
stehende Hodizeit gerüstet zu sein. Athene ersdieint ihr im Traume 
in der Gestalt ihrer liebsten Gespielin, die sie ermahnt; 

»Liebes Kind, was bist du mir dodi ein lässiges Mäddien! 

Deine kostbaren Kleider, wie alles im Wüste herumliegt! 

Und die Hochzeit steht dir bevor! Da muß doch was Sdiönes 

Sein für didi selber und die, so didi zum Bräutigam führen! 

Denn durch schöne Kleider erlangt man ein gutes Gerüdite 

Bei den Leuten; audi freun sich dessen Vater und Mutter, 

Laß uns denn eilen und waschen, sobald der Morgen sidi rötet! 

Icfi will deine Gehilfin sein, damit du gesdiwinder 

Fertig werdest, denn Mädchen, du bleibst nicht lange mehr Jungfrau. 

Siehe, es werben ja sdion die edelsten Jüngling im Volke 

Aller Phäaken um didi,- denn du stammst selber von Edeln. 

Auf! erinnere nodi vor der Morgenröte den Vater, 

Daß er mit Mäulern dir den Wagen bespanne, worauf man 

Lade die schönen Gewände, die Gürtel und präditigen Dedien. 

Audi für didi ist es so bequemer, als wenn du zu Fuße 

Gehen wolltest/ denn weit von der Stadt sind die Spülen entlegen." 

Die in den wirklichen Verhältnissen durchaus nidit geredit= 
fertigte Begründung dieser Traummahnung durch das Motiv der 
bevorstehenden Hochzeit verrät sidi ohne weiters als die dem Trauma 



' Mit völliger Beiseitesetzung jeder psycfiologisclien Motiv ierungsmöglidikeit 
nimmt Marx <Rhein. Mus,, Bd. 42, 1887,p. 251 bis 260) an, daß das Motiv der 
Sdianihaftigkeit in v. 129 und 222 das späte Madiwerli eines prüden, klügelnden 
Interpolators sei und versudiit nadizuweisen, daß Odysseus den »laubirfiten 
Eweigs als Friedens zei dien tradi und nirfit zur Verhüllung seiner Gesrfiletfits teile. 



Die Naditheit in Sage und Didiiung 273 

lebe« eigentiimliAe Wiinsdierfülluni^stendcjiz, weldie dem Mäddieii 
die Erfüllung ihres sehnsiiditigsten Wunsrfies als unmittelbar bevor= 
stehend vortäusdit. Nun entspridit ein soldier Traumwunsdi fast 
immer einer, wenn audi uneingestandenen Tagesphantasie, weldie 
die sdiamhafte Nausikaa selbst vor dem Vater geheim hält <v, 66) 
und deren Ausmalung bis in die intimsten Details man der phä= 
alusdien Königstoditer so giEt zutrauen darf wie unseren heutigen 
Mäddien, Es ist also begreiflidi, daß dieser Hodizeitskomplex bei 
einem gesitteten Mäddien audi Saiten ansdilägt, die zunädist 
minder angenehme Sensationen, wie Furdit, Sdiam, ja in mandien 
Fällen sogar Ekel erregen und wir werden bei der uns als 
besonders sdiamhaft gesdiilderten Nausikaa am ehesten eine 
intensive Ablehnung der Entblöß ungs gelüste erwarten, die in der 
Hodizcitsnadit auf ihre in der Regel seit der Kindheit entbehrte 
Befriedigung redinen dürfen. Aus dieser unbewußten Uiiter= 
Fütterung des Traumes würde sidi erst die Sdieu erklären, 
die das Mäddien davon abhält, gerade dieses Detail des Traumes, 
die Begründung der Wäsdie mit der bevorstehenden Hodizeit, dem 
Vater mitzuteilen, wie anderseits das bald darauf in Gesellsdiaff 
ihrer Mäddien genommene Bad <v. 96> den Entblößungswunsdi 
teilweise befriedigt. Nun ahnt uns vielleidit, warum beim Anbhdt 
des nadaen Odysseus gerade sie festgebannt stehen bleibt, als wäre 
sie selbst der in seiner Nad<theit überrasdite Träumer. Es sind 
eben in der Sage und im Märdien <vgl. Des Kaisers neue Kleider) 
aus Gründen des logisdien Zusammenhangs, wie übrigens aus psy= 
diisdien Gründen in den entspre dien den Träumen selbst, die zwisdien 
Lust und Sdiam sdiwankenden Empfindungen des bloßgestellten 
Träumers auf versdiiedene Personen derart verteilt, daß der ur^ 
spründidie Zusammenhang zunädist nidit ersiditlidi ist und erst auf 
dem w^ege einer bald mehr bald minder umständlidien Rekon= 
struktion wieder hergestellt werden muß. Ist also die Empfindung 
der Nadaheit und das Gefühl der Sdiam dem Odysseus als dem 
Helden der Erzählung zugesdirieben, so verstehen wir die Sen= 
sation der Hemmung bei der von seinem Anblidt festgebannten 
Nausikaa als Ergänzung jenes Details der Brautnaditphantasie ', 
das sidi in ihrem Traume nidit in Form der eigentlidi ersehnten 
Entblößung durdizusetzen vermodite, Sie träumt also nidit direkt 
vom Nadttheitswunsdi, der ihr erst mit der Ersdieinung des Odys= 
seus bewußt wird, sondern infolge der intensiven Verdrängung 
zur Sdiam von seinem Gegensatz, von einer Menge präditiger 
und kostbarer Kleider, die zur möghdist weitgehenden Ver= 

' Zum Beweise Für deren Bestehen sei der Umstand angeführt, daß Nau= 

sikaa sidi den srfiönen Mann sogleidi zum Gemahl wiznsdit: 

»Würde mir dodi ein Gemahl von soTdicr Bildung besefieret, 

Unter den Fürsten des Volks, und gefiel es ihm selber zu bleiben!« (245), 

ein Wunsdi, den audi ihr Vater, »der alles merkte« (v. 67), dem Fremdling gegen= 

über wiederholt {v. 311 u. ff.>. 

Imago II/3 IS 



\. 



hüllung der Nacktheit dienen i. Und ihre sdiönen Gewänder, die 
in dem kurzen Traume nidit weniger als dreimal und keineswegs 
bloß im Sinne der vielmißbrauditcn »episdien Breite« erwähnt 
we^den^ erinnern nidit bloR äußerlidi an das kostbare Kaiserkleid 
der Nadttheit im Märdien, wie sie audi nidit die einzige Beziehung 
zu diesem darstellen. Denn wie es sidi im Märdicn angeblidi um 
ein unsichtbares Gewand handelt, das nur gewissen Personen 
siditbar sein soIi^ so spielt das Motiv der Unsichtbarkeit, auf 
das wir im zweiten Teil der Arbeit ausführlidi zurüdtkommen, audi 
in die Nausikaa=Sage hinein, wo Odysseus bei seinem Einzüge in 
die Phäakenstadt von seiner Sdiützerin Athene in undurdidringlidics 
Dunkel gehüllt wird <VII, 15 u. 41> und von niemandem gesehen, 
dodi selbst alles beobaditen kann <Motiv der Schaulust). 

Das Motiv des Kleiderprunhes, wcldies im Sinne des 
naiven Märdiens als Reaktion auf die verpönte Entblößungsneigung 
aufzufassen ist, muß als typisdier Verdrängungsaiisdrud; des Nadit= 
heitswunsdies hervorgehoben werden. Diese Verknüpfung offenbart 
sidi ja audi darin, daß unsere hodikomplizierte und- so vielerlei 
Modelaunen unterworfene Bekleidung nidit nur ein immer mannig- 
faltigerer Verdrängungsausdrudt exhibitionistisdier Gelüste'', sondern 
proportional mit der gesteigerten Verdrängung zugleidi ein immer 
raffinierteres Reiz= und Befriedigungsmittel derselben geworden ist, 
das der unverhüllten Naditheit gegenüber dem Kulturmensdien un= 

' Der bei unseren Hodizeiten obligate Brautsdileier stellt sidi unter anderem 
auA als verscfiofaener liest einer vor der bevorstehenden erotisdien Entblößung 
gesteigerten Verhüllungstendeni dar. 

' Sogar unmittelbar nach der Traumerzählung nodi ein viertes Mal <v. 49) 
als sEpilheton ornans» ; 

»Und der goldene Morgen ersdiien und weAte die Jungfrau 
Mit den schölten Gewänden , . ,« 

ä Hier sei audi eines weitverbreiteten nij'thisdien und märdienhaft ausge^ 
sdimückten Motivs gedadit, weldies sidi dem unsiditbaren und dodi siditbaren 
Gewand anreiht. Es findet sidi sdion in der alten Ragnar Lodbrodt-Saga <dcutsdi 
von Hagen, 1828, Kap, 4> in Form der Sigurds und Brynbilds Toditer, Asiaug 
von Ragnar Lodbrodi gestellten Aufgabe, nackt und zugleich bekleidet zu 
ihm zu kommen, weldie Bedingung sie erfüllt, indem sie den Mantel ihrer langen 
goldenen Lodien über ein Netzkleid fallen läßt und so seine Königin wird. Mit 
anderen ähnlidien Proben verbunden findet sidi das gleidie Motiv und dieselbe 
Lösung <Fisdigarn) in einer von Veckcnstedt mitgeteilten Wendis dien Sage 
(p. 230). Die parallelen Überlieferungen hat Reinh. Köhler <Sdir, III, P' 513 f.) 
zusammengestellt. — Interessant ist in einer von Nelken <Iahrb, f. psydioanal. 
Forsdiungen, IV. Bd.) analysierten Phantasie eines Sdiiiophrenen, «er sei im 
königlidien Gewand und dodi nadit gewesen« <p. 526), 

1 Daß die primitive Kleidung, entgegen der bibli.sdien Auffassung vom 
Sündenfall, zunädist anderen Motiven ihre Entstehung verdankt, sei hier nur 
angedeutet. — Interessant ist die Auflassung einer arabisdi-jadisdien ÜberiieferunB; 
»Als sie aber von dem Baume gegessen hatten, da fielen ihnen ihre Haare ab, 
und sie blieben nadtend stehen.« <'>Die Sagen der Juden«^. Frankfurt 1913, üd. 1 
p. 343), - Eum Thema vgl. man nodi Walter A. Müller; Nadttheit und 
Entblößung in der altorientalisdien und älteren griediisdien Kunst. Leipzig lyoti.— 
Neuestens audi Hörnes; 'Ursprung und älteste Form der meiisdilichen Be- 
kleidung« (Scientia VI, 1912, Hefi 1). 



Die Nadttheit in Sage and Dirfitung 375 

gleidi höheren Genuß bietet, In diesem Sinne darf der Diditer mit 
Redit sagen: »Denn was uns reizt, das lieben wir verhüllt« (Gyges. 
II. Akt). Und ganz im Sinne unserer Autldärung des Naiisikaa= 
traumcs sagt Grillparzers eifersüditige Sappho zu der sdiamhaften 
Melitta, die nadi dem Bade, in weldiem sie sidi unbelausdit wähnt, 
ihre präditigsten Kleider anzieht: ^So viele Hüllen deuten auf 
Verhülltes,« In diesem Zusammenhang läßt sidi audi ein sdiein- 
bar belangloses Detail in Maeterlincks »Monna Vanna« ver= 
stehen, weldie Dichtung sidi ja mit ihrem aufdringlidien Nad(theits= 
motiv unserer Betraditung darbietet. Am Sdilusse des zweiten Auf= 
zuges, als Prinzivalli nadi Verzidit auf die Befriedigung seines 
lüsternen Wunsdies entsdilossen ist, Vanna in das feindlidie Lager 
zu begleiten, erinnert er sidi erst; »Adi, idi vergaß, du bist fast 
bloß der Nadit und Kälte ausgesetzt,, und idi bin der Barbar, der 
das gewollt hat . . . Hier in den großen Truhen liegt die Kriegs= 
beute für didi aufgesammelt . . , Hier sind goldene Gewänder, 
Mantel von Brokat . . ,« Vanna (ergreift einen Sdileier und hüllt 
sidi darin ein): »Nein, dieser Sdileier nur.« Wieder ersdieint 
hier die Tendenz, das Weib, nadi dessen nadttem Anblidt ihn ge= 
lüstete, gleidisam zur Buße für dieses als frevelhaft erkannte Be= 
gehren nun mit kostbaren Kleidern zu überhäufen. Und überaus 
fein weiß der Diditer in dem Umstand, daß Vanna von alledem 
nur einen dünnen Sdileier nimmt, anzudeuten, daß es sidi keines= 
wegs um den Sdiutz gegen die Kälte, sondern lediglidi um eine 
psydiologisdi geforderte Reaktion auf die Entblößungsgelüste 
handelt, fa, die Szenerie und damit die Stimmung des ganzen Auf= 
zuges sdieint in dieses Lidit getaudit, wenn das Zelt, in dem die 
nadite Frau erwartet wird, folgendermaßen ausgestattet sein soll: 
sPrunkhaftcs Durdieinander. Waffen, Haufen von kostbaren 
Pelzen, große halboffene Koffer, die von Edelsteinen und schim= 
mernden Stoffen überquellen.« Von dieser poetisdi gesteigerten 
Verwertung unserer normalen erotisdien Bekleidungslust ist nur ein 
Sdiritt zu gewissen pathologisdien Ausgestaltungen des gieidien . 
Komplexes. Es läßt sidi nämlidi zeigen, wie die — wördidi und bi(d= 
lidi — gleidisam verhüllte, intensiv verdrängte Exhibitionsneigung zu 
gewissen auffälligen Eigenheiten, ja pathologisdien Übertriebenheiten 
in der Kleidung führen kann, die den Eindrudt erwedcen, es liege 
so mandier unnötig überladenen oder gezierten Toilette, sei es bei 
Frauen oder Männern <GigerU oder Stutzertum), eine ähnlidie un= 
bewußte Reaktion gegen exhibitionistisdie Gelüste zugrunde. So 
findet sid» in Krafft=Ebings »Psydiopathia sexualis« <9, Aufl,, 
p. 357, Beob. 167> ein Fall, der uns den Zusammenhang des 
Stutzertums mit der exhibitionistisdien Perversion erweist. Es 
handelt sidi um einen siebenunddreißigjälirigen ledigen Mann, der 
wegen Exhibitionierens in einem Öffentlidien Park verhaftet 
wurde und sdion zweimal wegen desselben Delikts vorbestraft war. 
Krafft^Ebing beriditet von ihm: »Madit durdi stutzerhafte 

18" 



276 Otto Rank 



Kleidung, manirierte Spradje und Bewegungen einen eigencümüdien 
Eindrudc ... Er hielt sidi immer für etwas Besseres als die 
anderen, legte großen Wert auf elegante Kleidung und 
Pretiosen, und wenn er Sonntags einherstolzierte, dünkte er sidi in 
seiner Phantasie als ein hoher Beamter.« Aber audi eine der 
normalen Wurzeln für die nidit selten übertriebene Pedanterie und 
Peinüdikeit, die bis in das letzte Detail der Kleidung gebt, dürfte 
hier entspringen, wie [a nadi einer Bemerkung Freuds in den Ex= 
hibitionsträumen die Entblößung durdi einen geringfügigen Defekt 
in der Kleidung ersetzt sein kann. Nidit immer äußert sidi jedodi 
diese Beziehung in so relativ harmloser oder durdisiditiger Weise. 
Neuere psydioanaly tisdie Forsdiungen Freuds haben es wahr* 
sdieinlidi gemadit, daß audi der Perversion des K 1 e i der f e t i= 
schismus eine soldie pathologisdie Versdiiebung und Fixierung des 
ursprünglidi für den naditen Körper interessierten Sdiautriebes auf 
dessen Bekleidung zugrunde liegen dürfte'. 

Nadi Kenntnisnahme dieser Zusammenhänge wird man es 
wohl kaum als Zufall auffassen können, daß gerade von Andersen, 
dem Erzähler des Märdiens von des Kaisers neuen Kleidern, 
einige auffällige Besonderheiten seiner Kleidung aus seinem Leben 
beridttet werden^^. »Er galt als der größte Modegeck in der 
Stadt und legte seiner Kleidung eine besondere Bedeutung bei, 
was auÄ durdi seine eigenen Beridite bezeugt wird. Er hielt vor 
besonderen Anlässen Kostümproben ab und war immer besorgt, 
weldien Eindrudt seine Kleidung madien werde.« Dieser nahezu 
paranoisdie, auf die Kleidung bezüglidie Beaditungswahn, den Freud 
ebenfalls als Verdrängungsersdieinung ursprünglidi exhibitionistisdier 
<gleidigesdileditlidier> Gelüste aufgeklärt hat'', findet in der Figur des 
Kaisers, durdi dessen Kleidung man den nadften Körper hindurdisieht, 
der also eigendidi immer fürditet, unbekleidet durdi die Straßen der 
Stadt zu gehen, einen treffenden poetisdien Ausdruds'. Und das kleine 

' Vgl. dazu den Aussprudi des Diditers Peter Hille; ^>AIJdl das korrekteste 
Weib treibt Fetisdiismus, den Fetisdiismas mit sidi selljst, die Mode« <Reclams 
UniversaI=Bibl„ Nr. 5191, p. 27>. 

= Die folgenden interessanten Details aus Andersens Leb ensgesdiidite sind 
einer im »JalirbuA Für sexuelle Zwisdienstufen« <1]I. Bd., 1901) ersdiieiienen Arbeit 
entnommen, die sidi mit den liomosesiiellen Neigungen diis Dichters besdiäj^igt. 

^ Traumdeutung, 2, AuH., p. 172 und in der »Analyse eines Falies von 
dironisdier Paranoia« <Sammlung kl. Sdir. z. Neurosenleiire aus den Jahren 1393 
bis 1905, p. 123 u, ff.>. Die Beziehung der abgewelirten Homosexualität zur 
Paranoia hat Freud im Jahrhudi, ßd. III, 1911, dargelegt. 

* Markus Landau hat (»Bühne und Welt., !. Jahrg., 1898/99, p- 969) 
• das Märdien vom Blendwerk und ifes Kaisers neuen Kleidern auf seiner Wände- 
rung durdi die Weltliteratur« verfolgt und dabei Material herangezogen, an dem 
siÄ die von uns hervorgehobenen Motive der Schau- und Zeigelust in ihrer ge- 
staltenden Wirksamkeit naiweisen ließen. Nicht selten findet sidi die Naditheit, wie 
auch häufig in Träumen, durch eine teilweise Entblößung ersetzt, wie in der Ge- 
schidite der Königin von Saba, wo es sidi nur um ein Aufraffen des Kleides bis 
ans Knie handelt. <Vgl. auch das nadite Bein in der Sage vom Staufenberger, die im 
II, Teil unserer Abhandlung besprochen wird.) 



Die Nacktheit in Sage und Diditung 277 

Kind, das allein im Märdien die Nadahcit des Kaisers naiv aner= 
kennt, repräsentiert die infantile Begründung dieses Wahnes, dessen 
normale Wurzel Freud in der Eigenübersdiätzung (NarziOmus) 
des Kindes wiedergefunden hat, das beim ersten Ausgang in seinem 
neuen Kleiddieii meint, alle Leute müßten davon Notiz nehmen und 
davon entzüdtt sein. Nun findet sidi die einem soldien BeaditungS' 
wahn zugrunde liegende Entblöliungslust, wenn auch ihrer ursprüng= 
lidien Intensität und Ziele beraubt, im späteren Leben Andersens 
erhalten und läßt sidi endlidi audi auf Grund seiner Autobiogra= 
phie »Das Märdien meines Lebens« in ihrer vollen infantilen Be^ 
tonung — wenngleidi nur mehr mit negativem Vorzeichen — auf= 
zeigen. In einem Briefe aus Paris beriditet der Diditer, er habe auf 
der Promenade mit der Hand die Beinitleider etwas hodi gehoben, 
um seine sdiÖnen »seidenen Strümpfe dodi ein bißdien sehen zu 
lassen«. Anstatt der Hervorhebung des Weiblidien in diesem Zuge 
sei in diesem Zusammenhange die beiden Gesdileditern eigene Ex= 
hibitionsneigong betont, die darin unzweifelhaft Ausdrudt findet und 
die audi einen Anteil an gewissen Formen der Verkleidungssudit 
zu haben sdieint'. Als indirekten, aber darum nidit minder stidi= 
haltigen Beweis für das Vorhandensein und die ursprünglidie In= 
tensität der Entblößungsgelüste bei Andersen muß man die von 
ihm selbst berichteten frühzeitigen und besonders stark ausgeprägten 
Abwehrregungen dagegen ansehen. Er erzählt, er sei als Knabe 
wegen seines Aussehens und seiner übermäßigen Verschämtheit 
oft für ein Mädchen gehalten worden. Einst wollte sidi ein Bursdie 
aus einer Sdiar von Gesellen unzweifelhafte Gewißheit über das 
Gesdiledit des Kindes versdiaffen und ergriff es zu dem Zwedte. 
»Die anderen Gesellen«, heißt es wördidi weiter, »fanden diesen 
rohen Sdierz amüsant und hielten mich an Armen und Beinen 
fest, idi heulte aus vollem Halse und schamhaft wie ein Mäddien 
stürzte idi aus dem Hause zu meiner Mutter.« Audi in diesem 
Beridit möditen wir nidit so sehr die Tatsadie der homosexuellen 
Empfindung- als die des ausgeprägten Sdiamgefühls hervorheben, 
das sich aufs heftigste gegen die Entblößung der Genitalien sträubt, 
und zwar in einer verhältnismäßig frühen Zeit, wo unter normalen 
Umständen das Schamgefühl im eigentlidien Sinne nodi fehlt oder 
si di eben zu entwidseln beginnt. Heben wir sdiließliÄ nodi hervor, daß 

' Als Student spielte Andersen einmal eine groteske Colombine mit 
nackten Armen und wallenden Fladislocken. — ÄhnliÄe Verkleidungs.szenen 
im Zusammenhang mit EntbloRangsEelüsten tcridnet Grillparzer in seiner 
Selbstbiographie von seinem Bruder, der bei soldien Anlässen »lialbnackt ein- 
herging«, lülber die homosexuelle Komponente des Verldeidungs trieb es vergleidie 
man die ausführlidie Monographie von Dr, M. Hirschfeld; Die Transvesliten 
<Berlin 1910). 

'^ Die zweifelsohne homosexuelle Gefühlsrirfifung Andersens sdieint sidi 
au* darin zu verraten, dall die Entblößung im besprodienen Märdien einen Mann 
(zunächst natürlidi die psydiisdie Persönlidikeit des Diditers) betrifft, während in 
anderen Didicungs- und Sagenstoffen die männlidie Sdiaulust sidi weiblidie Befrie- 
digungsobjekte s dl äfft, 



278 Otto Ranh 



die in dieser Kindheitsszene gesdiilderte, unfreiwillig erduldete 
Entblöfiiing, die durdi Festhalten des Opfers erzwungen wird, 
auffällig an jene Sensation der Hemmung erinnert, die im Traume 
den EntbiöRten in der pelnlidien Situation festhält, und behalten 
wir diese interessante Analogie für die folgenden Erörterungen im 
Auge. 

Ist es uns so für die Märthenerzählung Andersens geglüdtt, 
im Sinne des ihr zugrunde liegenden Traumerlebnisses die individu= 
eile Wurzel im Seelenleben des Erzählers selbst aufzuzeigen, so ist 
ein ähnlidier Nadixceis für die Nausikaa=Episode um so weniger 
zu erwarten, als nidit nur jede persönliche Nadiridit vom Diditer 
der Odyssee fehlt, sondern audi die Ergebnisse der Homerkritilc 
es wahrsdieinlidi madien, daß das Epos in seiner gegenwärtigen 
Gestalt ein verhältnismäßig spätes Produkt sei, in das eine Reihe 
kleinerer selbständiger episdier Gesänge von versdiiedenen Diditern, 
die in der Regel alt überliefertes Mythenmaterial verwerteten, Ein= 
gang gefunden habe. Inwieweit die Nausikaa-Sagc, die Freud 
als Objektivierung eines uralten Traummotivs erkannte, einem 
soldien ursprünglidien Mythenkerii entstammt, ist sdiwer festzu= 
stellen, da sie in der endgiltigen Gestaltung des Epos mit dem 
Fortsdiritt der Handlung aufs engste verknüpft und vom Ganzen 
untrennbar ersdieint. Anders verhält es sidi mit gewissen kleinen 
Episoden, die von der literaturhistorisdien Kritik, ja nidit selten audi 
vom naiven Leser ohne weiteres als mehr oder minder willkürlidie 
oder überflüssige Einsdiiebsel betrad\tet werden, die, ohne in den 
Gang der Handlung siditlidi einzugreifen, ledigliÄ gewissen episdien 
Anforderungen der Breite und Ausdimüdsung zu dienen sdieinen 
und nadi allgemeiner Ansidit ohne Sdiaden für das Verständnis 
wegbleiben könnten. Als eine dieser freien diditerisdien Zutaten gilt 
der philologisdien Kritik die Demodokos^Einlage (Od. VIII, 266 
bis 365>\ die sdiildert, wie anläßlich eines zu Ehren der Anktnift 
des Odysseus vom Phäakenkönig veranstalteten Festmahls unter 
anderen Vergnügungen die Gäste und insbesondere Odysseus 
<v, 368) durch die Kunst des berühmten Sängers Deniodokos er^ 
freut werden, der in etwas frivoler Weise die Liebe des Ares und 
der Aphrodite besingt. Gerade von dieser sdieinbar ganz äußcriidi 
und beziehungslos eingefloditenen Erzählung läßt sidi nun in unserem 
Zusammenhang zeigen, daß sie mit der ihr unmittelbar voraus» 
gehenden Nausikaa=Episode in der aOerinnigsten, tiefstreidienden 
Beziehung steht und es so die größte innere Wahrsdieinlidikeit 
gewinnt, daß diese beiden psythoiogisdi aufs engste verknüpften 
Partien der Odyssee aus der Seele desselben Diditers oder mit 
Rüdisidit auf ihre unsichere (mythologische) Herkunft aus dem 
gleichen psydiisdien Komplex entsprungen seien. Demodokos erzählt, 

' »Das Tanzlied von der Buhlsdiiift des Ares mit Aphrodite ist ganz 
gegen den Geist des alten Epos. Spradilidi verrät sidi der Jonier, man könnte 
vielleidit auf Kynaithos als Verfasser raten,! (Ficd, Die Odyssee, p, 315.) 



Die NaAtheit in Sage und Diditung 279 

wie der sdiöne Ares mit der goldenen Aphrodite, der Gattin des 
mißgesta[teten Hepiiaistos, gebuhlt habe. Als der gekränkte Gatte 
von dem AKseher Helios die sidiere Kunde erhält, daß er die beiden 
in geheimer Umarmung gesehen habe, ersinnt er eine feine Radie. 
Er sdimiedet, um die beiden fest und auf ewig zu binden, starke 
und unauflösliche Ketten, dabei aber: 

Zart wie Spinnengewebe, die keiner zu sehen vermöchte. 
Selbst von den seligen Göttern: so wunderfein war die Arbeit! 

Diese kunstvollen Fesseln habe er in seinem Hodizeits^ 
gemadi im Bereidie des Ehebettes derart ausgebreitet, daß er da= 
mit die beiden Verliebten im gemeinsamen Sdilummer festbannen 
konnte iv. 298>: 

Und sie vermochten kein Glied zu bewegen oder zu heben. 
Aber sie merkten es erst, da ihnen die Fludit sdion gehemmt war. 

Zu diesem Sdiauspiel ruft nun Hephaistos alle Götter herbei, 
»aber die Göttinnen liÜeben vor Sdiam in ihren Gemädiern« 
<v. 324>, und befreit die beiden Liebenden nidit früher aus ihrer 
peinlidien Situation, bis er von dem einzigen ernst gebliebenen 
Poseidon die Eusidierung der Genugtuung empfangen hat, Wir 
stoßen also hier wieder, wie in der Nausikaa-Sage, auf die poeti^ 
sdie Einkleidung der peinlidien Empfindung des Gehemmtseins, 
weldie die offenbar in ihrer Nadctheit zur Schau gestellten 
Liebenden der großen Götterversammhmg gegenüber befällt, die den 
Vorfail zwar nidit teilnahmslos, aber immerbin mit einer für uns 
befremdliciien Heiterkeit aufnimmt. Die Scham der beiden Bloß= 
gestellten wird als selbstverständlidi nidit näher besdirieben,. es wird 
nur erwähnt, daß sie im Augenblicke der »Lösung« hurtig davon 
sprangen und daß Aphrodite sidi beeilte, mögHchst bald wieder nach 
Kypros zu ihren Charitinnen zu kommen, die sie »mit schönen 
und wundervollen Gewanden schmückten« <v, 366), 

Auf Gnmd dieser Analcigien wird man wohl kaum daran 
zweifeln können, daß diese der Traumsituation entsprechende Szene 
dem gleidien seelischen Komplex entstammt wie die Nausikaa» 
Episode und es kann auch weder ihre Aufeinanderfolge im Epos 
noch ihre Einfügung gerade an der Stelle zufällig erscheinen, wo 
der als nadcter Fremdling angekommene Odysseus beim Gastmahl 
unterhalten und an die Familie des Königs Alkinoos gefesselt 
werden soll. Neben den auffälligen Übereinstimmungen beider 
Schilderungen muß jedodi eine charakteristische Abweidiung in der 
Demodokos^Erzähkmg besonders hervorgehoben werden, weil sie 
in ihren schärferen Ausprägungen uns zu einer neuen Motiv= 
jgestaltung der Hemmungsemprindung hinleitet. Während in der 
Fraumsituation wie in der Nausikaa=Szene die Hemmung als rein 
psychische Sensation empfunden und dargestellt wird, ist sie in der 
göttlichen Liebesgesdiichte — aus weldien Gründen bleibe hier un=- 
erörtert — als Fesselung versinnlidit, objektiviert, und es tritt uns 



280 Otto Rank 



I 



diese gewissermaßen rationalisierte Form der Motivgestaltung bei 
weitem öfter entgegeti als die rein psydiologische. Mag nun aieser 
Projektion der seelisdien Empfindung nadi außen das Bedürfnis 
einer logisdien Erklärung für die unverstandene Sensation zugrunde 
liegen oder mögen andere uns nodi unbekannte Motive an dieser 
Veräußerlidiung Anteil haben, immerhin madit es gerade das 
Demodokoslied unzweifelhaft, daß das Motiv der Fesselung als 
Objektivierung der rein subjektiven Traumhemmung aufzufassen ist. 
Nidit so sehr, weil das Gefühl der Hemmung die beiden Buhlen^ 
den im Schlafe <Traum> befällt, als deswegen, weil ja die Fesseln 
hier ausdrüdilidi als unsichtbare Bande gesdiildert werden, was 
einem getreuen spradilidien Abbild der unerklärlidien Traum= 
hemmung entspndit. Wir greifen also hier gleidisam mit Händen den 
Übergang von der rein innerlidien Empfindung der Hemmung <im 
Traume) zur rein äußerlidien Tatsadie der Fesselung, wie wir sie 
im folgenden sagengesdiiditlidi belegen werden und überrasdien 
so gleidisam das Hervorwadisen dieser Motivgestaltung aus der 
primitiven unverstandenen Traumsituation in statu nascendi. Be= 
sonders die mittelaiterlidie Sagenbilduiig, die so viele aus dem Altern 
tum rein mensdilidi überlieferte mythisdie Stoffe und Motive zu 
entstellen und zu rationalisieren wußte, hat diese Veräußerlidiung 
der Hemmungsempfindung des entblößten Träumers in extremer Weise 
ausgestaltet. Hieher gehört der vielen deutsdien Sagen geläufige 
Eug, daß die nadits den Mann plagende Mahre als Strohhalm, 
Kornähre, Katze oder ähnlidies in den Sdiraubstotk gespannt oder 
festgeklemmt wird und morgens dann als nacktes Frauen^' 
Zimmer dasteht, die ohne den Willen des Besiegers nicht von 
der Stelle kann. Ludwig Laistner hat dieses Motiv, das er auf 
den Alptraum zurüdiführt, durdi die ganze deutsdie Sagengesdiidite 
verfolgt und audi dessen Ähnlidikeit mit der homerisdien Erzählung 
hervorgehoben <»Das Rätsel der Spliinx«, Berlin 1889, I. Bd., p. 177). 
Als Beispiel sei eine Überlieferung erwähnt, die vom Besitzer einer 
wunderbaren Ente beriditet, er hätte drei Frauenzimmer, die ihn 
des Nadits seines Sdiatzes berauben wollten, durdi ein Zauber= 
sprüdilein festgebannt, so daß sie »nackt, wie sie waren, die 
ganze Nacht hindurch stehen bleiben mußten« <I. Bd., 
p. 176). Das entspridit ganz der Situation des gefangenen Stroh= 
halms, der in den Sdiraubstodi geklemmt wird und morgens als 
nadctes Mäddien dasteht. Nur nähert es sidi insoferne mehr der 
ursprünglidi zugrunde liegenden Traumsituation, als das äußerlidi 
siditbare Mittel der Fesselung <Laistners »Lurod«) nidit eingeführt 
wird und der 2auber lediglidi an einem Sprudie hängt, der in 
anderen Überlieferungen <vgl. Laistner, I. Bd., p. 176) dazu dient, 
ein verliebtes Paar festzubannen, wie in der Demodokos^Episode. 
Direkt mit der im Sdilafzustand <Traum> erfolgenden Entblößung 
ersdieint die Sensation der Hemmung in Zusammenhang gebradit 
in einer gleidifalls von Laistner <I. Bd,, p. 45} mitgeteilten Er= 



I 



Die Naditheit in Sage und Dichtung 281 

Zählung des Cäsarius von Heisterbadi von einem Klosterbruder, 
den im Sdilafe der Teufel in Gestalt einer Nonne umarmt und 
geküßt halte und der dann wie der trunkene Noah <i. e. 
entblöfit) gefunden ward. Als es Zeit zum Aufstehen war, 
konnte er sidi jedocfi nicht erheben und starb nadi drei Tagen. 
Ebenso wie diese Sage, in der uns die Hemmung nodi direkt 
als Folge der Nadttheitsempfindung verständlidi ist, feßt Laistner 
<L Bd., p. 175) audi eine andere, der homerisdien Erzählung 
verwandte Volks Überlieferung, die wir infolge Wegfalls des Nadit= 
heitsmotivs nidit mehr als liielier gehörig agnoszieren können, 
als Umgestaltung einer Alptraumsituation auf, Nämhdi den von 
der sdiwediscfien Volkssage skogtagen <walderfaßt> genannten Zu= 
stand, der Mensdien mitunter im Walde draußen erfaßt, so daß 
sie sidi von einem unsichtbaren, aber diditeii, u n du rdi drin glichen 
Netze festgehalten glauben, das ihnen keinerlei Bewegung gestattet. 
Das wäre etwa ein letzter Ausläufer des uralten, aus der wider= 
spruAsvolIen Traumsituation hervorgewadisenen Motivs der Be= 
wegungshemmung, weldier der nackte Träumer trotz seiner gegen= 
teiligen Intention erliegt, Es muß jedodi hier stärker betont werden, 
daß sidi in der auf Grund der Verdrängung peinlidi wahr= 
genommenen Hemmungsempfindung dodi nur der ursprünglidie 
Wunsdi manifestiert, die Entblößung den Blidfen der Umgebung 
darzubieten. Ja man muß sogar — - das Motiv von der Wunsdi= 
tendenz aus betraditet ■ — die infolge der Hemmungsempfinduiig fort= 
dauernde Entblößung als übertriebene W^unsdierfüllung auffassen, 
die dadurdi eben peinlidi empfunden wird und so der sdiamhaften 
Verdrängungstendenz allein zu dienen sdieint, auf Grund deren der 
Träumer sicfi dem Anblidi der Umgebung vergeblidi zu entziehen 
sucht. In Hinbhdi auf die typisdie <masodiistisdi gefärbte) Phantasie 
von erzwungener Entblößung, die in dem Motiv der Fesselung 
ihren poetischen Ausdrudi gefunden hat und von Andersen als 
Erlebnis beriditet wurde, darf man vielleidit ein Urbild dieser Redit= 
fertigung der primären Zeigefust durdi die Hemmungsempfindung 
in einer sehr frühen Zeit der Kindheit wiederfinden, wo es dem 
Säuding infolge seiner organisdien Unzulänglidikeit de facto un= 
möglidi ist, sich den bewundernden BJidcen der cntzüdtten ße= 
sdiauer zu entziefien, selbst wenn er es wollte. 

Dieses Motiv der wider Willen erzwungenen Exhibition ist 
wie kein anderes geeignet, den Widerstreit zwisdien Trieb und 
Verdrängung, den wir uns beim Diditer besonders intensiv denken 
müssen, aufs deuflidiste zu veransdiaulidicn. In diesem Sinne hat 
es denn audi in den Werken eines mit Redit hodi geschätzten mitteU 
alterlidien Diditers ich niödite sagen Idassisdien und in mehrfadier 
Hinsicht interessanten Ausdrudt gefunden. Hartmann von Aue, 
der um 1200 lebte, hat unter anderem die Legende vom heiligen 
Gregorius auf dem Stein nach einem französisdien Gedicht 
poetisdi bearbeitet. Der Stoff stellt sidi als eine der zahlreidien und 



l. 



382 



Otto Ranft 



im Mittelalter seiir beliebten Variationen der antiken Oedipussage 
dar', die allerdings durdi Häufimg der Versündigung sowie Maß= 
losigkeit der Buße und Vergebung den modernen Gesdimadi 
abstöiit, Gregor, das Kind aus einem bkitsdiänderisdien Verhältnis 
zwisdien Bruder und Sdiwester, heiratet später unwissend seine 
eigene Mutter und verbringt zur Sühiiuiig dieses Vergehens sieb= 
zehn Jahre angefesselt auf einem inmitten des Meeres aufragenden 
Stein, wo ihn sdiließiidi Gesandte aus Rom aufsudieii, um den 
durdi diese Buße gereinigten Sünder zum Papst zu madien. Die 
ausfCihrlidie Sdiilderung dieser Auffindung Gregors enthält nun 
gleidifalls das Motiv der sdiamvoll empfundenen Naditheit in 
Verbindung mit dem der Motilitatshemmung durdi die Fesseln. Es 
heißt bei Hartmann:^ 

Da ward der Gut' und Reine 

Bald ihres Kommens inne 

Und sann, wie er entrinne. 

Denn seine Schani, die war zu groß, 

Dieweil er war ganz nackt und bloß, 

Dodi konnte er nidit laufen fiiiik, 

Wci[ eine Eisenfessel hing 

An jedem Bein, die hemmt' die Glieder, 

Er stürzte auf den Felsen nieder 

Und wollt sidi so verbergen da. 

Er bradi, als er sie kommen sah, 

Sidi Blätter, daß die Scham sie hehlten. 

So fanden sie den Ootterwählten . , . 

Diese vom Diditer in sdieinbar freier Aussdimiidfung des über= 
lieferten Stoffes und ohne Anlehnung an die Odyssee eiugeOoditene 
Situation der erzwungenen Entblößung vor mehreren Zusdiauern 
gewinnt nodi dadurdi an Interesse, daß sidi im gleidien Gedidit 
Hartmanns audi ihr Gegenstiidt, die kistvolle Entblößung einer 
einzelnen geliebten Person, findet. In der sehr detaillierten Sdiilde= 
rung der Verführung der Sdiwester durdi den Bruder verweilt der 
Diditer mit besonderem Behagen bei der allmählidi fortgesetzten 
Entblößung des sdilafenden Mäddiens dtirdi den liebesgierigen 
Bruder und variiert das Thema (1. c, p, 18) mit der gleidien 
episdien Breite, die uns sdion an der gleidibedeutenden mehrfadien 
tdervorhebung der Kleider im Traum der Nausikaa auffällig ge= 
wesen ist: 

Er sdilidi sidi leise hin zu ihr, 
Bis er in ihrem Bett sie fand. 
Er hob das hüilende Gewand 
Vom keusdien Leib so sanft und sadit, 
Daß sie davon nidit eh'r erwadit 

' Vgl. Ranit; Das Inzest-Motiv in DiAtung und Sage (Wien und Leipzig 
19] Z>, Kap. X. 

- Nadi der Qtiersetzung von Pannier (Reclams Universal^Bibliotiie!;, 
Nr. 1787, p. HZ). 



\ 



Die Nacktheit in Sage uniä Ditiitung 283 

Als bis er ganz darunter drang 
Und seine Arme um sie sdilang 

Das letzte trennende Gewand 

Schob nodi hinweg des Bruders Hand 

Und Beide ruhten Leib an Leib. 
Diese im Gregorius auf zwei Personen und zeitlich weit 
auseinanderliegeiide Szenen verteilten Ausdrudisformen der Exhi= 
bitionsregung in ihrer positiven Ausprägung und in ihrer Abwehr^- 
form finden sidi in desselben Diditers Bearbeitung der Sage vom 
Armen Heinrich in einer einzigen Situation vereinigt, die es außer 
Zweifel stellt, daß dieses in Hartmanns SdiafFen typisdie Motiv 
tief wurzelnden persÖnlidien Seelenregungen des Diditers Ausdrudt 
verleiht^. Der vom Aussatz befallene Ritter Heinridi kann nach 
dem Glauben seiner Zeit, den audi der berühmte Salerner Arzt 
teilt, nur diirdi das Herzblut einer reinen, sidi freiwillig opfernden 
Jungfrau von seinem Leiden geheilt werden. Das elfjährige Mäddien 
des Päditers, in dessen Haus sidi der siedie Ritter zurüdtgezogen 
hat, entsdiließt sidi in ihrer Einfalt und Liebe zu dem Leidenden 
zu diesem Opfer und weiß die Erlaubnis dazu audi bei ihren tief= 
betrübten Eltern wie bei dem anfangs ablehnenden Ritter schließlich 
durdizusetzen. Der Arzt sudit das unerfahrene Ding durch Sdiilcle= 
rung des ihr bevorstehenden Leidens von ihrem Vorhaben abzu- 
bringen: 

Ich muß dich ausziehii nackt und hio\i/ 

Ist das iiidit Not genug, so groli. 

Daß du mit Redit vor Sdiam vergehst. 

Wenn du so iiadcend vor mir stehst? 

An Beinen bind idi didi und Armen, 

Fühlst du mit deinem Leib Erbarmen, 

Bedenice, Mäddien, diese Schmerzen! 

Ich schneide didi bis tief zum Herzen 

Und brech es, wenn du lebst, aus dir=. 

Aber das Kind fürditet nur, daß den Arzt im entsdieidenden 
Moment der Mut verlassen werde, sie selbst gehe zur Operation 
»wie zum Tanze«. Und audi die vollständige Entblößung, deren 
Notwendigkeit allerdings nicht aus der Art der Operation folgt, ist, 
weit entfernt ihr peinliche Gefühle zu verursachen, vielmehr im 
Sinne der ursprünglichen Exhibitionsneigung eine Quelle der Lust 
für sie: 

' Die Situation des an Händen und Füllen gefesselten, aller Kleidung 
entblößten Mannes, der »nadit wie eine I-Iandc von seinen Feinden mir Geiflel» 
ruten gEziirfitlgt wird, findet sidi srfion in Hartnianns Erstlingswerk: "Erecs 
(XV, 5400 u. ff.) und eine ähnlirfie Szene wird aucfi in seinem letzten Ge= 
didit: »Iwein« nIAt vermißt (v. 4937 ff.). Interessant ist hier <v. 3234) auA der 
fast identisdie Ausdrudc des Abreifiens der Kleider vom Leibe wie hei dem 
Opfer des Arnieii Heinridi. Die Besprediung anderer hieb ergehöriger Züge aus 
dem »Iwein« folgt oben im Text. 

- Nach Wolzogens Übersetzung <Rec[ams UniversaI=BibliotheIc, Nr. 456, 
p, 39). 



n 



884 



Otto Rank 



Er hieß die Jungfrau allsogleiA 
Vom Leibe ihre Kleider tun. 
Wie war sie froh di:r Arbeit nun! 
Sie riß sie in der Naht entzwei/ 
Bald stund sie aller Kleider frei. 
Entblößte ihre Schönheit gern 
Und sonder Scham für ihren Herrn. 

Das enCsdieidende Moment, wodurch sidi diese Szene von 
der analogen Entblößung Gregors abhebt, ist das Fehlen jeder 
Abwehr bestrebung und Sdiamempfindung, "iceldie die vorbildlidie 
Traumsituation kennzeidinen. Die Entblößung tritt hier mit infantiler 
Naivität in der ursprüngiidi iustvollen Betonung auf und die 
Fesselung des Opfers ersdieint nidit so sehr im Sinne einer Objektiv 
vierung der Hemmungsemplindung, die ja nidit betont wird, wie 
vielmehr ais sadistisdi=masodiistisdie Verankerung des Motivs, die 
vermudidi in der Wehrlosigkeit des kleinen Kindes ihr Vorbild 
haben dürfte'. Die Überkompensation der Exhibitionsneigung durdi 
die <harakteristisdi=typisdie KleiderfLiOe und =prad\t ist in einen 
anderen Zusammenhang versprengt und sdieint audi nur durdi die 
Forderung poetlsdier Aussdimüdtung gestaltet. Vor der Fahrt 
nach Salern stattet Heinridi das arme Kind geziemend aus und 
sdienkt ihr: 

Ein sdiönes Roß und Kleider reich, 
Wie nie vor dieser Zeit sie trug, 
Von Hermelin und Sammt genug 
Und bestem Zobel, den man fand: 
Das war der holden Maid Gewand. 

Ater nidit bloß in den bedeutungsvollen Hauptszenen der 
Handlung, wo die Ausführlidikeit des Dichters sich noi als Fordet' 
rung der Technik reditfertigen ließe, sondern audi in einzelnen De= 
tails seiner Dichtuiigen, ja selbst in Gleichnissen kommt der Nad^t^ 
heitskomplex zum Durchbrudi und verrät sidi so als entsdieidendes 
Motiv der unbewußten dichterisdien Gestaltung und nidit bloß als ein 
poetisches Requisit. So illustriert der Diditer in der Einleitung zu 
dem eigentlichen Thema des »Gregoriuss die unermeßliche Gnade 
Gottes, die sidi ja audi an Gregor bewähren sollte, an dem 
Gleichnis eines Mannes, den Mörder berauben und schwer ver= 
wundet liegen lassen, dessen sidi aber Gott zu seinem Heile er^ 
barmt <p. 10>: 

Sie hatten ihn gar frevelhaft 

Dahingestreckt und ihm entrafft 

Die Kleider alle, die er trug. 

Und hatten Wunden, schwer genug, 

Gesdilagen ihm mit frevler Hand, 



' Die Beziehung der masodiistisAen Fesselungsphantasie auf die Wehr» 
(osiglieit des Säuglings hat seither J. Sadger an Krankengesrfiiditen zeigen können 
<)ahrl>, f. psydioan, Forsdiungen, IV, Bd., 1912), 






Die NaAtheit in Sage und Dlditung 285 

Allein ihn ließ der liödiste Gott, 
Nidit ohne sein gewohnt Erbarmen; 
Er lieh in Güte nodi dem Afmen 
Ploffnung und Furcht zum Kleide, 
Die er ge wirket beide 
Zum Sdiutze allen Sündern. 

Dieses aus Furdil und Hoffnung gewebte Kleid erinnert wohl 
nidit ganz zufällig an das prächtige Gewand von Autorität, das 
die Nadttheit des Kaisers im Märdien verhüllen soll^. 

Audi die Versdiiebung des ursprünglich den Genitalien 
geltenden Exhibitionsgelüstes auf indifferente Körperteile, insbe= 
sondere auf Beine und Arme, wie bei Andersen, findet sidi im 
Gregorius. In ähnlidier Weise wird das erotische Wohlgefallen an 
der schönen, glatten, weißen Haut angedeutet <p. 97). Der arme 
Fisdier, bei dem der ehemalige Fürst als Büßer Unterliunft suÄt, hält 
den Mann, dessen wohlgestalteten und gepflegten Körper Lumpen 
dedien, für einen Betrüger: 

Es sah wohl sdiwerlidi Mann und Weib 
Je einen stattlidiercn Leib. 

Da bist gemästet guter Art, 
Die Sdienftel glatt, die Füße zart. 
Die Zehen wohlgestrectt und lang. 
Die Nägel sdiön gepflegt und blank 



Auch seh ich deinen Schenkeln an 

Nidit einen Fall, nidit einen Stoß, 

Du trägst sie noch nicht lange bloß. 

Wie sie so wohl bewahret sind, 

Daß weder Frost nodi rauher Wind 

Sic Je einmal berühret hat. 

Gar nicht zersaust und prädiiig glatt 

Dein Haar ist und sd'weicb die Haut, 

Wie man sie nur bei Sdiiemmern sifiaut. 

Die Arme und die Hände dein. 

Die müssen ohne Tadel sein, 

Und sind so glatt und sind so weiß; 

Du pflegtest sie mit anderm Fleiß 

In affer Heimlichkeit und Stiffe, 

Afs jetzt zu zeigen ist dein Wiffe. 

Audi das Gegenstüdi zu dieser wohlgefälligen Ausmalung 
der körperlichen Schönheit, nämlidi die Sdiilderung des durdi die 
übermenschlidie Buße entstellten Leibes wird im Epos mit liebe« 
voller Ausführlidikeit dargestellt. Vor der Auffindung des nadden 

' KleidungsstüAc ailegorisdi zu tieuten war zwar im Miltefaftfr allgemein 
belisbt <RcLnh, Kohler, Schriften, II. Bd., p. 122 fF.> — Man vgl, audi in 
Tennyson's Diditung von der »Lady Godivao, die wirim zweiten Teil unserer 
Arbeit ausführlich bespredieti, die auf die naAte Frau bezüglidie Wendung; "So 
ritt sie aus und Keuschheit war Ihr Kfeid.» 






S86 



Otto Rank 



Büßers malt der Diditer, offenbar von dem Streben nadi be= 
WLißter poetisdier Kontrastwirkung geleitet, im Detail aus, wie 
Gregor in seiner früheren Sdiönheit aufgefunden werde und hebt 
dabei seine mit der tatsädilidien Nadttheit sdiarf kontrastierende 
präduige Bekleidung hervor <p. 111), ein Zug, der uns bereits als 
Reaktion auf die Entblößung verständlidi geworden ist. Darauf 
folgt <p. 112 u. f.), nadi der Entdedtung des gänzlidi Unbekleideten, 
die langatmige Besdireibung seiner körperlidieii Entstellung, die ihn 
nidit, wie früher, zu einem wohlgefälligen Anblidt geeignet madit: 

Der arme Dulder dorten war 
Bewachsen ganz und gar mit Haar; 
Es war gar struppig ihm behaart 
Die Haut und struppig Haupt und Bart 

Erst voll an seinen Gliedern allen 
Das Fleisdi, nun aber abgefallen. 
Daß es kaum dedtte das Gebein; 
Sdiwadi war er wie ein Kindelein 
An Beinen und an Armen, 
Es mödite Gott erbarmen. 

Diese sdieinbar unwesendidien und ätißerlidi nur der diditeri= 
sdien Aussdimüdfung dienenden Details haben wir so ausführlidi 
mitgeteilt, weil sie im Zusammenhalt mit anderen Diditungen 
Hartmanns an innerer Bedeutung gewinnen und uns zu einer 
weiteren typisdien Verdrängungsform des Naddbeitsmotivs fuhren. 
Die gleidie Gegenüberstellung des nadtten, körperlidi entstellten 
Mannes und der erwünsditen Wohlgestalt und reidilidien Be= 
kleidung, wie sie die zuletzt angeführten Stellen zeigen, findet sidi 
neben einer Reihe bereits genannter typisdier Gestaltungsformen des 
Nadttheitsmotivs in dem Erstlingswerk Hartmanns, im »Iwein«, 
Der Held, der sidi mittels eines unsichtbar machenden Ringes 
seinen wie blind zustedienden Verfolgern entzieht^ irrt später im 
Wahnsinn nackt durdi die Wälder, wo ihn Frau von Narison 
sdilafend findet. Sie legt eine Fülle präditiger Kleider neben ihn 
und bestreidit seine wettergebräunte Haut mit einer heilenden Salbe, 
ohne ihn jedodi zu wedten: 

»Weil sie das wohl erkannte. 

Wie sehr erröten und Sdiande 

Einem edeln Manne wehe tut. 

Drum barg sie sidi in höfisdiem Mut, 

Daß sie ihn sah und er sie nicht. 

Sie gedadite, wenn das gesdiidit. 

Daß er erwadit und kommt zu Sinnen, 

Und wird hienadi deß innen. 

Daß ich ihn also nackt gesehn. 

So ist viel übel mir gesdiehn, 

' Der innige Eusamnienliang auch dieses Motivs mit der Verdrängung der 
Naditiieitslust wird im zweiten Teil unserer Abfiandlung ersiditlidi werden. 



Die Naditheit in Sage und Diditung 287 



Denn das beschämt ihn so sehr. 
Daß er mich nimmermehr 
Mit Willen hernadi ansieht.« 

(V. 3489 u. ff. übersetzt vo.i WolF 
Grafen Baudissin, Berlin 1845.> 

Auf diese vom intensiven Sdiamgefühl des Diditers abge= 
sdiwädite Wunsdiphantasie nach ungestrafter Entblößung vor einem 
weiblichen Zuschauer folgt die bereits angekündigte Kontrast= 
sdiilderung, die uns dadurdi nodi interessanter wird, daß dem 
nacJtten und verunstalteten Helden die gewünsdite Wohlgestaltung 
und prächtige Kleidung zunädist im Traume erfüllt scheint': 

»Aufridiiet er sldi alsbald, 

Und als er scfiaut seine eigne Gestalt, 

Und sich so schwarz und schrecklich sah. 

Zu sidi selber spradi er da; 

Bist Du's Iwein? oder Wer? 

Hab idi gesdilafen bisher? 

Weh', o weh' mir, und adi! 

War ich lieber dorfi nicht wadi! 

Denn im Traum ward mir gegeben 

Ein viel reiches Heldenleben. 

Ich war schön von Gestalt und reich 
Und diesem Leibe viel ungleich.« 

Der körperlich entstellt und nadct Daliegende träumt aber nidit 
nur in typisdier Wunsdierfüllungsform von seinem in voller Sdiön- 
heit erstrahlenden Körper, sondern audi — älinlirh wie Nausikaa — 
von dem entspredienden Verdrängungsgegensatz der KIeiderüber= 
häufung; 

»Als er die frischen Kleider 
Zur einen Seite ihm liegen sach 
Wunden' ihn das und*er spradi: 
Dies sind Kleider wie ich genug 
Sie oft in meinem Traume trug." 

Zu besonderer Bedeutung gelangt dieses Gegenstiidt zum 
Nausikaa=Traum durdi eine Studie Ostcrwalds <HalIe 1853), 
der den Stoff des «Iwein« ^ auf Grund naturmythologischer Ver- 

I 'Wie dem Didter seit jeher, so gilt auA Hartmann der Traum, aller- 
dings seinem manifesten Inhalt narfi. als Wunsdi erfüll er; 

»Traum, wie so wunderlidi du bist! 
ReidiTum schaffst du in kurzer Frist 
Einem, der also ärmlidi !eSt . . a (olwein«). 
Besonders im Minnesang [st dieses Motiv häufig verviiertet. Vgl. Walters 
von der Vogelweide Gedidite: sTraumdeutung«, »Süßer Traum« u. a.. auf die 
bereits RikÜn in seiner Arbeit: »Wunsdi Erfüllung und Symbolilc im Märdien« 
(1908) hingewiesen hat. 

- Vsl. audi C, Rauch, Die walisdie, französisdie und deutsche Bearbeitung 
der Iwein-Sage (Dissertation, Göttingen 1869). 



r: 



28S 



Otto Raiili 



glddunig in engste Beziehung zur Odysseussage bnngt. Aus der bis 
fn Einzelheiten durAg.führten Parallele se.en nur 7-' t^'^h ^ ^ ! 
hörige Punkte hervorgehoben: «Den langen und tiefen S*bt 'n 
den Iwein gefallen ist, als die Frau von Nansen mit ihren Be. 
eleiterinnen durdi den Wald reitet, vergleidie lA mit dem Sdilate 
£ Ody eus unter dem Ölbaume auf SAeria« <p. 53) bevor er, 
von dem Gesd^rei der spielenden Madien gewed^tnadaher^^^ 
tritt. Ebenso vergleiAt Österwald <p. 51 die durA «'^n fj"^^^^^^^ 
rine erlangte Unsid,tbarkeit Iweins außer mit Siegfrieds Nehelkappe 
auli mit dem bergenden Nebel, den Athena auT S die na um ,h en 
SAützling Odysseus ausgießt. WahrsdteinÜdier als Osterwaids 
Annahm? von"^ einer nur' durd. Entlehnung oder Wanderung des 
Stoffes erklärlidien mythologisdien Verwatidtschaft der beiden bagen- 
gebÜde ersAeint uns ihre psychologische Identität, die m der 
gleidien allgemein mensdilidien Traumsituation wurzelt und in den 
fypisdien 4rdrängungsformen der erotisdien Entbio ßungslus dai- 
Stellt ist. Als eine dieser Formen ist uns andeutungsweise bereits 
fm heiligen Gregorius und deudidier im *Iwein« Hartmanns das 
Motiv der körperlicben Entstellung etitgegengetreten, das 
übrigens audi in der Nausikaa^Szene vorgebildet ist wo der vom 
sSLim des Meeres besudelte Körper des nad^ten Ody^eus den 
Mäddien besonders sdired.enerregend ersdieinen nul <V ■ ^^'>: 
Dieses Motiv der Verunstaltung wird uns als ein fast "en^o^'s^er 
Abwehrausdrude der EntblöRungsgelüste verstandhi, die i^"^^/^^^ 
wohlgestalteten und erotisdi reizenden Korper gelten, Wahrend 
JdoTin den bisher angeführten Gestaltungen dieses Motivs die 
lörperlidie Entstellung nur allgemein als soldie karges eilt im 
einzelnen Falle iedodi sehr versAieden war und durchaus nidi s 
Bezeirendes an sidi hatte, findet siA das Motiv der Nadaheit auf= 
Sllig oft mit einem ganz bestimmten überaus diarakter.stisAen 
körperlidien Makel verknüpft, dessen Besonderheit einer eigenen 
Betraditung wert ist. 



»Die Betrachtung einer nadtten Frau 
läßt midi von ihrem Skelett träumen." 
Flaubert <Cori-esp.>. 

Dieses Gebredien, das die betroffene Person veranlaßt jede 
Entblößung ängsdidi zu vermeiden und anderseits dem B^chaue 
ihren AnbM niAt lustvoll, sondern ekelerregend madit, fnfft niAt 
einen einzelnen Körperteil vielmehr die dem B5„^d.auer dar.ubgende 
ganze Körperoberflädie, die Haut, die regelmäßig ^urd. die Krank- 
Lit des Aussatzes verunreinigt und eklig anzusehen f ^^^ 
wird es wohl kaum als Zufall gelten können, daß ^uA <i,eses 
Verdrängungsmotiv in der Diditung Hartmanns WassisAen Au^- 
drudt gefunden hat, und zwar im .Armen Heinrich«, wo 



Die Nacktheit in Sag-e und Diditung 289 

wir die Entblößungssiidit bei dem Mäddien in ihrer ursprünglidi 
lustvoilen, von masodiistisdien Regungen verstärkten Betonung be- 
reits aufzeigen konnten. Die fast neurotisdie Abwehr der Ent= 
blößungslust ist hier auf den sonst aktiven Partner, den aniien Hein= 
ridi, übertragen, der, früher ein in Pradit und Glanz mäditiger Fürst, 
nun vom Aussatz befallen, zum Ärmsten der Armen wird: 

Dodi da man \FaIir die Schwären nalim. 
Die Schand an seinem Leibe, 
Da ward er Mann und Weibe 
So sehr verhaßt, als ehedem 
Er allen Mensdien war genehm 
Und lieb der ganzen Welt gewesen. 
Nun war der Sdimadi er auserlesen, 
Daß niemand mehr ihn gerne sah. 

Er zieht sidi von den Freuden der Welt zuriidt in die Ein=' 
samkeit — er will von niemandem mehr gesehen werden — und 
findet dort in dem unsdiuldigen Töditerlein des Päditers, die ihm 
nadi damaliger Meinung mir ihrem Herzblut Heilung zu versdiaffen 
glaubt, seine Retterin. Er zieht mit dem Mäddien, das fast nodi 
ein Kind ist, zu dem berühmten Wunderarzt, der dieser Blutkur 
kundig sein soll, und wird dort wirklidi vom Aussatz gereinigt,- aber 
nidit durdi den Opfertod des Mäddiens, den sein Gewissen im 
letzten Augenblid; zu verhindern weiß, sondern auf eine weit 
wunderbarere Weise als es selbst die gelungene Operation des 
Salerner Künstlers gewesen wäre. Durdi das Sdiärfcn des Opera- 
tionsmessers am Wetzstein wird der vor der Türe wartende arme 
Heinridi daran gemahnt, daß das Leben des Mäddiens nur mehr 
nadi Minuten zähle und er versudit durdi ein Ideines Lödilein in 
der Wand, sie zum letztenmal zu sehen: 

Da sah er denn die Süße bald 
Nackt und gebunden durdi den Spalt, 
Ihr Leib war, ach, so wonniglich,- 
Er sah sie an und sah aui^ sich- 
Und faßte einen neuen Mut. 

Er dringt in das Gemadi ein und bewegt den Arzt, das 
Opfer loszubinden: 

Dies Kind ist also schön und rein,- 
Nimmer wird mirs mögiidi sein, 
Ihren blut'gen Tod zu sehn,- 

Und nun setzt spontan die Heilung des Aussatzes ein, die 
Gott nur zur Erprobung der Standhaftigkeit der beiden Liebenden 
so lange verzögert hatte: 

Und madite ihn von dieser Stund' 
Wieder rein und gans gesund, 

liiiago II/3 19 



390 



Otto Rank 



Hinter dieser seltsamen Heilung, die audi durdi den göttlidien 
Anteil nidit verständlidier wird, sdieint sidi als ursprüngÜdier Kern 
die Auffassung zu verbeigen, daß der aussätzige Hemridi durdi 
den unverhüllten AnbliA des reinen Mäddienleibes plötzlidi genest. 
Nun erklärt aber audi die Herstellung dieses der Sagenüberlieferung 
ansdieinend verloren gegangenen Eusammenhanges nidit den KausaU 
nexus zwisdien dem AnbÜdt des naditen Mäddiens und der Heilung 
des Aussatzes,- wir müßten uns denn zur Annahme versteigen, 
die Krankheit Heinridis im Sinne einer durdi die mißgluditc Ver= 
drängung exhibitionistisdier Gelüste auf organisdier Orundlage ent- 
standenen hysterisdicn Symptoms aufzufassen, das in der psydio- 
analytisdien Kur durdi die Befreiung dieser verdrängten Regungen 
und ihre cntsprediende Sublimierung in ähnlich überrasdiender 
Weise zum Sdiwinden gebradit werden kann wie es in der auf 
reale AnsAaulidikeit angewiesenen Sagenges takung durdi restlose 
Befriedigung des Gelüstes erreidit wird. Wir könnten uns kaum 
entsdiließen, diese medizinisdie Auffassung für das Verständnis 
der poetisdien Gestallung der Sage durdi Hartmann geltend zu 
niadien, wenn uns nidit ein moderner Diditer die psydioIogisAe 
Moglidikeit einer soldien Betraditungsweise nahegelegt hätte. In 
seiner Dramatisierung der Heinridisage i hat Gerhart Hauptmann 
sowohl den Anteil des Gemütslebens an der Erkrankung Heinridis 
als audi das Agens seiner Heilung mit riditiger psydiologisdier 
Empfindung hervorgehoben. Er läßt den Helden, der seinem 
Freunde den Verlauf der Kur erzählt, den Anblidt des naAten 
Mäddiens als das entsdieidende Heilmittel rühmen <p. 158 der 
Budiausgabe von S, Fischer, Berlin 1902): 

*da sdiloB er sirfi mit ihr in seine Kammer, — — 

Idi aber , . . nun, idi weil» nidit, was gesdiali . , . 

idi hörte ein Brausen, Glanz umzuAte midi 

und sdinitt mit Brand und Marter in mein Herze, 

Ich sah nichts! Einer Thüre Splitter flogen, 

Blut troff von meinen beiden Fäusten, und 

idi sdiritt — mir sdiien es ~ mitten durdi die Waad\ — 

Und nun, ihr Männer, lag sie vor mir, lag, 

wie Eva, nackt ... lag fest ans Holz gebunden! 

Da traf der dritte Strahl der Gnade midi: 

das Wunder war volibradit, idi war genesen!* 

Nun wird eine rein ästhetisdi=formaIe Betraditungsweise, wkr 
sie derartigen Problemen gegenüber üblidi und zweifelsohne audi 
bis zu einer gewissen Grenze bereditigt ist, in dem hervorgehobenen 
Moment nur die glänzende Tedinik des Dramatikers sehen wollen, 
der durdi Simplifizierung und Reduzierung der Zusammenhange zu 
wirksamen dramatis dien Steigerungen und Höhepunkten zu gelangen 
sudit, ohne Rüdtsidit darauf, ob er damit ein ursprünglidies Motiv 

' Tsi^lirerarisAen Orientierung vgl, man H, Tardel: Der arme Hemridi 

in der neusrsn DiÄtung. Berlin 1905, 



oder eine tiefe psychologische Verknüpfung wieder herstellt oder 
verwisdit, Audi wir möditen nun dem Diditer, ohne ihn selbst 
befragt zu haben, derartige Absiditen bewußterwise nicht zu= 
sdireiben Aber es läßt sidi dodi zeigen, daß er — gewollt oder 
unbeabsiAtigt, das gelte uns jetzt gleidii — in dieser Staunens- 
werten Heilung eines organisdien Leidens auf psydiisdiem Wege 
ein, wie es sdieint, uraltes und raythisdi beglaubigtes Motiv wieder 
belebt hat. Die spateren rabbinisdien, zum Teil auf alte Über= 
ieferung zurüdgrdfeiiden Ausgestaltungen biblisdier Sagenmotive 
lassen Bitiah, die Toditer des Pharao, von einer Hautiirankheit be= 
fallen sein die sie nötigt, im Wasser des Nilflusses Heilung zu 
sudien. Als sie dort baden will, bemerkt sie den im Sdiilfe aus= 
gesetzten Moses und soll bei der Berührung, nadi einzelnen Be= 
riditen schon beim Anblicli des nackten weinenden Knäb- 
leins sogleich von dem hösen Ausschlag befreit worden 
sein. Diese wunderbare Heilung habe sie bewogen, sich des ver= 
lassenen Kindes anzunehmen <Bergel, Mythologie der Hebräer, 
Leipzig 1882>. Audi hier finden wir also den Aussatz und seine 
Heilung im Sinne unserer Auffassung zu der Befriedigung der auf 
den nadcten Körper gerichteten Sdiaulust in Beziehung gebradit 
Haben wir so die Enlblößungs= und Sdiaulust in versdiie= 
denen Verdrangungsformen als eine der bedeutsamsten unbe= 
wußten Iriebkräfte im diditerisdien Sdiaffen Hartmanns aufzeigen 
können, so erkennen wir leicht wieso gerade er befähigt war die 
rohe Überlieferung von der Heilung des Aussatzes durdi Meiisdien= 
blut, die weit verbreitet in der miltelalterlidien Diditung ist, in der 
Weise zu verinnerlidien und zu veredeln wie ihm mit Redit nadi= 
gerühmt wird (z. B, in den sdiarfsinnigen Ausführungen Wacker= 
nageis; *Der arme Heinridi«, Basel 1855, p. 214). Hat er dodi in 
dem einem blutrünstigen Abcrglaubeii" entstammenden Stoff das 
verborgene Motiv der Erotik, das nadi ihm Gerhart Hauptmann 
m seiner vollen Wirksamkeit bloßgelegt hat, nur herauszufühlen 
vermodit, weil er ihm eine Gestalt geben konnte, die der vor= 
herrsdienden Komponente seines Sexualtriebes, ihrer Verdrängungs^ 
stufe und Sublimierungshöhe entsprach. 

Ähnhdi wie Hauptmann im »Armen Heinridi«, nur mit 
Aussdialtung des therapeutischen Effektes, hat ein anderer moderner 
Dramatiker die sdieinbar äußerlidie Kontrastierung von Nadcthcit und 
Aussatz zu einer gewagten Szene benützt, die in ihrer traumhaften 
Gestaltung die besprodienen psydiologisdien Zusammenhänge an-= 

' Audi eine Andeutung der direkten EntWöRungslust find« sidi bei Haupt= 
manns armem He.nridi, der dem opferfreudigen Mäddien gegenülier tut, als wäre 
sie für lim nidit da: 

a . . . Denn ich Jadite, pfiff, 
als wäre sie ein Baum am Waldrand dorten - 
trieb alles so, als sei ich nicht belauscht, 
jedwede Notdurft ihr vor Augen . , .« 

la- 



11 



392 



Otto Rank 






deutet. In dem Drama: »Tanfris der Narr« (Leipzig 1907> hat 
Ernst Hardt das Ende der Liebe von Tristan imd Isolde mit 
poetisdier Anlehnung an die alte Überlieferung auf die Bühne ge= 
bradit. In der vierten Ssene des dritten Aktes wird die sAöne 
Isolde, weil sie ehcbredierisdier Beziehungen zu Tristan verdäditig ist, 
von ihrem rasenden Gemahl König Marke den Siedien von Lubin 
als Gesdienk überlassen, die sidi, auf diese seltene Beute gierig, im 
Hof der Königsburg versammelt haben, Sie wird vom Henker 
herausgeführt, der ihr den Mantel abnimmt und »steht nun von 
ihrem blonden Haar umflossen, nackt mit geschlossenen 
Augen regungslos da« <p. 69}. der Schar von Aussatzigen 
gegenüber, die sidi bereits ansdiidten, von ihr Besitz zu ergreifen, 
als Tristan, der sidi in der Maske eines Siedien unter sie gemengt 
hatte, plötzlidi hervorbridit und die Rotte mit Sdilägeii auseinander= 
jagt. Während dieser ganzen Szene »steht Isolde regungslos mit 
gesAlossenen Augen da« <p. 73), was im Zusammenhang mit der 
Sdiar fremder Zusdiauer an die Traumsi tuatioq der Hemmung 
erinnert, von der wir ausgegangen sind. An diese tiefe Beziehung 
rührt der Diditer, wenn er die durdi Tristans Eingreifen in ihrer 
Reinheit unversehrte Isolde nadi ihrer Versöhnung mit Konig Marke 
zu dessen Gästen sagen läßt <p. 94>: 

Ihr Herrn . , . idi bitt Eudi . , denkt, es war ein Traum . ■ 

Wir möditen sonst Gefühl und redite \X'"orte 

Nicht finden vor einander — Ihr und idi — 

Aus Sdieu vor jenem gräßlidien Erleben, 

Und wie das ursprüngiidie Vorbild jener Traumsituation er= 
sdieint die unmittelbar auf die Vertreibung der Siedien folgende 
Szene, wo die nadite Isolde nodi immer regungslos dem verkleideten 
Tristan gegenübersteht, dem Manne, dem sie einst in lustvollem 
Geniefien siÄ so dargeboten hatte ^ und den sie jetzt hinter seiner 
Maske nidit erkennt. Vergleidit man diese dramatisdie Gestaltung 
der Fabel mit den ihr zugrunde liegenden Sagenmotiven, so zeigt 
sidi audi hier wieder, daß der moderne Diditer, aus den ewig 
sprudelnden Quellen der Mensdienseele sdiöpfend, ursprüngiidie 
Zusammenhänge wieder herzustellen vermag, die im Laufe bloß 
äußerlidier Überlieferung verwisdit und unkenntlidi geworden sind. 
Im alten Tristan=Romanä ^jfd Isolde wohl den Siedien ausgeliefert 

' Als Verdrängungsgegeiisatz findet slih audi hier das Motiv der Kkider- 
praAt angedeutet; 

Isolde: «Der Seiden Knittern, GoUgewirk der Kleider, 
Der Edelsteine Prunk und Pelze, Bänder, 
Goldgürteln, Nadeln, Sdinallen , . , soldie Dinge 
Zu sdiauen und prüfend mit der Hand zu streidien. 
Belustigt midi, mag es audi Itindisdi sein.« 
5 Vgl. die dirfiteriscfie Nadibildung eines verlorenen, ältesten Tristan- 
Romans durd. Bedier: Le Roman de Tristan et Iseut <Deursdi von Seitler, 
1901), Der Kern dieser Szene ist audi im »Deutsdien Volksburfi von 1 nstan und 
Isolde": enlh.^ken. 



Di? Natitheit in Sage und DitfitunE 2S3 

und von Tristan befreit, aber die höfisdie Form der späteren 
Tristan=Sage hat diese Szene als zu anstößig und roh ausgesdialtei:,' 
und wenn ein Kritiker' lediglidi in dem Streben nadi sensationellen 
Effekten das Motiv für ihre Wiederbelebung durdi den Diditer 
sehen will, so dürfen wir das in diesem Zusammenhang als ober= 
flädilidi zurüdiweisen. 

Im Motiv der Bewegungshemmung (Fesselung) des Naditen 
fanden wir neben dem Wunsch nadi Darbietung der Entblößung 
audi dessen Abwehr im Moment des Zwanges ausgeprägt/ im Motiv 
des verunstaltenden Aussatzes, der den Anblidt des Körpers ekel= 
hafi erscheinen läßt, tritt das Moment der Abwehr nodi stärker 
hervor, wenn audi in gewissen Ausprägungen dieses Motivs die 
ursprünglidi verdrängte Entblößungslust wieder durdizubredien be= 
ginnt. Es darf uns diese Doppelseitigkeit der Sagenmotive, einer= 
seits als Abwehrausdrudi der Verdrängung, in dem dodi anderseits 
wieder das ursprünglidi zu Verdrängende durdibridit, nidit be= 
fremden, da wir Ähnlidies in den psydioneurotisdien Symptomen 
und den analog aufgebauten Träumen regelmäßig zu finden ge^ 
wohnt sind. So stellte mir Dr. Alfred Aaler gelegentlidi meines 
Vortrags dieses Themas einen für die vorliegende Motiven= 
Studie interessanten Traum einer Patientin zur Verfügung, die an 
der Unterdrüdtung intensiv exhibitionistisdier Regungen erkrankt 
war. Sie träumte im Verlaufe der psydioanalytisdien Kur, daß 
sich ihre Freundin <oder Cousine) vor ihr entblößt,- diese 
Freundin hat im Traume ein Geschwür an der Brust, 
Dieser Traum verrät ohne weiteres den offenen Durdibrudi der 
unterdrüdtten EntblÖßungs=, beziehungsweise Beschauungslust, zu= 
gleidi aber den Abwehrkampf gegen diese Neigung in dem ciurdi 
ein Gesdiwür entstellten Körper. Die gleidie Motivgestaltung und 
Verwertung finden wir in MaeterliTlcks »Monna Vanna«. Auf 
dem Wege in das Lager des Prinzivalli wird die nur mit dem 
Mantel bekleidete Frau durdi den Srfiuß eines Wadipostens an der 
Brust leidit verwundet. Prinzivalli, der nidit mehr darauf besteht, 
seinen lüsternen Wunsdi nadi ihrem naditen Anblidi zu befriedigen, 
benützt dodi die durdi die Verwundung gebotene Gelegenheit, sie 
zur teilweisen Entblößung aufzufordern und audi ihr ist diese 
harmlose Gelegenheit zur Befriedigung der bewußterweise ver^ 
pönten Eeigelust nidit unwillkommen: 

Prinzivalli; 2eigt mir die Wunde. 

Vanna (ihren Mantel oben öffnend); Hier . . . 

Daß aber der Diditer und mit ihm seine Gestalten diese 
partielle und sdieinbar unerotisdie Entblößung im Sinne unserer 
Auffassung verstehen wollen, zeigt das Gegenstüdt dieser Szene 
am Sdiluß desselben Aktes, wo Prinzivalli und Vanna einander in 
Liebe gefunden haben und er ihr in die Stadt folgen will: 

' W. Golther, »Bühne und Welt«, 1909, p, 458. 



29i 



Otto Rank 



Prinzivalli: Aber deine Wunde . , , es ist als ob das Blut ... (er 
sudit den Mantel mit der Hand fortzusdiieten), 

Vanna <ihm in den Arm fallend und sidi nodi enger in den Mantel 
hüllend): Nein . . . nein, Gianello , , . wir sind jetzt nicfit mehr 
reinde . . . Midi friert . , , 

Und nun folgt als Reaktion atif die beiderseitigen verbotenen 
Gelüste die bereits angeführte symbolisdie Bekleidung mit dem kost= 
baren Sdileier. Hier empfindet sie also dieselbe Entblößimg im 
Sinne einer crotisdicn Preisgabe, die sie dem mäÄtigen Feinde ge= 
währen, aber dem zarten Freimde sdiamhaft weigern muß. So 
weiß sidi also im Abwehraiisdrudi der körperlichen Entstellimg 
< Wunde, Aussdilag etc.) der ursprünglidie Wunsdi nach Entblößung 
nodi Oeltung zu versdiafFen. Diese bei der Analyse nidit selten 
erniittelte Bedeutung der Exantheme in Traum und Neurose gebt 
nadi emem Hinweis Freuds auf den Umstand zurüdi, daß Aus= 
sdilage m der Kindheit dem von der Erziehung zur Sdiamhaftigkeit 
angehaltenen Kinde die beste Gelegenheit zu ungestraften Ent= 
bloßlingen vor seiner Umgebung und zur SelbstbesAauung bieten. 
Auf Grund einer soldien infantilen Einstellung erklärt sidi dann 
sehr gut der neurotisdie Charakter so mandier Aussdiiäge, Insbe= 
sondere das rätselhafte Auftreten gewisser Anfälle von Urtikaria, die 
wohlStekel^ als »sexuelle Hautkrankheit par exccilence« bezeidinet 
hat, iedodi ohne sie als Verdrängungsausdrudi ursprünglidi intensiver 
t!-"jD'o™ngsgelüste zu spezialisieren. Auf Grund der dargelegten tief= 
rddienden EusEimmenhänge dürfen wir die neurotisdie Urtikaria als 
Verdrangungsersdieinung einer intensiven Entblößungslust auffassen, 
die einerseits den Wunsdi nadi der verbotenen Entblößung bestrafen 
seine Realisierung aber nidit nur verhüten, sondern zugleldi vor=' 
mirfsios ermöglidien soll. Im Zusammenhang unserer dem diditeri^ 
sdien Seelenleben geltenden Untersudiung wird es besonders reiz- 
voll anstatt einzelner Fälle aus der ärzdidien Praxis", ein weniger 
durdi seine Beweiskraft als durdi die Person des Patienten wcrt= 
volles Beispiel heranzuziehen. Bekanntlidi hat Goethes Sdiwester 
Kornelia an einer zeitweilig sdieinbar unmotiviert auftretenden 
Urtikaria gelitten, zu deren Verständnis uns zwar nur wenig, aber auf 
der breiten Basis der entwidtelten Zusammenhänge vielleidit dodi 

' Nervöse Angstzustände, Berlin 1908, p, IIl, 

' Der Liebenswiirdiglieil des Herrn Dr. Ed. Hitschmann verdanke id, die 
Kenntnis enies Falles, der vom 18. bis zum 25. Lchensjahr an Urtilisria nadi Er-- 
regung hit Eine seiner e.'sten Kindjieitserinnerungen ist eine Szene, wo er als 
Halbbekleideter oder Nad«er einer GesdlsAart von Bekleideten vorwfülirt wird, 
was ,bn sehr verlegen madit. Die Naditfiejt seine.' Frau stößt ihn' immer sehr 
ao, wahrend Eie ihm m seinen Träumen oft nadft ersdieint. Die Mutter war auf- 
rallend prüde. 

Auf die rein mediainisdie Seite dieses Gegenstandes kann natiirlidi hier 
nidit eingegangen werden. Es sei bloß verwiesen auf Max Marcuse; -Haut- 
krankheiten und Sexualität« <Urban u. Sdiwarzenterg, 1907) sowie auf Oskar 
»ctieuer; »Hautkrankheiten sexuellen Ursprungs bei Frauen« <ebenda 1911). 



Die Nacktheit in Sage und Di ifi tutig 295 

hinreitfiendes Material 2u Gebote steht. Außer der Bemerkung 
Goethes, seine Sdiwester sei ganz ohne Sinnlidikeit und von Ab- 
neigung gegen den Gesdiledits verkehr erfüllt gewesen, was jeden^ 
falls für intensive Sexual Verdrängung im allgemeinen spridit, sdieint 
uns der von Moebius <Goethe, Leipzig 1898) angeführte Umstand 
bemerkenswert, daß ihr Aussdilag besonders dann auftrat, wenn 
sie einen Ball besudien sollte. Es läge ganz im Sinne unserer 
Auffassung, wenn die bevorstehende Zurschaustellung der körper= 
lidien Reize durdi den Abwehrausdrud( des Aussdilages verhindert 
würde, während der Aussdilag anderseits gewiß Gelegenheit zu 
intimerer Entblößung vor dem Arzt oder teilnehmenden Verwandten 
bietet. Als indirekte, sozusagen familiäre Betätigung für die beson= 
dere Betonung dieser Komponente darf man vielleidit darauf hin= 
weisen, daß ihrem ruhmreidien Bruder zwar die volle künstlerisdie 
Sublimierung seines Schau triebes in besonders hohem Maße 
geglüdtt ist, daß er aber in bezug auf die Reversseite dieses Kom= 
plexes eine gewisse Sdiwädie verrät. In dieser Hinsidit ist seine 
oii genannte ungereditfertigte <Wackernagel, p. 211) Reaktion auf 
die Lektüre des »Armen Heinridi« <in Büsdiings Ausgahe, 2üridi 1810) 
als bemerkenswertes Gegenstüdt zu der Hautneurose seiner Sdiwester 
he-vorzuheben. In den Tag= und Jahresheften von 1811 hat er sidi 
darüber mit einem fast krankhaften Widerwillen geäußert: 

»Ebenso bradite mir Büsdiings armer Heinridi, ein an und für 
sidi betraditet hödist sdiätzenswertes Gqiiidit, physisch^ästhetischen 
Schmerz. Den Ekel gegen einen aussätzigen Herrn, für den sidi das 
vadterste Mäddien aufopfert, wird man sdiwerlidi los/ wie denn 
curdiaus ein Jahrhundert, wo die widerwärtigste Kranklieit in einem fort 
Motive zu leidensdiaftiidien Liebes- und Rittertaten reirfien muß, uns 
nit At scheu erfüllt. Die dort einem Heroismus zugrunde liegende 
siiredtlidie Krankheit wirkt wenigstens auf midi so gewaltsam, daß idi 
nidi vom bloßen Berühren eines solchen Buches schon ange= 
sieckt glaube!« 

Im Sinne der tieferen Bedeutung dieser Idiosynkrasie ist viel= 
leidi die Tatsadie erwähnenswert, daß Goethe den Plan zu einer 
Tragidie »Nausikaa« entworfen hat (Weimarer Ausgabe, L Bd., 
p. Ib, deren Ausführung leider unterblieben ist^,- es sdieinen 
diesen Komponenten seines Trieblebens zu inäditige Hemmimgen 

'Goetfies Entwurf beginnt mit einem Monolog des gestrandeten Ulysseus, 
der tiacit und hilflos auftritt. Der DiiAter sdircibt am 22. Olitober 1786 aus 
Italien a; Fcau v. Stein: »Sagt idi dir sdion, daß idi einen Plan zu einem 

TrauersppI Lllysseus auf Phaea gemadit habe? ein sonderbarer Gedanlie, 

der vielleriit glüdien konnte.« ^ Hermann Schreyer hat in freier Ausführung 
des Goet'icidien Entwurfs und mit Verwendung der wenigen Verse Goethes 
ein Trauerip«! Nausikaa verfaßt (Halle a. S. 1884), nebst einem Anhang: 
Nausikaa ki Homer, Sophokles und Goethe, — Goethes Tragödie sollte 
darin wurzeh, daß Odysseus sirfi Nausikaa gegenüber, die bei ihm den Namen 
ihrer Muttet Arete führt, als unverheiratet ausgibt. — Von Interesse ist, daß in 
Goethes Fiafment Nausilsaa sagt: sSo wirst du lädiehi, daß midi hat ein Traum, 
ein Traum "verführt, der eincmWunsche gleicht,« 



996 



Otto Rank 



entgegengewirkt zu haben, die wolil aiidi durdi die besondere 
persönliche Art der Behandlung des geplanten Stoffes verstärkt 
wurden, da sidi sonst in den Diditungen Goethes unverhüllte 
Äußerungen der Sdiau= und Entblößungslust reidilirfi finden, ^ Be= 
sondere Hervorhebung wegen der zarten und reidien Ausbildung 
des Nacktheitsmotivs verdient eine Stelle aus dem »Faust« <zweiter 
Teil), wo der eben erzeugte Homunkulus eine exhibitionistisdie 
Phantasie mit besonderer Betonung der Sdiaukist entwidtelt; 

»Klar Gewässer 

Im diditen Haine! Fraun, die sich entkleiden. 

Die allerliebsten! — Das wird immer besser. 

Dodi eine läßt sidi g^länzend untersdieiden, 

Aws hödistem Helden-^, wohl aus Götterstamme. 

Sie setzt den Fuß in das durdisiditige Helle,- 

Des edlen Körpers holde Lebensflamme ' 

Kühlt sidi im schmiegsamen Krystall der Welle. 

Dorfi weldi Getöse rasch bewegter Flügel, 

Weirfi Sausen, Plätsdiein wühlt im glatten Spiegel? ' 

Die Mädchen flieh'n verschüchtert/ doch allein 

Die Königin, sie blickt gelassen drein. 

Und sieht mit stolzem weiblidiem Vergnügen , 

Der Sdiwäne Fürsten ihrem Knie sidi sdimiegen, i 

Zudringlidi zahm. Er scheint sidi zu gewöhnen. L 

Auf einmal aber steigt ein Dunst empor, .] 

Und deckt mit dichtgewebtem Flor 

Die lieblidiste vor allen Szenen,« 

Audi hier findet sidi wieder bei der Königin das ruhge 
Stehenbleiben, während die Mäddien im Gegensatz dazu — vie 
die Gespielinnen der Naiisikaa — fliehen, und am Sdiluß das Mo:iv 
der Unsiditbarkeit. Zu Mephistopheles, der iiidits von alledem zu 
sehen behauptet, sagt Homunkulus: 

Waldquellen, Schwäne, nackte Schönen, 
Das war sein ahnungsvoller Traum, 

' Vgl. u. a. Goetlies Gedidit oBelausdniiig des naiiten Mäddiens* das 
von Heinses NarfdlieitssrfiüJerung in »Ärdingfiello* (1787) becinUuOt is; und 
im »Wilhelm Meister« <Budi III, Kap. 18) das Entzüdien an der natkten nänn- 
lidien Gestalt des aus dem Wasser geretteten Felix. Dieselbe gleidigesdilfditlidi- 
narzißtisdie Bewunderung des männlicten Körpers findet sidi im ersten ''eil der 
»Briefe aus der Sdiwetz«, wo der Sdirdber seinen Freund Ferdinand vranlaHt, 
im See zu badenr »Wie herrlirfi ist mein junger Freund gebildet! \{eldi ein 
EbenmoB aller Teile! Wddi eine Fülle der Form, welch ein Glanz der ]ug,nd! . . , 
Nun bevölkere idi Wälder, Wiesen und Ilölien mit so sdiönen Gestalten, ihn seh' 
idi als Adonis dem Eber folgen,- ihn als Narziß sidi in der Quelle btspiigeln . , , 
Idi nahm mir fest vor, es koste was es wolle, ein Mäddien in dem NatJrzustande 
zu sehen, wie idi meinen Freund gesetien fiatte«. — Dann heiät es in der 
Sdilldetung der Entkleidungsszene: »Sie fing an, sidi auszukleidei/ weldi eine 
wuiiderlidie Empfindung, da ein Stüdi nadi dem anderen herabfiel, uid die Natur, 
von der fremden Hiille entkleidet, mir als fremd ersdiien und, heirate mödit idi 
sagen, mir einen sdiauerlidien Eindrudi raadite, . . . Reizend war sit, indem sie 
sidi entkleidete, sdiön, herrlidi srfiön, als das letzte Gewand fiel.» , 



Die Nadtheit in Sage und DiAtung 397 



Die Verwertung des ursprimglidi als Talion der Entb[ößungs= 
lust gestalteten Motivs des Aussatzes im Sinne der infantil lust= 
vollen Befriedigung der Entblößungsneigung zeigt eine Sage, die 
MültatuÜ in seinen »Minnebriefen«' nadi einer alten Chronik 
mitteilt (sKölnisdie Chronik«, Fol. 225); 

An seinen letzten Jahren lebte Herzog Reinald II. fern von seiner 
Gemahlin, die ihre meiste Zeit zu Rozendal verbrachte, weldies Haus 
durA sie vergrößert und merklidi versdiönert wurde, so daß man ihr, 
obgleiA fälsdilidierweisc, dessen Stiftung zugesdirieben hat. Viel war sie 
audi zu Nymwegen. Diese Entfernung war die Ursadie eines ergreifen» 
den und seltsamen Sdiauspiels, das sidi nidn lange vor des Herzogs 
Tode ereignete, Eleonore war feurig (vollblütig) und stark, so daii man 
sie des Aussätzigseins besdiuldigte, weldie Krankheit der Herzo|' als 
Vorwand benützte, sidi von Tisch und Bett sdieiden zu lassen. Eines 
Tages, als Renald mit einer illustren Gesellsdiaft zu Nymwegen zu 
Tisch saß, kam Eleonore, kein anderes Gewand als ein fein seidenes 
Hemd und einen Mantel darüber anhabend, an jeder Hand einen ihrer 
Söhne, Reinald und Edouard, haltend, in den Saal hineingesdintten, bie 
warf auf einmal den Mantel ab und entblößte den ganzen Ober» 
körper", um auf diese Weise den beschämten Herzog und die Edeln 
des Landes von ihrer Reinheit zu überzeugen. 

Erscheint in der vorstehenden Sage die bloße Besdiuldigung 
des Aussatzes in kindlidi naiver Weise als willkommener Anlaß 
zur Entblößung vor einer großen Zusdiauermenge verwendet, so 
zeigt die Icrasse Ausgestaltung desselben in einem Sagenziisammeo'' 
hang überlieferten Motivs durdi einen modernen Romancier dieses 
Moment in pathologisdier Übertreibung, als Befriedigung eines im 
doppelten Sinne perversen Gelüstes. Gustave Flaubert hat m 
einer meisterhaften Novelle, die^der Tantrisdiditer fernst Hardt 
in deutscher Spradie reproduziert hat (Leipzig, Insel =V erlag), 
die mittelalterlidie Legende vom heiligen Jidianus dem Gastfreien 
modernisiert und psydiologisdi vertieft. Der grausame Julian, der 
trotz der Warnung eines Orakels seine beiden Eltern toiet und 
dafür Buße tut, indem er in einem Hospiz die Kranken ptlegt, 
wird bei Flaubert^ auf folgende Weise erlöst und entsündigt. Er 
wird Fährmann und eines Nadits kommt in seine Hütte ein Aus= 
salziger, der um Linterkunft bittet: 

»Julian half ihm behutsam, sidi ins Bett zu sdileppen und breitete 

sogar um ihn zu bededcen, die Leinwand seines Bootes über ihn aus. 

Der Aussätzige ädizte. Seine Mundwinkel legten die Zahne blojl, 

> Deutsdi von Rüben. Hendels Blbl. d. GesamtÜteratur, Nr. 1653 bis 

' ''=' In der mittdalterMen Überlieferung heifit es nur, dafi der heilige Julian 
einen erfrorenen Aussätzigen, da er ihn am Feuer nid.t erwarmen '«""je. m 
sein eigenes Bett legte, dieser aber eröffnete siA als em gotigesandter Lngel 
Legeni aurea 30,- Passional, p, 155, Gesta Ron. 18), Die ganze Ausges .l.ung 
der Szene im Sinne unserer Darlegungen ist also als Flauberts Werli an- 
zusehen. 



rr 



298 



Otto Rank 



ein fliegendes RöAdn srfiüttdte seine Brust und sein Baudi höhlte siA 
AÜgen Atemzuge bis auf die WirbelknoAen. Dann sAloß er die 

r„li. i^^k^A^'j 'i^^' ^^'"" "^^'"™ ^^''^'"' '■^'^'"'" neben midi!- Und 
d.an hob d,e Lemwand und legte sidi auf die troAenen Blätter neben 
inn, oeite an oeite. 

Der Aussätzige wandte den Kopf, 

^Entkleide dich, auf daß idi die Wärme deines Körpers habe'« 

Julian tat seine Kleider ab, dann legte er sich, nackt^vie 

am läge seiner Geburt, in das Bett zurüd, und er fühlte an seinen 

Schenkeln d,e Haut des Aussätzigen, die kälter als eine Sd.lange und 

rauh wie eine Raspel war. 

keudieS' ''""^*'^ '''"' "^"^ cinzuspreAen und der andere antwortete 

mit .l/n^^' f Ttt^- T^^"- ■ ■ ■ "^«""^ "aber, wärme mich! NiAt 

TT j "' ^^'" sanier Leibi« 

Rr,„f r. '""^",*""^i!efe ^i* vollständig über ihn, Mund an Mund, 
A^/.n . r5/"''--,4,^'r -!'i'^f''3"S ihn der Aussätzige' und seine 
Augen erfüllten sidi plötzhA mit Sternenklarheit, seine Haare ver= 
sX^tfr ' T S"""™^»^?^ e"' ^^\ Haudi seiner Nüstern bekam die 
di. & T ^«°''"' """ ^,^i^'■«"*;^oike erhob siA vom Herd und 
die Wellen draußen sangen. Währenddessen drang ein Strom von 
Wonnen eine überirdische Glückseligkeit Vie schwellende 
]i\ LJ!. ■ Seele des entzückten Julian und der, dessen Arme 

le^ne F,.rT T^f Xf' T"*? "1^ '^"*^' ^'^ ^^^ ^^i" Haupt und 
XL A A- U- ''"t" T^''^^ ^^' Hütte berührten. Das Da* ver= 

Sdiwand, die Himmelswölbung breitete sidi über ihnen ^ • 

mid Jühan sdiwebte in die blauen Räume hinauf von Angesidit zu 
UuP ""'""" "'"" ^''"' ^''"''"^' ''^ 'f»" *" -Jen Himmel 

Daß die Aufnahtne und krasse Ausgestaltung dieses Motivs im 
ämne der absdieuerregenden und nigleidi die fedisten Wollust- 
getuWe gewahrenden Entblößung bei Plaubert wieder nidit bloß 
ein Hilfsmittel der poetisdien, auf Steigerungen hinzielenden Tedinik, 
sondern em tiefer Ausdrud. seelisdier Komplexe und Beziehunsen 
ist, helie sidi atis einer entsprediendcn Analyse seiner Sdiöpfungen 
zeigen die jedodi den Rahmen dieser Ausführungen sprengen 

Td T ?'au-""' T^ "'"^"'"^ S^^"^" ^"^ ^^^ DiAters 'Briefen 
und lagebudibattern hingewiesen, die zeigen, daß Flaubert nidit 
nur an der Entblößung des Körpers besonderes Interesse und Ver= 
gnugen fand, sondern daß er auch Ekstasen, wie jene, die den 
heihgen Julian entruAt aus innerster Empfindung und eigenstem 
Erleben her aus gesdiöpft hat. Mit 19 Jahren <1849> verzeidfnei der 

vor d.m ^IT^ ''ß^'- ''^i'isen Odilia erzählt die Legende, daß sie einen Aussätzigen, 
von e^ ^Zr.^M"C '" '^'^ ^™/ S^nomnien und freundlid, gewärmt habe, Li 
Heilirl wS^ gesund worden sei. - AuA das bloße Anrühren durd> 
Handf„fr/.^n ,r -^ ""'■«'"'^re Krankheit. Jesus heilt einen Aussätzigen durA 
l-landaut lesen (Grimm, »Armer Heinridi«). ^ 

des heilicTn A?,n T''^°^i"- R^ilfs Analyse Flaubcrts und seiner «Versudiung 
oes neuigen Antonius« <). C. Bruns, Minden i, W. 1912). 



Die Nacktheit in Sage und Diditung 299 



spätere Dichter in seinem Tagebudi^ den Eindruck, den ein Besudi 
in den iinterirdisdien Räumen des Glodtenturmes der St. Midiaels= 
Kirdie zu Bordeaux auf ihn madite. Dort werden mumifizierte 
Leidiname, die daselbst begraben liegen, den Besudiern gezeigt. 
Flaubert spridit in seinen Aufzeidinungen von ihrem Körper und 
ihrer sonderbaren, pergamentenen Haut und fährt dann fort: 
»Idi mufi sagen, daß idi das Sdiidtsal der sdiönen mumifizierten 
Leidien, die sich vollständig nackt zeigen, weil der Tod 
keine Scham kennt, beneide«^. Und in einem seiner Briefe^ aus 
späterer Zeit gesteht er direkt, sidi in detj bei den Leidien beneidens= 
wert gefundenen Zustand versetzt zu haben. Er sdireibt: »Idi 
arbeite wie ein Odise am Heiligen Antonius. Die Hitze regt midi 
an und idi bin seit langem nidit mehr so lustig gewesen. Idi ver= 
bringe meine Nadimittage bei gesdilossenen Läden, gezogenen Vor= 
hängen, ohne Hemd, im Zimmermannskostüm. Idi sdireiel Idi 
sdiwitze! Es ist praditvoll. Es gibt Momente, in denen es ent- 
sdiieden mehr ist als Delirium!« 

Die Reihe der mannigfadien Verwertungen des Aussatzmotivs 
sei endlidi mit einer besonders im Märdien häufigen Verknüpfung 
abgesdilossen, die den Übergang zur zweiten großen Verdrängungs= 
gruppe des Nadttheitsmotivs bietet, deren eingeiiender Betraditung 
wir uns im folgenden Absdinitt zuwenden wollen. Es ersdieint in 
diesen Überlieferungen neben dem typisdien Verdrängungsmotiv der 
Entblößungskist, dem Aussatze, audi ein typisdies Talionsmotiv 
der erotisthen Sdiaulust; die Blendung. Hieher gehört die <nadi 
Köhler, Kleine Sdiriften, I. Bd., p. 282 tF,> fast über ganz Europa 
verbreitete Märdienerzählung, in der ein armer Geselle durdi die 
Bosheit seines Freundes geblendet wird*, dann aber durdi Zufall 
ein Geheimnis erfährt, wodurdi er sein Augenlidit wieder erlangen, 
die Stadt von Wassermangel befreien und die kranke Toditer des 
Königs heilen kann, die er dann mitsamt dem Königreidi erhält. 
Charakteristisdierweise ist diese Krankheit der Prinzessin fast immer 
der Aussatz, was uns im Zusammenhang mit dem Motiv der 
Blendung nidit zufällig ersdieinen kann und als Gegenstüdt der 
ähnlidi sonderbaren Heilungen der ägyptisdien Prinzessin und des 
armen Heinridi Hervorhebung verdient. So in einem böhmisdien 
Märdien (Gerle, VoIksmärÄen der Böhmen, I. Bd„ Nr. VII, 
Prag 1819): St. Wal purgis=T räum oder die drei Gesellen, wo der 

• Auszüge sind Im Novembertieft 1910 der »Revue« mitgeteilt. 

' Ahnlidi Hauptmann im »Armen Heinridi«: b ... Sei Kaiser, Sultan, 
Papst! in Grabeslinnen gewlÄelt bist du und ein naditer Leib.« 

' Fiauberts Briefe, uhersetst von Greve, p. 154. 

' Auf die für Mythus und Märdien lypisÄe und im Unbewußten nadi- 
weisbare Bedeutung der Blendung als Kastration kann hier nur nebenliei 
verwiesen werden. Die entsprcdi enden Belege zur Augensymholih finden sidi 
zusammengestellt in der »Internat, Seitsdir. F. 'irzti. Psydioanalyse, I. Bd., Heft Z, 
1913. Die sexualsymbolisdie Bedeutung der Blendung wird nodi bei Bespreüiung 
der Polyphera^Sage, am Sdilusse des zweiten Absdinittes, Erwähnung finden. 



300 Ono Rank 



von seinen Genossen geblendete Geselle in der Walpurgisnadit das 
Heilmittel erfährt, mit dem er seine Augen und die aussätzige 
Königstoditer heÜt, die er dann heiratet. Ähnlidi in einem serbisdien 
Mär(£en<bei WukStephanowitsch Karadschitsch: Volksmärdiender 
Serben, Nr. 16): Ein Königssohn sticht einem anderen infolge einer 
Wette die Augen aus und verläßt ihn in der Nähe einer Quelle unter 
einer Tanne. Nachts baden WÜen (Waldfrauen) m der Quelle 
und der Blinde hört, wie sie davon spredien, daß des Königs aus= 
sätzige Toditer nur durdi das Wasser dieser Quelle, '«'eiaie audi 
Stumme, Blinde und Lahme heile, genesen könne. Am Morgen 
wäsdit er sidi in der Quelle, wird wieder sehend, heilt die Prin^ 
zessin und erhält sie zur Frau, Finden wir im ersten Märdien 
die Motivverknüpfung von Blendung und Aussatz kaum mehr an= 
gedeutet S so bringt das sertisdie Märdien wenigstens ein Stück des 
ursprünglidien Zusammenhanges in dem Bad <Naditheit> der Wald= 
frauen, das der Geselle belausdit, wofür er jedenfalls erst mit Blind= 
heit bestraft wird. Während jedodi die entstellte Märdienfassung 
diese Beziehung umkehrt und, glcidisam zur Sidierung vor dem 
Vergehen, die Strafe sdion vor dasselbe setzt, hat eine Reihe von 
Sagen die psydiologisdi folgeriditige Verknüpfung dieser beiden Motive 
voll erhalten. Es handelt sidi in allen diesen Gesdiiditen immer um 
die »Belausdiung lurisdier Wesen durch Sterblidie, die dann zur 
Strafe das Augenlicht einbüßten, es aber wieder erlangten, 
als sie übers )ahr sidi am nämlidien Orte einfanden« <Laistner, 
II. Bd., p. 56>. Über die seltsame Heilwirkung heißt es bei Grimm 
<K. H. M. III, p. 203): »Der frisdigefallene Tau, der das Gesidit 
wiedergibt, ist das Reine, das alles heilt, der Speidiel, womit der 
Herr dem Blinden das Gesidit wiedergibt und das unsdiuldige 
Kinder= und Jungfrauenblut, wodurdi Mieselsüditige genesen.« Da= 
mit wären wir wieder beim »Armen Heinridi« angelangt, dessen 
Name selbst bedeutungsvoll ein Stüdi vom verborgenen Inhalt der 
Sage zu enthalten sdieint. Die Brüder Grimm haben in ihrer 
Abhandlung über den »Armen Heinridi« darauf hingewiesen, daß 
das Wort sHeinridi*; einen viel allgemeineren mythisdien Sinn zu 
haben sdieint <vgl. z. B, den eisernen »Heinridi« im Märdien), der 
die Sage unserer Auffassung noch näher rüdcte. Abgesehen davon, 
daß im Deutsdien der Tod <Bruder oder) »Freund Hein« genannt 
wird, ist es für uns von Interesse, daß im Altsdiottisdien »blind 
Harry« allgemein für »blinder Mann« steht- <Grimm, 213), so daß 

' Ebenso läRt das Grimmsdie Märdien <Nr, 107> »Die beiden Wanderer« 
eine Bezieliung auf das Natttheitsnioliv vermissen, während es die Blendung des 
Sdineiderleins mit den sNäliaugen* und seine Hellung ausführlidi sdiildert. — In 
Paulis »Sdiimpf und Ernsl* <eii, Oesterley, Kap. 489) heilt der Blinde eine eben= 
iails blinde Königstoditer. Zusammenstellungen ähnlicher Motivgestaltungen finden 
sidi bei Aug. ReuR; Blindenheilungeii in der Literatur <»Der Stein der Weisen", 
XI, 1906) und Anna Pötsch: Der Blinde im modernen Drama ('Mündiener Ab- 
handlungen^;, LXI. Bd., Berlin 1903). 

° Über den »blinden Billys vgl. Laistner, IL Bd., p. 267 ff. 



Die Nacktheit in Sage und Dichtung 301 



auA eine leise Spur dieses typischen Strafmotivs der Sdiaulust 
hier nidit fehlen würde. Halten wir dazu Cassels^ Bemerkung 
über die Bedeutung von »arm« als ^imisellus«, so enthielte der erste 
Bestandteil des Namens einen Hinweis auf die Mieselsudit, den 
Aussatz, wie der zweite möglidi er weise einen soldien auf die BIind= 
heit enthalten könnte. 



Das Blut in Glaube und Braudi des Mittelalters, p. 222 ff, 
(Der zweite Teil der Abliandlung folgt.) 




302 



Hanns Sachs 



Die Motivgestaltung bei Scfinitzler, 

Von HANNS SACHS, Wien. 

Die folgenden Ausführungen erheben nicht den Anspnirfi als 
Beitrag zur Künstlerpsydiologie zu gelten. Ich habe es mir 
— von einer Ausnahme abgesehen — nidii gestattet, von 
den Resultaten der Psydioanalyse Gebraudi zu machen und midi 
darauf besdiränkt, ihre Anschauungsweise anzuwenden. Durdi diese 
Methode läßt sidi zwar kein neues Verständnis des luinstlerisdien 
Sdiaifens gewinnen, aber vielleidit eine widitige Vorarbeit dafür 
leisten,- es soll damit der Beweis erbradit werden, daß im Sdiöpfungs= 
afctc des Künsders, wie sonst im Seelenleben, alles, das Kleinste 
wie das Größte, dem Gesetze der Determination unterworfen ist. 

Eine Abzweigung vom »Weg ins Freie«. 

Es ist dem Diditer nidit möglidi, den Kreis zu durdibredien, 
den seine Pläne und Entwürfe um ihn gezogen haben. Wonadi er 
audi greifen mag, in seiner Hand verwandelt es sidi wieder in eines 
seiner Grundmotive/ ihm ergeht es wie jenem Tankred im »Be= 
freiten Jerusalem«, der die Geliebte verwundet, wenn er einen Asc 
vom Baume sdilägt, weil es sein Sciiid^sal ist, ihr überall und 
in allen Dingen zu begegnen. Wie vergeblidi das Bemühen bleibt, 
über seinen Schatten zu springen, läßt sidi an dem großen Roman 
Schnitzlers »Der Weg ins Freie« gut erweisen, Es ist kaum anzu= 
nehmen, daß er die bewußte Absidit hatte, in den beiden Literaten 
des Budies, Bermann und Nürnberger, sein eigenes künsderi= 
sdies Porträt zu zeidinen, durdi ihre Pläne und Werke sein eigenes 
Programm für die Zukunft mitzuteilen. Es darf nidit einmal für 
sidier gelten, dall er seine künftigen Stoffe damals sdion gewählt 
hatte/ um so reizvoller ist es, ihnen in der ersten Gestalt zii be= 
gegnen — früher vieOeidit als der Diditer selbst — und ein Stüdt 
seiner Arbeitsmethode zu erraten. 

Die politisdie Komödie Bermanns und ihr Versudi, gegen 
beide Parteien geredit zu sein, der daran sdieitcrt, daß der Diditer 
innerlidi beiden Parteien Unredit gibt, ist in »Professor Bernhardi« 
unstiiwer wiederzuerkennen. Der ablehnende und ironisdie Aus= 
gang des Stüdtes, der viele nicht befriedigt hat, erklärt sidi aus 
der Selbstkritik, die der Diditer durdi seine Gesdiöpfe an sidi üben 
Heß. Gleidizeitig sind in »Professor Bernhard!« die Grundlinien von 
Nürnbergers Roman aufbewahrt geblieben: » . . . und zum 
Helden seines Budies hatte er einen tätigen und braven Mann ge= 
wählt, der . . . auf der Höhe Überblidt und Einsidit gewann und 
... ins Leere hinabstürzte.« Schnitzler hat dem einen Autor 
die Tendenz, dem anderen den Aufbau seines Werkes leihen 
müssen, oder riditiger gesagt, als er daran ging, sem Werk zu 
sdiaffen, hatte er die Teile sdion da und dort ausgestreut, bdiopten 



Die Motivgestaltung bei SdinitjJer 303 



heißt nur auffinden und einsammeln, was sdion längst seelisdi vor= 
banden war, und es zu neuen und gemäßen Formen zusammen= 
rügen. 

So Hegt audi in dem Opernstoff Heinridi Hermanns sdion 
der K.eim zum »Medardus«. Ein Hauptmotiv, das mißlungene 
Attentat, der von einem s di w arm eris dien Jüngling gegen einen ge= 
hallten und bewunderten Tyrannen vergeblidi erhobene Doldi ist 
beiden gemeinsam. Gemeinsam audi die Unklarheit der Motive aus 
denen der Entsdiluß rciff, im Entwurf kennt sie der Diditer selbst 
nodi nidit redit und verspridit sie nadizutragen, in der Tragödie 
sind sie dem Helden so wenig b:wufit, daß er sie erst aus dem 
Munde emes anderen erfährt. Gemeinsam ist ferner die Begnadigung, 
die der durdi den Ansdilag bedrohte Herrsdier hier wie dort dazu 
benützt, um mit Mensdienseelen und Sdiidtsalen zu experimentieren 
auf die er von seiner Höhe ungerührt hinabsieht. Ähnlidie Motive' 
wie sie den Konig leiten, der den Jüngling »aus einem Tag, wie 
ihn nodi liein Sterblicher genossen, ins furditbarste Dunkel stürzen« 
will, vermutet Medardus bei Napoleon, um das zuvorkommende 
Benehmen des Kerkermeisters zu erklären: »Nein, eine Versdiärfung 
bedeutet es. Es soll midi um so furditbarer treffen, Sie war seine 
Geliebte, Etzeltj Er rädit sidi! . . . Das ist es,« Beidemal wird 
die Begnadigung zurüdtgewiesen und der Held wählt freiwillig den 
lod. Gemeinsam ist sdiließlidi die Prinzessin, die dem Helden pe= 
heimnisvoll, bald als hingebende Geliebre, bald als Feindin und 
Mörderin entgegentritt. Im Entwurf wird dieser Zwiespalt nur auf 
aulierlidie Weise, durdi die seltsame Lage des Helden begründet 
in der Tragödie gehen Wonne und Gefahr, Liebe und Haß von 
den Bewegungen ihres Innern aus,, wenn ihr Empfinden und Handeln 
sidi iiidit völlig zu einer PersönÜdikeit zusammensdiließen will, so 
kann das vieileidit dadurdi begründet sein, daß ihr die Seele erst 
eingehaudit wurde, als es die Gesetze der Komposition verlangten, 
Der Diditer hat das Motiv, das ihn im Roman nur beiläufig 
zu beschäftigen sdiien, in seine Tragödie aufgenommen. Ob ei- sein 
altes Eigentum bei der zweiten Verwendung wiedererkannte oder 
neues zu erfinden wähnte, darf uns hier nidit kümmern. Unsere 
Untersudjung gilt nur der einen Frage: Läßt sidi eine Gesetzmäßige 
keit in dieser Wiederkehr der Motive vermuten und weldie Me= 
dianismen der Entstellung und Veränderung sind dabei tätig? 
w/ x/'^"^ der Phantasiegestalt des Königs, der in seiner ungeheuren 
Wadiheit die Mensdien zwischen Dämmerung und Dunkel hin= 
taumeln sieht, ist eine hödist reale Person, eine Figur der Welt= 
gesdiidite geworden: Napoleon L Mit unfehlbarer Divination hat der 
Diditer die Stimmung, die diesen Namen umwittert, herauszufinden, 
festzuhalten und zu vertiefen gewußt,, seine geheimnisvolle Wirkung^ 
die das ganze Stüdt durdizieht, läßt die Umrisse eines übermensdi- 
lidien geistigen Anditzes ahnen, so etwa wie Hermann sie bilden 
wollte. 






304 



Hanns Sadis 



Von größter Einsicht zeigt es, daß der Träger des Name.s 
nie handelnd die Szene betritt,- solAe Gestalten g^'d^e" ™ D arna 
verwendet, dem Riesen aus dem »Mardieii« p°^2 ,' u Z 
sSten ungeheuere Kräfte hat, während sein Leb mcht die kleinste 

Last zu heben imstande ist. t-j,,,« j „.t ao- 

Das Auffälligste im Gesdiid^e des Agidms: hodiste Lust ge- 
nossen von einem, der weiß, daß er dem Tode geweiht ist, ging 
äu denTungen Medardus nicht über. Wir werden später sehen daß 
es sich hierum eines der ^"^^typisdiesten Motive Schnitzlers 
handelt, das er leicht aufgreifen und wieder fa e„ Jessen '.«""J f^ 
es sich seiner formenden Hand stets bereitwillig darbot. Auch im 
MedLrdus klingt es in jener Szene mit dem Ker&erme.ster und audi 
^St an mandier Ste/le an. seine Ausgestaltung mußte diesmal 

geopfert werden, weil das Gan.e einem "^^""^J^^iirß " t Tr^ 
sammenhane eingefügt wurde. Der versudite Doldistoli st im 
fMeda duS SS mei das erregende Momen, aus de- -* die 
Handlung entwid^elt, sondern ein letztes Auffladjern vor dem Ende. 
Nidit nur an die Stelle des Königs tritt Napoleon er über- 
nimmt deidizeitig die Rolle des begünstigten und besitzenden 
Sn ^sö daß er den Vater und Verlobten des Entwurfes m 
d" rftrson vereinigt. Dagegen hat der Vater cier ?""--- Helene 
dne deutUAe Verwandtsdiatt mit dem Bräutigam He 'od°i, da 
beide hart ans Narrentum streifen, audj den Herzogst.tel und vor 
allem den Cäsarenwahn miteinander teilen. . ,, ., . ,^ 

Für den wirldidien Verlobten, den Marquis, bleibt wenig mehr 
übrig,- die v^esendidien Züge hat er seinem Oheim abgetreten und 
muß nun ziemliA farblos durch die Handlung wandeln 

Im «Weg ins Freie« berichtet HeinnÄ Bermann von den 
PhantasiebÜdern, mit denen er sidi auf seiner Ferienreise umgeben 
hatte Da ent^icJceln sid. dann die allerseltsamsten Beziehungen 
zwisAen den wirklichen und den erfundenen Figuren. Idi konnte 
hnn von einer Unterhaltung beriditen, die zwisAen t^teinem ver= 
storbenen Großonkel, der Rabbiner war, und dem Herzog Hehodor 
s attgefunden hat, wissen Sie, mit dem, der sidi m memem Opern= 
oi^^heuimtreibt,' eine Unterhaltung, so amüsant, so t^f^mnig w e 
im ailcemeinen weder das Leben nodi Operntexte zu sein 
p egen " Das Wirkungsvolle bei der Gegenüberstellung dieser 

Edlen Figuren ist offenbar der Kontrast der prosaisdi ph-^^trosen 
Wirklichkeit mit den kühnen Linien und abenteuerlidien Horizonten 
dnes aller Banalität entrüsten Daseins ,, , irnrnnr,» 

Dieser selbe Kontrast ist einer der Tragbalken der Kompo- 
sition des .Medardus« geworden, nur der ^^^f "Sy"!f ' ^^^r in 
verstärken hilft, blieb dort unverwendbar und fand erst spawr m 

IpXor Bernhardi« seinen Platz. Die 6"«^^'"^' b^den "a u^ de 
und die Wiener Typen, die ihren Bekanntenkreis bilden, auf der 
einen die Valois und ihre Gefolgsdiaft auf der anderen Seite - 
aus der Unvereinbarkeit dieser Gegensätze entsteht der tragisAe 



Die Motivgestaltung bei Sdinitzler 



306 



Konflikt und von hier aus wird er weiterhin ständig genährt. Die 
beiden für die Handlung selbst ganz tinwesentlidien Gruppen sind des* 
halb so eingehend geschildert, damit sie möglidist stark voneinander 
abstedien,- ohne die Deudidikeit und Selbstverständlichkeit dieses 
Abstandes würde das ganze Stüdt sinnlos. Der Hauptträger des Kon= 
trastes auf der adehgen Seite ist der alte Herzog, den wir als 
Ersatzmann des Heliodor erkannt haben/ sein Gegenspieler, der 
gegen Pathos und Leidensdiaft die Skepsis und vernünftige Unter» 
werfuiig unter die Wirklidikeit vertritt, ist der Sattlermeister Esdien= 
badier — der Onkel des Helden. So hat sidi mit erstaunlidier 
Treue selbst dieses flüditige Detail, auf das der Diditer gewiß kaum 
geaditet hat, wieder durdizusetzen gewufit, sobald das Motiv, dem 
es zugehörte, aufklang. 

Die Schwädie des Dramas liegt in der mangelhaften Moti= 
vierung des ersten Konfliktes. Es läßt sidi nidit redit begreifen, 
warum eine so gütige und klare Natur wie Frau Klähr, auf einer 
niditigen Bedingung besteht und ihre Toditer trauern und verblühen 
läßt, nur weil der blinde und halbnärrisdie Vater des Geliebten 
nidit als sein Freiwerber in ihr Haus kommen will. Ein ähnlidier 
Widersprudi zwisdien Charakter und Handlungsweise wird sidi 
woh! kaum in einem zweiten Werk Schnitzlers finden, der in 
Sorgfalt und Makellosigkeit der Tedinik entsdiieden das Muster= 
bild nadi^Ibsensdier Dramatik ist. Wir haben aus unserer 
Analyse erfahren, daß dieses Kontrastmotiv ursprünglidi nur neben= 
her ging,- erst später wurde es mit dem daiiebenllegenden, aber 
inhaltsfremden Agidusmotiv in Verbindung gebradit. <Übrigens 
blieb die Verbindung audi äufierlidi ziemlidi indirekt, denn das eine 
tritt erst kurz vor Sdiluß in den Vordergrund, das andere ist nur 
am Anfang ausdrücklidi betont: das Mittelstück, der eigentlidie Kern 
der Tragödie wird von einem dritten Motiv beherrsdit, das in einen 
anderen Zusammenhang gehört.) Wir müssen den Sprung in der 
Kausalität nidit mehr als Zufall betraditen,- er bezeidinet die Stelle, 
wo es dem Diditer nidit gelang, die ursprünglidi fremden Elemente 
seines Innern bis zum restlosen Ineinanderaufgehen zu vermisdien. 



»Zum großen Wurstel,« 

Schnitzler hat es dem Sammler seiner Lieblingsmotive und 
=gestalten leidit gemadit. Mit sidierem Griff hat er sie selbst zu» 
sammcngefaßt und kunstvoll ineinander gesdiachtelt zur Sdiau ge= 
stellt. Die Burleske »Zum großen Wurstel«, die so entstanden 
ist, gilt mir als eine seiner reifsten und hödisten Leistungen. Zwei 
selten vereinte Vorzüge haben zusammengewirkt, um ein ungewöhn= 
lidies Ganzes zu schaffen: von der Selbstironie verliehene geniale 
Leiditigkeit, die den düsteren und tiefen Mensdiheitsproblemen des 
Diditers ihr Gewidit nimmt und sie in ausgelassenem NaiTentanz 
herumwirbelt, und sorgsamste Tedinik, die in wenigen Zeilen, mit 

Imaga II/3 31 



306 



Hanns Sarfis 



den knappsten Wcndimgen, eine Fülle von Charakteren und Situa= 

tionen auszusdiöpfen weiß. », -j. j 

Der Direktor des Marionettentheaters legt die Absidit des 
Werkes, wenngleidi im Stil des Praterausrufers, deutlidi genug dar : 
»Ein Theater, weldies fürderhin ieglidien Theaterbesudi endgiltig 
überflüssig zu madien geneigt und anvertraut ist. Denn eine Be= 
traditung oder selbst Besiditigung des Theaterzettels beweist, daii 
hier für ieglidies dramatisdie Bedürfnis des geehrten Publikums in 
vollen Maß gesorgt und vertreten ist.« Dramatisdie Motive in un= 
persönlidier Allgemeinheit zusammenzufassen ist ein für den Uiditer 
unlösbares Problem^ wieviel von dem, was Schnitzler gestaltet 
hat, in dem kleinen Marionettendrama wiederkehrt, wird eine kurze 
Untersudiung ergeben. 

Die Anfangssituation zeigt uns den Helden zwisdien zwei 
Frauen stehend: das süße Mädel, das ihm Blumen bringt und härm» 
los beglüdtende ZärtHdikeit sdienkt, und die dämonische Frau, für 
die er im Duell mit ihrem Gatten fallen soll, obgleidi sie ihm 
nidits bedeutet. Der Konflikt der »Liebelei« ist unverkennbar, nur 
daß in parodistisdier Zuspitzung der Held die Frau nidit einmal 
kennt, für die er sterben muß. Audi diese Übertreibung ist nidit 
völlig neu: Im »Tagebudi der Redegonda« büßt Dr. Wehwald 
seine bloß geträumten Wonnen mit dem Tod von der Hand des 
Gemahls der Unbekannt=Geliebten, während ein anderer sie ent=. 
führt, Als Nebenmotiv kehrt dieselbe Situation im »Zwisdienspie!« 
wieder,- dort hat der Graf die unangenehme Eigensdiaft, die Ver= 
hältnisse seiner Frau erst zu entdedten, wenn sie vorbei sind. 
Amadeus wird durdi die Sorge Cäciliens davor bewahrt, sidi tur 
eine längst Vergessene sdilagen zu müssen, wie sein Vorganger, d^ 
Maler, von dem Albertus Rhön sagt: »Da wäre ein junger Mensdi 
um ein Haar umgebradit worden, wegen einer Sadie, die langst 
vorbei ist . . . Weißt Du was mir eigcntlidi leid tut, in höherem 
Sinn? Daß der Maler kein Genie ist und der Graf ihn nidit wirk= 
lidi ersdiossen hat. Da läge was großartig Tragikomisdies in der 
Sadie,« Ähnhdi wird Friedridi Hofreiter von der Radie Natters 
erst getroffen, nadidem ihm dessen Frau gleidigiltig geworden ist. 
Die Liebenden nehmen Absdiied, für kurze Trennung nadi 
Liesls Meinung,, der Held weiß, daß es für ewig ist Ebenso hofft 
der Freiherr von Leisenbohg, da er aus Klärens Armen kommt, 
auf ein ungetrübt glüdilidies Beisammensein in naher und ferner 
Zukunft und ahnt nidit, daß sie nur mit der Absidit, sidi ihni für 
immer zu entziehen, die Seine geworden ist. Audi Frau Berta 
Garlan hält die Nadit, die den Absdiied von dem Jugendgeliebten 
und der Jugend bedeutet, für den Beginn einer neuen Liebcszeit, 
Sdiwadie Ausläufer lassen sidi hier nidit minder aufzeigen. Im » Weg 
ins Freie« zum Beispiel ist es Oskar Ehrenbergs Amy, die mdit 
weiß, daß der lustige Abend im Prater der letzte ist, den_ sie mit 
ihm verlebt und Hermann, der sidi den Absdiiedstag m bnnnerung 



Die Motivgestaltung bei Sdinilzler S07 

ruft »und seine Ahnungslosigkeit, daß alles dieses zum letzten» 
mal wäre«. Die rein lyrische Verwertung findet sidi in dem Gedidit 
»Anfang vom Ende« ; »und daß idi längst Absdiied von Dir 
genommen, mein Mädel, — du weißt's ja nidit.« 

Der ernste und der heitere Freund sind deswegen parodistisdi 
wirksam, weil sie gemeinsam die Bühne betreten, da dodi sonst in 
jedem Stüdt nur für einen von beiden Platz ist: dem Helden steht 
entweder ein ernster Berater zur Seite wie Etzelt und der Arzt 
im »Ruf des Lebens« oder einer, dessen Aufgabe es ist, ihm und 
dem Slüdi etwas Heiterkeit mitzuteilen, wie Theodor in der 
»Liebelei«, Florian Jadtwerth in den »Letzten Masken« und der 
Diditer Albertus Rhön im »Zwisdienspiei«. Die beiden Sekundanten 
sind Rivalen des Helden, etwa wie Friedridi Hofreitcr für sein 
Duell sich die zwei Männer zu Helfern wählt, denen er das Weib, 
das sie liebten, weggenommen hat und in der Novelle »Der Mörder« 
Alfred Adelens Bräutigam zum Sekundanten nimmt. In den Abgangs^ 
Worten deutet der Diditer auf die Art, aus den Episoden eines 
Werkes die Handlung der späteren zu entwidteln, die wir sdion 
als seine eigene Arbeitsmethode kennen gelernt haben. 

Die Herzogin von Lawin bringt mit ihrem Verführungsversudi 
in das Stüdc jenes bevorzugte Motiv der durdi das Wissen von 
der Unabwendbarkeit des nahen Todes vertieften letzten Lust, das 
wir als den Kern des Ägidius=Stoffes sdion gestreift haben, In der 
Fassung des Opernplanes tritt die innere Verwand tsdiaft des Motivs 
mit dem Liebestod Tristans, die in anderen Gestaltungen kaum er.= 
ratbar ist, audi in äußeren Zügen hervor/ in beide rausdit als 
Symbol der Unendlidikeit und des Todes das Meer hinein, so daß 
die Meerfahrt ihnen zum wesentlidien Stimmungs= und Handlungs= 
element wird; Wie im ersten Akt des »Tristan« führt den Ägi^- 
dius ein Sdiiff gemeinsam mit einer, die ihm bald Mörderin, bald 
Geliebte ist, dem Verhängnis entgegen und sein Tod hängt wie 
im letzten Akt an der Landung eines Sdiiifes. Daß im »Weg ins 
Freie« die Tristan=Partitur und die Sdiilderung einer Tristan=Vor= 
Stellung Platz gefunden haben, ist also keineswegs zufällig, Die 
vollständige Analyse eines Kunstwerkes müßte uns zeigen, daß die 
Willkür bei der Komposition überhaupt keine Rolle spielt und die 
bewußte Wahl eine sehr geringe. 

Wenn wir zu den weniger rein ausgeprägten Formen unseres 
Motivs niedersteigen, finden wir sdion eines der frühesten, »Sterben«, 
unterirdisdi davon durdizogen. Die Sdiilderung, wie für den, der 
sein Todesurteil erfahren hat, die letzten Züge aus dem Bedier des 
Lebens veränderten Gesdimadt bekommen, ist der eigentlidie Vorwurf 
der Erzählung, Später erwädist aus demselben Boden die Gestalt der 
Katharina im »Ruf des Lebens«, die sidi der Liebe nidit ersättigen 
kann, seitdem sie ihr Grab so nah vor sidi sieht. In der Novelle 
»Die Fremde« weiß Albert, daß ihn seine Braut nadi kurzem Glüdt 
verlassen wird und findet »in dem festen Entschluß, dann die Welt 



sog 



Hanns Sadis 



zu vorlassen, den einzigen Hait«, Herr von Sala fordert von seinem 
Arzt, daß er ihm nidit durdi Verheimiidiung den Genuß seiner 
Todesstunde swegeskamoriert«. Wenn Etzelt mit Bitterkeit ausruft: 
»Du wärst meinethalben in den Armen der Prinzessin nie wieder 
aufgewadit!« so sdieint er einer geheimen Sehnsudit seines Freundes, 
die von diesem Ausweg träumte, Worte geliehen zu haben, denn 
Medardus erwidert »vor sidi hin«; »Kein übler Wunsdi, Etzelt, 
kein übler Wunsdi.« Im »Sdileier der Beatrice« steht das Motiv 
wiederum im Mittelpunkt. Aus dem Bewußtsein heraus, daß ihm 
und den Seinen der nädiste Morgen den unentrinnbaren Untergang 
bringen muß, erhebt der Herzog Bentivoglio die unbekannte SdiÖn= 
heit, die Ha nd werke rstoditer, zu seiner Gemahlin und lädt die 
blühende Jugend seiner Stadt zur Hodizeitsfeier. Das Fest wird zur 
Orgie, weil die ganze Stadt ihm nadifolgt und sidi in Rausdi und 
Taumel einer hödisten Lust für den Tod weiht. 

Im »großem Wurstel« erhält dieses letzte Glück nodi eine 
besondere Note, weil es durdi eine Frau gewährt wird, die sidi 
darauf kapriziert, nur einen Todgeweihten zu lieben. Audi dies hat 
sein ernstes Vorbild in der Kurtisane Lucretia, die ihren Sdiwur 
ausführt und nadi der Liebesnadit den Jünghng, dem sie angehört 
hat, tötet. An diese reiht sidi wieder die Tat der »Frau mit dem 
Doldi« an. Wie die Flerzogin von Lawin stürzt sidi audi Marie 
im »Ruf des Lebens« in die Arme des Geliebten, von dem sie 
erfahren hat, daß er dem Tode verfallen ist. 

Der Herzog, der nun die Szene betritt, ist eine amüsante 
Karikatur der Gestalt des vollkommenen Verführers, wie sie 
Schnitzler mandimal zu seidinen liebt. Die dämonisdie Unwider=^ 
stehlidikeit eines Herzog von Cadignan im »Grünen Kakadu« oder 
Herrn von Sala mußte sorgfältig von jeder Beimisdiung von Sdiwere= 
nötertum rein gehalten werden. Hier und im »Tapferen Cassian« 
hat sich der Diditer entsdiädigt, indem er ins entgegengesetzte Ex= 
trem übersprang. 

Durch den Selbstverrat Liesls erfährt der Held unvermutet, 
daß sie den Herzog geliebt hat, so wie Meister Cyprian aus dem 
eigenen Mund seiner Frau das Geständnis ihrer tiefen Neigung 
zu Paracelsus vernehmen muß/ audi Filippo Losdii hört aus den 
Worten der nichtsahnenden Beatrice, daß er ihre Seele nidit mehr 
ganz besitzt. Ironisdi verwendet ist die Situation in der Anatol= 
Szene »Die Frage an das Sdiidtsal«, wo der Eifersüditige aus 
Angst vor einer vollkommen wahrhaftigen Antwort darauf ver= 
ziditet, die Frage an die Geliebte zu stellen. 

Der Held weist die angebotene Versöhnuiig zurück und fordert 
nun selbst das Duell und damit den sidieren Tod von der Hand 
des Gegners, Ganz das Gleidie haben wir Ägidius und Medardus 
tun sehen, deren Attitüde hier wiederholt — oder vorausgeahnt 
— wird. 

Es folgt eine aufs äußerste verkürzte Wiedergabe der Ab= 



Die Motivgestaltung bei Sdinitzier 



309 



sdiiedsszene zwisdien Filippo und Beatrice, deren parodistisdie 
Wirkung eben auf der Abbreviatur beruht. Statt der vergcblidien 
Versudie des Diditers und des Herzogs, das Seelengeheimnis Bea= 
tricens zu ergründen, erhalten wir die bündige Selbsterläuterung 
Liesls: »Es war halt so sdiön! Es ist meine Natur.« Wie Filippo 
will der Held durdi den gemeinsamen Tod die Untreue entsühnen. 
Das Sdiwanken Beatricens zwisdien Lebensgier und Hingabe ersetzt 
Lies! durdi die unzweideutige Absage; »Nein, fäÜt mir nidit ein — 
idi bring' midi nidit um«, auf die prompt Ekel und Verstoßung folgen. 

Der als Vater der Verlassenen crsdieinende düstere Kanzlist 
ist eine Karikatur des Herrn Rosner, der audi von der trübselig= 
grauen Amtsatmosphäre umgeben ist und einen wenig erfolg= 
reidien Versudi madit, von dem »Verführer« seiner Toditer Redien= 
sdiaft zu verlangen. Mit seinem sinnlosen Gebelfer bildet er das 
Gegenstüdi zu dem gütig=weisen Vater aus der »Liebelei«, Ganz 
neu ist nur die »soziale Note« in seiner Rede, denn ihr ist 
Schnitzler stets fremd geblieben,- er läßt sie audi hier durdi seinen 
Helden mit verädididier Geste beiseite sdiieben. 

Der Vetter von Bradtenburg, der gar nidit begehrt, der Erst= 
geliebte zu sein, wenn er nur der letzte bleiben darf, ist eine typi» 
sdie Figur der neueren Literatur. In der »Liebelei« bleibt der Cousin 
Binder, der Typus soldier »Männer, die nidits glauben«, hinter deo 
Kulissen, dagegen hat ihn Schnitzler mit besonderer Delikatesse im 
»Freiherr von Leisenbohg" behandelt, Audi hier gibt es eine 
Gegensatzfigur, den Dr. Berthold Stauber im »Weg ins Freie«, der 
sidi absolut nidit in die Rolle Bradtenburgs finden kann. 

Der Held, der eben nodi von Liebe und Haß, Neid und 
Hingabe umglüht war, bleibt plötzlidi allein,- mit einem Sdilage 
wenden sidi alle von ihm ab und lassen ihn ohne mensdilidie Be* 
Ziehung zurüde. Auf diesen Grundton sind alle drei Studie der 
Puppenspielerserie gestimmt, Die Flelden der beiden anderen Ein= 
akter, Georg und Martin, erleiden dasselbe Sdiidisal,- sie werden 
in die Einsamkeit ausgestoßen, weil sie die Liebe, die ihnen ent= 
gegenkam, zum Spiel ihrer Eitelkeit mißbraudit hatten. 

2um Sdiluß greift das Marionettenstüdi auf die Theaterbühne 
über und von dort aus, alle Sdirankcn der Illusion durdibrediend, 
auf die Zusdiauer selbst, bis durdi das spöttisdie Drohwort der 
Rätselgestalt Spiel und Täusdiung vollkommen aufgehoben werden 
und jeder einzelne sidi unvermutet Aug' in Aug' mit der Wahr= 
heit sieht. Damit ist der Gipfel erreidit und da mit den Worten 
des Direktors »die Bühne, das Abbild des Erdentreibens, audi 
Spiegel der Welt« sein soll, muß gleidi wieder der Tageslärm ein= 
setzen und in seiner bunten Sdieinwiditigkeit fortgehen, als wäre 
nidits gesdiehen. Das Zusammenfließen von Wirldidikeit und Sdiein, 
Traum und Erlebnis ist ein Problem, das auf Schnitzler von je 
die stärkste Anziehung geübt hat. Die Stellen aufzuzählen, wo er 
sidi damit besdiäftigt, ist wohl unnötig. Die Grenzverwisdiung 



310 Hanns SaAs 



zwischen Bühne und Lebensernst ist ein Sonderfall dieses Problems, 
den er sdion einmal im »Grünen Kakadu« mit hödister Meister= 
sdiaft behandelt hat. 

Die komisdi=parodistisdie Wirkung des Marionettenspieles 
beruht vor allem darauf, daß trotz Bewahrung der dramatisdien 
Form alle tedinisdien Regeln des Dramas auf den Kopf gestellt 
werden. Die Handlung geht ohne Rüdisiditnahme auf die retar= 
dierendcn Elemente geradewegs auf ihr Ziel los wie eine Pistolen^ 
kugel. Jede Person des Stüdtes teilt ohne Umsdiweife alle ihre 
Absiditen und Vorsätze mit. Dadurdi werden dem Dialog alle 
Ausbeugungen vom Persönlidien ins Allgemeine unmöglidi gemadit, 
die für das moderne sProblemstüdt« — das der »große Wurstel« 
parodiert — das Widitigste sind. Der tedinisdien Sdiwierigkeit, 
derlei einzufügen, ohne den Ansdiein zu erwedten, daß den 
handelnden Personen die kritisdien Erörterungen mehr am Herzen 
liegen als ihr eigenes Sdiidtsal, wird absidididi durdi das plumpste 
Auskunftsmittel begegnet und dieses nodi ins Groteske verzerrt. 
Der »Räsonneur«, dem die ganze Weisheit in den Mund gelegt 
wird, ist in die Handlung kaum je völlig einzuflediten ,■ im Puppen= 
stütk steht er ihr vollkommen ferne, »er kümmert sidi um niemanden 
und niemand kümmert sidi um ihn«, 

Jeder Auftretende erläutert nidit nur seine Pläne, sondern 
audi seinen Charakter und die Aufgabe, die ihm demgemäß in der 
Handlung zufällt, so daß für die indirekte Charakteristik — den 
Kernpunkt aller dramatisdien Tedinik — gar kein Platz mehr bleibt. 
Mit einer Offenherzigkeit, die dem Zusdiauer nidits mehr zu erraten 
übrig läßt, geben die Figuren gelegentlidi auA Winke über den 
literarisdien Stil, den sie repräsentieren,' so tröstet sidi der Held 
damit, daß er in eine moderne Truhe gehöre, während der alte 
Kanzlist mit seiner sozialen und moralisdien Anklagestellung aus 
einer uralten Sdiaditel stammt. 

Hinter dieser Ausgelassenheit, die in der Auflehnung der 
Marionetten gegen den Diditer gipfelt, stedtt allerdings ein Stüdf. 
wehmütigen Verzidites, Wer mit Marionetten spielt, der braudit 
sie nadiher nur in die riditigen Sdiaditeln des Literaturstils, aus 
denen er sie genommen hat, wieder zu rü dt zu legen, von anderen 
Sorgen bleibt er frei. Der Diditer, der danacfi strebt, lebende 
Mensdien zu gestalten, muß immer fühlen, daß ihm ihre Persön- 
lichkeit nidit in der ganzen Fülle und Tiefe, wie sie sidi zwisdien 
Geburt und Tod ausbreitet, zugänghdi wird, sondern nur innerhalb 
des kleinen Bezirkes der von ihm erfundenen Handlung. Alles was 
vorher und nadiher gesdiieht, bleibt ihm rätselhaft, denn er kann 
seine Handlung nidit nadi Willkür wählen, um bald dies, bald 
jenes Stüdc Mensdien lauf bahn zu überbliAen^ mit unsiditbaren, 
aber unauflöshdi festen Banden ist er an bestimmte Motive gekettet, 
die ihm die Möglidikeiten der Erfindung begrenzen. Es mag ihm 
wohl sdieinen, als wollten die von ihm gezeugten Gestalten ihres 



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Die Motivgestadung bei Sdinitzler 311 

Schöpfers spotten, wenn sie sidi seiner sdiaffenden Phantasie nidit 
mehr fügen wollen, ja, seinen Händen entgleitend ins Wesenlose 
verschwinden, sobald er es versudit, sie über den Kreis hinaus, der 
ihm gegönnt ist, zu verfolgen. Diese Besdiränkung in der Motiv= 
wähl, die für uns die Charakterlinien der künstlerisdien Persönlichkeit 
ergibt, bedeutet für den Künsrier die Grenze, die audi der reidisten 
und tiefsten Natur gezogen ist. 

Der Giftbecher. 

Es kann nidit bedeutungslos sein, wenn in den Phantasien eines 
Diditers eine bestimmte Episode stets wiederkehrt. Nidit das kommt 
für uns in Betradit, ob sie in seinem Sdiaffen und Denken einen 
hervorragenden Platz einnimmt/ mag sie ein noch so unbedeutendes 
Requisit der Handlung sein, wenn sie sidi nur immer wieder durdi- 
zusetzen weiß, immer wieder dort zum Vorsdiein kommt, wo es 
der Gang der Ereignisse gestattet, werden wir dodi vermuten, 
daß sie irgendeinmal eine dominierende Rolle im Seelenleben ge= 
spielt hat, etwa wie wir daraus, daß sidi ein bestimmtes Götterbild 
bei der Ausgrabung einer antiken Stadt in zahlreidien kleinen 
Wiederholungen findet, sdiließen können, daß die dargestellte Gott= 
heit an diesem Orte einst allgemeine Verehrung genoß. Die führende 
Stellung hat eine sold\e Episode — oder die Phantasie, der sie 
angehörte — offenbar längst verloren. Aber ins Nidits aufgelöst 
hat sie sidi darum doch nidit: sie wartet in der Tiefe, bis die Ge= 
legenheit zu ihrer Verwendung kommt, und niemand kann ermessen, 
ob es nidit ihr geheimer Einfluß ist, der die Gelegenheit herbei-' 
führen hilft, d. h. ob bei dem Aufbau der Diditung, wenn er gleich 
ganz anderen Zielen zustrebt, unbewußt auf die Moglidikeit sie ein= 
zufügen Rüdisidit genommen wird. Soldie Episoden zu verfolgen, 
kann wohl der Mühe wert sein, 

»Nur eines Griffes von seinem Finger hätte es bedurft, das 
Glas umzustoßen, das bläulidi vom Tisdichen herübersdiillerte und 
die Gifttropfen wären, ein harmloses Naß, in die gleichgiltigen 
Dielen versickert. Aber Alfred lag regungslos und wartete. c.t 
wartete, bis er endlidi, mit stillstehendem Herzen, einer ihm wohU 
vertrauten Bewegung Elisens gewahr wurde, die mit halbge= 
sdilossencn Augen ihre Hand nadi dem Glase ausstrecicte, um, wie 
sie immer vor dem Einschlafen tat, ihren letzten Durst zu stillen.« 
So wird in der Novelle »Der Mörder« das Gift gereidit. Ganz 
ebenso vergiftet im »Ruf des Lebens« Marie ihren Vater, indem 
sie eine tötliche Dosis des Sdilafmittels in das Glas sdiüttet, das er 
vor dem Einschlafen leert. In »Lebendige Stunden« geht die Mutter 
Heinridis freiwillig aus dem Leben und sucht — ■ wie jene beiden 
Mörder — einen natürlichen Tod vorzutäuschen. »Man trinkt das 
Morphiumflascherl aus, in der Früh wird man tot im Bett ge= 
funden.s Dieselbe Art zu sterben hat wohl Frau Mathilde in »Die 



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312 



Hanns SaAs 



griechisdie Tänzerin« gewählt, die alle für das Opfer eines Herz= 
sdilages halten,- nur der eine, der sie ohne Glüdi geliebt hat, ahnt, 
daß sie dem untreuen Gatten, für den sie gestorben ist, nodi die 
Gewissensbisse wegen ihres Selbstmordes zu ersparen sudite, wie 
die Hofrätin ihrem Sohn. Im :'SdiIeier der Beatrice« läßt Filippo 
seine Geliebte glauben, er habe ihr heimlidi Gift ins Glas gegossen, 
wie es Alfred im »Mörder« tut, um sie zu erproben, ehe er mit 
ihr in den Tod geht. Ein letzter, humoristisdier Ausläufer dieser 
Vergiftungsepisode ist die Idee des Albertus Rhön im sE\visdien= 
spiel«; sDu besÄenkst midi mit einem Sdiluß zu unserem gestrigen 
ötüdt. Idi danke. Der ist mir zu abgesdimadit — den glaubt kein 
Mensdi. Idi habe einen viel besseren: Du wirst vergiftet — ja, 
Und weißt du, von wem? . . . Von einer ganz neuen Figur: einem 
dir unbekannten Liebhaber deiner Frau.« Fast überall finden wir, 
soweit die Details überhaupt ausgeprägt sind, zwei gemeinsame 
Hauptmerkmale: Daß das Gift im Sdilaftrunk genossen wird und die 
Absidit, einigen oder allen ein natürlidies Ende vorzutäusdien, gehngt, 

In den meisten Fallen wird das Gift von dem Geliebten dar= 
gereidit, sei es nun direkt oder so, daß er nur der Anlaß, nidit der 
Täter ist. Zweimal sterben Eltern durdi die Kinder, einmal ein Vater 
von der Hand der Toditer, einmal eine Mutter für ihren Sohn. 

Wir dürfen uns nidit in Vermutungen verlieren, weldie Ge= 
stalt die ursprünglidiste war,- es ist sehr möglidi, daß keine von 
diesen darauf Anspruch erheben kann, daß jede nur ein Stüdi 
aufbewahrt und alles übrige entstellt hat. Die Gewißheit, die wir aus 
diesem Material gewinnen können, reidit nur soweit wie die Qber= 
einstimmungen. Um das andere zu ersdiließen, müßten wir ein StüA 
Kenntnis einsetzen, das nidit aus der Literatur gesdiöpft worden ist. 

Was ist die Liebe, sag? 

Zwei Seelen und ein Gedanke, 

Zwei Herzen und ein Schlag. 

Kann der Trieb, der den Mensdien bewegt, sidi aufzugeben, 
sein Sdiidisal an die Gefühle eines anderen zu ketten, jemals völlige 
Befriedigung finden? Kann es gelingen, dauernd alle Winkel und 
Heimlidikeiten einer fremden Seele zu durdidringen und sidi selbst 
ihr ebenso völlig aufzutun? Nur die fladiste Sdiönfärbcrei, die den 
Blid^ in die eigenen Seelenkämpfe sdieute, konnte diesem geträumten 
Ziel aller Liebe irdisdie Wahrheit und Verwirklidiung leihen. Die 
tiefen und sdiöpferisdien Geister haben von Plato an, der seinen 
Sokrates sidi der Gabe berühmen läßt, überall einen Liebenden 
und einen Geliebten zu erkennen, bis zu Dostojewsky ein uner-= 
bittlidies Nein gesprodien. So gieidimäßig ihre Antwort klang, so 
versdiieden war die Begründung,- wer sie aus ihren Werken heraus» 
zulesen vermag, ist der wesentlidien Wurzel ihrer PersÖnhdikeit in 
der Erkenntnis ein bedeutendes Stüdt näher gekommen. 



Die Motivegstaltung bei Sdinitzler 



313 



Die Eiklärung, die Poeten und Philosophen am häufigsten 
geben, sdireibt der grundsätzlidien Versdiiedenheit der beiden Ge= 
schlediter in dem, was ihnen die Liebe bedeutet, die Sdiuld zu. Je 
tiefer und wahrer die Neigung ist, desto deutlicher wird sidi in ihr 
die Grundart des eigenen Gesdjledites bei beiden Liebenden offen= 
baren,- statt sidi zu vereinigen, müssen sie immer deutlicher die 
Tiefe des Abgrundes fühlen, der sie auseinanderhält, und nadi der 
kurzen Seeliglteit des Findens einander für alle Zeiten verlieren. 

Seltener findet sidi eine zweite Deutung, die mit der ersten 
übrigens sehr wohl vereinbar ist. Sie geht davon aus, daß die Liebe 
als eine redit komplizierte Angelegenheit gelten darf/ da sie die 
ganze, vielfältig gespaltene Persönlidikeit des Mensdien umfassen 
und ausfüllen kann, muli sie wohl von allen Kraftquellen her, die 
in seiner Seele entspringen, von allen seinen Instinkten und Trieben 
Unterstützungen an sidi gezogen haben. Hinter der Zärtlidikeit 
stehen die anderen, minder geistigen Anteile des Gesdileditstriebes, 
dann aber aucfi Herrsdisudit und Eitelkeit, Selbstopferungs= und 
LJnterwerfungsIust und vieles andere. Bis zu diesem Punkt vermag 
audi die gewöhnlidiste Beobaditungsgabe leidit mitzugehen. Was 
aber nur die wenigen »Kenner der Höhen und Tiefen« ausge= 
sprodien und gestaltet haben ist die Tatsadie, daß sidi mit der Liebe 
audi ihr vollkommenes Gegenteil gerne versdiwistert: der Haß. 

Daß Liebe und Haß, nidit eines dem anderen nadifolgend oder 
miteinander abwcdiselnd, sondern gleidizeitig und miteinander 
hausend, in einer Brust wohnen können, sdieint der vollkommenste 
Widersprudi. Wo geniale Sdiöpferkraft einen Zwiespalt dieser Art 
in einer Gestalt verkörpert hat, da entstanden jene Rätselwesen wie 
Hamlet und Penthcsilea, an deren Verständnis der Witz der 
Ästhetiker und Psydiologen verzweifelt. Wer freilidi gelernt hat, 
mit dem bewußten audi ein Stüdt vom unbewußten Seelenleben zu 
sehen, weiß, daß Liebe ohne Haß, Haß ohne Liebe weit seltener 
anzutreffen sind als beide verbunden, wenn audi meist nur einer 
von ihnen sidi im Lidit des Bewußtseins sonnen darf, während der 
andere in der Tiefe wirkt und harrt, ob nidit einmal die Stunde 
seines Aufstieges komme.. In solchen Fällen sind die beiden Affekt= 
gegensätze zwar in einer Person vereinigt, aber durdi die Sdiranke, 
die zwisdien Bewußtem und Unbewußtem aufeeriditet ist, hinreidiend 
gesdiieden, um den Zustand erträglidi zu erhalten,- nur wenn eine 
äußere oder innere Veränderung dem Verdrängten den Weg zur 
Herrsdiaft freizumadien sdieint, beginnen die Kämpfe und Konflikte. 
In jenen selteneren Fällen, wo die beiden unversöhnlidien Gegner 
ganz oder teilweise bewußt geblieben sind, ist Friede und Ruhe ver= 
ioren. Ein unaufhörlidier Kampf reißt den Unglüdilidien zwisdien 
zwei Extremen hin und her, so daß er sidi und den anderen in seinem 
Fühlen unverständlidi, beinahe entrüdit sdieint. Zwei Ausgänge sind 
möglidi; Entweder der eine Kämpfer erweist sidi überlegen und 
verdrängt den anderen vom Sdiauplatz oder die Natur verweigert 



314 



Hanns Sadis 



ihre wohltätige Hilfe und dann bleibt nur die letzte dunkle Zufludit 
oifen, hinter deren Tore keine innere Zwietradit folgen kann. 

Dieses zweite, tragisdie Ende hat Schnitzler, der das Ringen 
zwisdien Haß und Liebe zu sdiildern liebt und oft als Motiv ver= 
wendet, seinen jungen Medardus finden lassen, nadidcm ihn das 
Sdiwanken zwisdien Liebe und Haß, die er beide mit gleidiem 
Feuer für die Prinzessin empfindet, aus allen mensdilidien Beziehungen 
herausgerissen und vom Helden zum Narren entwertet hat. Wohl 
niemals vorher wurde das Problem dieses Zwiespalts mit so viel 
Klarheit angesdiaut, mit so viel Unersdirodienheit durdigeführt Aus 
dem ersten Ausbrudi des Hasses tönt sdion die mitgeborene Liebe 
heraus und wo immer dann das eine von beiden Gefühlen das 
Wort führt, klingt das andere, bald stärker, bald sdiwädier mit. 
Diese »Ambivalenz«, wie der von Bleuler eingeführte Fadiausdrudt 
unserer Wissensdiaft lautet, steckt im Keim sdion im Ägidius= 
Stoffe, wo sie zunädist dem Vater der Prinzessin gilt. «Ägidius 
muß sidi natürlidi für gerettet halten. Er wundert sidi nidit über= 
mäßig, denn sein Haß gegen den König war immer sehr von Be= 
wunderung unterzündet.« Wir haben sdion davon gesprodien, daß 
audi die Prinzessin ein Doppelanditz zu führen beginnt. Was dort 
unbestimmt aufdämmerte, ist im Medardus als Hauptmotiv in die 
Mitte der Handlung getreten. Nadi diesem Punkte streben alle 
Fäden zusammen: Alles Vorhergehende dient nur als 2ündsdinur, 
um diese Mine springen zu lassen, und das jähe, überrasdiende 
Ende kommt von hier aus wie der Blitz aus einer Wolke, die den 
Himmel sdion längst verdüstert hat. 

Das Ineinanderweben von Liebe und Haß hat der Diditer nodi 
ein anderes Mal, in der Novelle »Der tote Gabriel« in den Mittel- 
punkt gestellt. Hier tritt die liebend=Hassende nur einen Augenbhdc 
aus den Sdileiern, die ihr Wesen verdecken, hervor, um gleidi 
wieder dahinter unterzutaudien. Der sdieinbar kühle und objektive 
Ton der Erzählung hält das Geheimnis ihrer Seele bis ans Ende 
fest, das nidit zögernd und schrittweise, sondern in einem Strahl 
piötzhdier, fast sdimerzhafter Klarheit zugleidi dem Mann, an dem 
sie ihr Sdiicksal erlebt, und dem Leser enthüllt wird. 

Die sdiärfste Seelenanalyse eines in Liebe und Haß gegen 
dasselbe Mädchen Befangenen gibt die Novelle »Der Mörder«. 
Alfred beginnt seine sanfte und zärtlidie Geliebte zu hassen, weil 
sie ihm als Hindernis einer neuen, ersehnten Verbindung gilt,- erst 
versudit er die Herzkranke durdi seine Umarmungen zu töten und, 
da dies mißlingt, greift er zum Gift. Das AuftauAen des im Unb^ 
wußten längst gehegten Todeswunsdies als Mordplan, der plötzlidi 
in völliger Durdidaditheit, in allen Details vollendet, vor seiner Seele 
steht, ist ein sdiönes Beispiel der intuitiven Einsidit des Diditers in 
das Walten psychisdier Mädite. Aber in all seinem Groll und 
seinen finsteren Plänen versdiwindet die Liebe niemals und selbst 
nadi der äußersten Tat des Hasses denkt der Mörder seines Opfers 



Die Motivgestaltung bei Sdinitzkr 315 



als »einer unsäglidi Geliebten« und empfindet es als "Wonne für 
sie sterben zu dürfen. 

Im sHirtenlied« ist das erste Abenteuer der von ihrem Gatten 
freigegebenen Dionysia ein feindlidies Zusammentreffen mit dem 
fremden f4[rten/ sie eilt ihm nadi, um ihn zu züditigen, und ergibt 
sidi ihm dodi glcidi darauf in Liebe. Ähnlidie Episoden ließen sidi 
wohl nodi einige zeigen, aber fesselnder ist es, der Wirkung dieses 
Motives dort nadizugehen, wo es unsiditbar zugrunde liegt. Die 
Haltung, die Bermann in »Der Weg ins Freie« gegen seine Ge= 
liebte einnimmt, wird erst verständÜdi, wenn man neben der Liebe 
und h,ifersudit audi unbewußten Hafi unter die Motive redinet 
Uas »Gefühl der Befreitheit«, das den Baron Wergenthin iedes= 
mal überkommt, wenn er von einer Geliebten Absdiied nimmt, 
durfte wohl aus der Quelle eines ähnlidien Ewiespalts der Emp= 
hndungen stammen. 

Sdion daß die Werke, in denen das Problem bewußt und 
austuhrlidi behandelt ist, sämdidi zu den späteren gehören, redit= 
fertigt den Sdiluß, daß es in den früheren bereits irgendwie ent» 
halten war. Es kommt in keinem Seelenleben, audi dem des 
Uiditers, durdi die Entwicklung etwas Neues hinzu, nur daß bei 
Ihm die Keime zu ihren Möglidikeiten heranwadisen und sdiatten- 
hatt^Huditige Linien zu leibhaften Gestalten werden. 

Menächmen. 

Schnitzler hat zweimal ein und dasselbe Motiv zum Mittel- 
punkt eines Werkes gemadit. Der Einakter »Die letzten Masken« und 
die Novelle »Der Tod des Junggesellen« verkörpern beide den Satz, 
daß zwisdien Leben und Tod jede Gemeinsdiaft aufhört <»denn 
lad und Leben pilgern auf getrennten Pfaden«), durdi denselben 
Mo». Das Ärgste und Bitterste, der mit der geliebten Gattin an 
Eheglud und Ehre geübte Betrug, verliert seine Wirkung, wenn 
der Tod zwisdien Betrüger und Betrogene getreten ist. In der später 
entstandenen Novelle ist das Thema reiner herausgearbeitet: dort 
fehlt die BeimisAung eines dem Motiv fernstehenden und darum 
störenden Grundes, der dem Sterbenden die Lippen öffnet, wie es 
der Haß und die Wut des Erfolglosen gegen den Emporkömmling 
!f ^P'V^*^^'^" Masken« tut. Audi ist das Problem weitergeführt, 
da die Erkenntnis der Vergeblidikeit seines Beginnens in dem Ein= 
akter nur dem Sterbenden aufgebt und ihm das Wort von der 
Lippe zurüdfdrängt, während in der Novelle die Betrogenen ihr 
Sdiidtsal erfahren und die gehoffte Wirkung dennodi ausbleibt. 
Diese Ausarbeitung führte zu einer neuen Konsequenz, denn wenn 
ein soldies Versagen und Wirkungslos werden wirklidi den Wert 
einer typisdi mensdilidien Ersdicinung haben sollte, durfte es nidit 
bloß Einem begegnen, sondern mehreren, womöghdi redit vcr- 
sdiiedenen Charakteren. Erst durdi diese Vervielfältigung wird der 



316 Hanns Sa As 



Stoff wirklidi ausgesdiöpfi und so treten an die Stelle des einen 
betrogenen Ehemannes ihrer drei. , r^ , j al 

Nun ist durdiaus nidit anzunehmen, daß der Uiditer die Ab= 
sidit hatte, in der Novelle durdi irgendein Detail an das frühere, 
verwandte Werk zu erinnern. Eher läßt sidi das Gegenteil vermuten, 
etwa aus der völligen Umkehrung des Milieus, durdi die aus einer 
ärmlidien Kammer des Allgemeinen Krankenhauses das luxuriöse 
Heim eines reidien Genießers geworden ist, Dennodi haben sidi bet 
zwei von jenen drei neuen Figuren, und gerade bei den beiden, die 
lebendiger gezeidinet und tiefer erfaßt sind, nämlidi dem Uiditer 
und dem Arzt, kleine Züge ihres Vorgängers aus dem Einakter 
erhalten, die ihre Abstammung von ihm unzweideutig dartun. 

Der Diditer ist durdi die Gemeinsamkeit des Berufes sdion 
an Weihgast herangerüdft. Bei ihm ist das, was im Einakter der 
Hauptantrieb für das Übelwollen des Sterbenden gegen den hreund 
war, in letzter AbsAwädiung als subjektives Gefühl nodi bestehen 
geblieben: er glaubt, daß Neid und kleinlidie Radie gegen ihn, den 
großen und berühmten Mann, die Motive jenes Absdiiedsbriefes 
gewesen sein müssen. Das Verhältnis Weihgasts zu semer Gattin, 
das er mit den Worten sdiildert: )s Wahrhaftig, bei ihr find i* 
midi selbst — den Glauben an midi selbst wieder, wenn idi nah 
daran bin, ihn zu verlieren — die Kraft zu sdiaffen, die Lust zu 
leben. Und je älter man wird, um so mehr fühlt man, dal) dies 
dodi der einzige wahre Zusammenhang ist, den es gibt«, ist genau 
das nämlidie wie es der Diditer für sidi empfindet: » . . . und 
allzulange war es her, daß sie aufgehört hatte, ihm die Geliebte zu 
bedeuten. Dodi anderes war sie ihm geworden, mehr und edleres: 
eine Freundin, eine Gefährtin,- voll Stolz auf seine Erfolge, voll 
Mitgefühl für seine Enttäusdiungen, voll Einsidit in sein tiefstes 
Wesen.« Audi in dem Detail, daß beide von einem Bühnenwerk 
erzählen, das sie eben zur Aufführung vorbereiten, gleidien sidi 
die Gestalten. 

Für den Arzt ist die Familie Weihgasts übriggeblieben, mit 
kleinen Veränderungen: er »denkt an den Ältesten, der heuer sein 
Freiwilligcnjahr abdient«, und jener erzählt: »Und mein Bub — 
Bub'i — dient heuer sein Freiwilligenjahr ab«. Aus der emen ver= 
heirateten Toditer sind in der Novelle zwei geworden, von denen 
die ältere verlobt ist, Dann wiederholt »die peinlidie Empfindung, 
daß sie nun so weit waren, sie alle, die nodi vor wenig Jahren 
jung gewesen«, mit der sidi der Arzt an das Krankenlager begibt, 
die Worte Weihgasts: »Die Jungen. Wenn man bedenkt daß man 
vor zehn Jahren selbst nodi ein Junger war«, und der Gedanke des 
Arztes »Man hat sith redit selten gesehen in der letzten ileit« 
entspridit dem Vorwurf: »Wenn du didi audi eine Reihe von Jatiren 
um deinen alten Freund nidit mehr gekümmert hast . . ■* ^°Sf^ 
die unangebrannte Zigarette des Arztes ist in dem älteren Werke 
sdion vorgeahnt, nur ist es nidit sein Vorgänger, sondern eine tipi= 



Die Motivgestaltung bei Sdinitzler 



317 



sodenfigur, der Dr. Tann, den die Rüeksidit auf die Umgebung 
zwingt, eine snidit brennende Virginia im Mund« zu halten. 

Einem ähniidien unbeabsiditigten Zusammenstimmen in Weinen 
AuRerlidikeiten, durdi das die Wiederkehr desselben Inhaltes sich 
verrät, läßt sidi nodi Öfter begegnen. So sdiildert Schnitzler zwei= 
mal den unersätthcfien Lebensdurst in der Figur eines uralten 
Greises, einmal nur beiläufig durdi die Worte des Herrn von Sala 
in »Der einsame Weg«: »Übrigens kenn' idi einen, der dreiundaditzig 
Jahre alt ist,- er hat zwei Frauen begraben, sieben Kinder, von den 
Enkeln ganz zu gesdiweigen« und das anderemal et\Fas ausfuhr» 
lidier in »Der junge Medardus«, wo der »uralte Herr« von sidi 
erzählt; »Idi bin dreiundneunzig . . . Mir sind gar viele sdion 
g'storben . . , Dann meine Frau vor fünfundfünfzig. Dann meine 
zweite, das war aber sdion eher eine Gemahlin, vor vierzig. Dann 
fünf Söhne und drei Töditer und so ungefähr dreißig Enkelkinder«. 
Die Übereinstimmung ist nidit zu verkennen. In der späteren Fassung 
ist ein Kind hinzugekommen — ebenso wie im »Tod des Jung^ 
gesellen«, wo aus zweien drei wurden, wie hier aus sieben adit — 
und ein Jahrzehnt des Lebensalters. Sonst ist alles vollkommen 
gleidi geblieben, obwohl der Diditer das Vorbild kaum vor Augen 
gehabt hat und gewiß ni<ht bestrebt war, es mdglidist getreu zu 
wiederholen. 

In »Der einsame Weg« kommen zwei Personen vor, die 
in Hinsidit auf ihre Einstellung zu dem geistigen Zentrum des 
Stüdces und audi in dem Erleben, das ihnen durdi die Handlung 
zugewiesen ist, fast völlig parallel sind. Das ist Professor Wegrat 
und Doktor Reumann. Beide wählen statt der Buntheit eines 
Abenteurerdaseins den einförmigen Pfad der Pflidit und der Selbst» 
aufopferung,. beide verlieren die Geliebte an einen jener anderen, 
die den verlodcenden, reizvoll wediselnden, aber zuletzt einsamen 
Weg durdis Leben gehen. Sic sind im Grunde nur eine Gestalt in 
versdiiedenen Phasen der Entwidilung,- der Untersdiied liegt eigenthdi 
nur darin, daß jeder einer anderen von den zwei im Drama vertretenen 
Generationsstufen angehört. Diese Gemeinsdiaft bridit an einer 
Stelle audi in ihren Worten durdi, Doktor Reumann sagt: »Was 
Sie, gnädige Frau, Veraditung nennen, — wenn idi überhaupt 
etwas davon verspürte — wäre ja dodi nidits anderes als maskierter 
Neid. Oder denken Sie, daß es mir an dem guten Willen fehlte, 
mein Leben so zu führen, wie idi es die meisten anderen führen sehe? 
Idi habe nur nidit das Talent dazu. Wenn idi aufriditig sein soll, gnä= 
dige Frau, die Sehnsudit, die am tiefsten in mir stedit, ist die, ein 
Sdiurke zu sein, ein Kerl, der heudielt, verführt, hohnladit, über 
Leidien sdireitet. Aber idi bin durdi Mängel meines Temperamentes 
dazu verurteilt, ein anständiger Mensdi zu sein , . .« Und ebenso 
äußert sidi Professor Wegrat, wenn er seiner Vergangenheit gedenkt, 
nur daß er weniger Sdiärfe und wissensdiafiliAe Objektivität in 
seine Worte legt als der junge Arzt; »Die Welt tat sidi gewisser» 



n 



318 



Hanns Sachs 



maßen weiter auf als sonst. Und idi spürte eine Art von Neid 
auf didi, wie mandimal zu jener Zeit. In mir erwadite ein Gefühl, 
als könnt' idi audi alles, — wenn idi nur wollte. Es gab so viel 
2U sehen und erfahren, — das Leben strömte so mäditig hin,- man 
mußte nur etwas frecher sein und selbstbewußter und sidi hinein^ 
werfen.« 

»Der Selbstverrat dringt den Mensdien aus allen Poren« sagt 
Freud in seiner »Psyiopathologie des Alltagslebens«. Das gilt für 
Gestalten der Diditung nidit minder wie für jene des Lebens. 




Die »AllmaAt der Gedanken» bei Arthur Sdinitzkr 319 

Die »Allmacht der Gedanken« bei Arthur Sdinitzler '. 

Von Dr, THEODOR REIK <Wien>. 

"Wh müssen einen Doldi blitzen sehen, um 
lu begreifen, daß ein Mord gesdiehen ist.« 
»Der Weg ins Freie.« 

ES gibt eine Regel der Traumdeutung, weldie sagt, daß das 
ansdieinend Nebensädilidie, das Detail des manifesten Trauma 
inhaltes für die Aufdedtung der latenten Traumgedanken 
von eminenter Bedeutung ist. Ja, es kommt häufig genug vor, daß 
gerade von einem soldien, vom Träumer hödist unwiditig genommenen 
Detail die Traumdeutung ausgeht. In diesem Sinne läßt sidi das 
Swiftsdie »Vive la bagatelle!« reditfertigen. 

Bei der weitgehenden Verwandtsdiaft von Traum und 
Diditung läßt siifi vermuten, daß audi bei der Analyse eines 
poetisdien Werkes von soldien Details, die sidi oft als Episoden 
oder Motive besdieiden geben und denen der Zuhörer oder Leser 
nur wenig Aufmerksamkeit im Verhältnis zur Haupthandlung 
sdienkt, helleres Lidit auf das Ganze feilen wird. So wird die 
Röntgenisierung eines kranken Organismus den Arzt auf eine bis= 
her unbeaditete Stelle aufmerksam madien, von wo die Sdimerzen 
irradiieren. 

Es soll hier ein Weg eingesdilagen werden, der in der Psydio- 
analyse oft zum Siege geführt hat: wir wollen kleine Motive 
prüfen und vergleidien, um sie zur psydioanalytisdien Aufklärung 
des Ganzen zu verwenden. Idi mödite an einem Beispiel zeigen wie 
idi das meine. Die kleine Episode Dr. Rank in Ibsens »Nora« 
wird sidierlidi zur Deutung der »Gespenster« desselben Diditers 
viel beitragen können. Dort ist das Thema als kleine Episode be» 
handelt, die mit der Haupthandlung nur lose verknüpft ist, hier als 
Hauptkonflikt. Wir wissen, daß das psydiisdie Material dem 
wir eine Diditung verdanken, einer sekundären Bearbeitung 
unterliegt. Diese Bearbeitung aber wird um so intensiver sein, je 
größer das Interesse des Diditers ist, seine Seelenregungen in einem 
einzigen Konflikt zusammen zu fassen. Wir müssen annehmen, daß 
der Hauptkonflikt eines Dramas einer größeren Verdrängung ent^- 
stammt und daß an ihm eine stärkere Verarbeitung, VersÄiebung 
und Umordnung der Elemente stattfand, als an irgendeinem kleinen 
Motiv. Es kommt ja audi vor, wie im Falle Rank=Oswald 
Alwing, daß ein Motiv, daß zuerst nur oberflädilidi behandelt 
wurde, zum Hauptthema eines Werkes wird, auf dem dann der 
ganze seelisdie Akzent ruht. Es rüdtt sozusagen von der Peripherie 
ins Zentrum des Bewußtseins. Wir wollen mit einem solÄen un- 
s dl ein baren, aber typisdien Motiv beginnen und zu zeigen ver- 

' Dieser Ahsdinitt ist einer größeren Arbeit über »Arthur Sdinitzler als 
Psydiologe« entnommen. 



7 3 



320 



Theodor Reik 



suAen, welche Phantasieen unbewußter Art es birgt, Im »Einsamen 
Weg« kommt ein Arzt vor, der lange auf eine Berufung nadi Graz 
gewartet hat. SAIießlidi verziditet er auf seine Chancen aus einem 
eigentümliÄen Grunde, wie aus folgendem Gesprädi erhellt: 

Feüx; »Ist also riditig ein anderer nadi Graz berufen worden?« 
Dr. Reumann: »Das nicht, aber der andere, dem die Stelle so gut 

wie sidier war, hat sicfi auf einer Bergtour den Hals ge= 

brechen.« 
Felix; »Da wären dodi jetzt Ihre Chancen die allerbesten? Wer 

außer Ihnen käme denn nodi in Betradit?« 
Dr. Reumann: »Meine Chancen wären jetzt gewiß njdit übel. Aber 

idi habe es vorgezogen zu verziAten.« 
Frau Wegrat: »Wie?« 

Dr. Reumann: »Ich nehme die Berufung nidit an.« 
Frau Wegrat; »Sind Sie so abergläubisdi?« 
Felix: »Sind Sie so stolz?« 
Dr. Reumann; »Keines von beiden. Aber der Gedanke irgendeinen 

Vorteil dem Malheur eines anderen zu verdanken, wäre mir 

außerordentlich peinlidi. Meine halbe Existenz wäre mir ver« 

gälit. Sie sehen, das ist weder Aberglaube nodi Stolz, es ist 

ganz gemeine kleinliche Eitelkeit,« 

Wenn wir im praktischen Leben eine Stellung erhalten wollen, 
so wird es uns kaum einfallen, einen Verzicht in dieser Art zu be= 
gründen. Es würde uns wohl gleich bleiben, wenn ein uns unbc'^ 
Kannter Nebenbuhler uns durdi seinen Tod den Platz räumt. Leute, 
die ihren natürlichen Egoismus einzugestehen den Mut haben, 
würden sogar eine mehr oder minder große Genugtuung nicht leidit 
unterdrüdien können. Handelt es sidi hier also um eine Hyper= 
empfindlichkeit einer vereinzelten Gestalt, um eine außerordenuidie 
Feinheit des sitdichen Gefühls? Dodi wir wollen uns die Beant= 
wortung dieser Frage aufheben, bis wir durdi Häufung ähnlidier 
Motive mehr Material zu Verfügung haben. Audi Georg im »Weg 
ins Freie« erhält einen Kapellmeisterposten, als sein Vorgänger 
stirbt. Eine Person des Romanes bemerkt ausdrüddich dem Helden 
gegenüber: »Ein Unsdiuldiger, Ihnen LInbekannter, mußte sterben, 
damit Sie dort den Platz frei finden durften.« In einem eigentüm« 
liehen Zusammenhange steht die Handlung des »Weiten Landes« 
mit einem ähnlidien Motiv. Ein Freund des Hauses, der junge 
Korsakow, hat sich erschossen, weil Frau Genia seine Liebes» 
Werbungen ablehnte, Im Gesprädie erzählt Genia audi, daß ein 
früherer Freund ihres Mannes, ein gewisser Dr. Bernhaupt, vor 
einigen Jahren bei einer Bergtour direkt von der Seite ihres Ge= 
mahls abgestürzt und auf der Stelle tot geblieben sei. Eine junge 
Dame äußerte darauf, daß Friedridi Hofreiter nidit viel Glüdt mit 
seinen Freunden habe. Wie im Falle Dr, Reumann handelt es sich 
audi hier um den Tod durdi Abstürzen bei einer Bergtour. Die 



Die »AHmadit der Gedanken» bei Arihur Sdinitzler 321 

Motive des Selbstmordes Korsakows und des Abstürzcns des 
Dr. Bernhaupt sdieinen sidi zu versdilingen/ sie stehen in irgend= 
einem, uns nodi verborgenen Zusammenhang, Diese geheimnisvolle 
Verknüpfung wird klarer, wenn wir annehmen, daß es sidi in 
beiden Fällen um den Tod eines Nebenbuhlers Friedridi Hofreiters 
handelt. Eine rasdi vorüberziehende Dialogstelle im selben Drama, 
allerdings in einem anderen Zusammenhang, fällt uns dabei ein. 
Der Diditer Albertus Rhön bemerkt zu dem allmählidi alternden 
Bergsteiger und Don Juan Aigner; »Das muß dodi ein redit eigen» 
tümlidies Gefühl sein, so zu Füßen eines Turmes zu sitzen, den 
man als erster bestiegen hat und selbst nidif mehr in der Lage zu 
sein . . . Man könnte hier einen Vergleidi wagen ... den idi aber 
lieber unterlassen will . . ,« Aigner antwortet etwas gereizt: 
»Wollen wir dieses Thema nidit lieber fallen lassen, Herr Rhön?« 
Es ist kein Zweifel möglidi, daß hier eine Anspielung auf das 
Liebesleben des Direktors vorliegt und der Dichter durdi seinen 
Vergleidi auf eine Impotenz seines Gesprädispartners hinzielen 
wollte'. Es wären demnadi die beiden Motive <Tod Korsakows — 
Absturz Dr. Bernhaupts) im Unbewußten des Diditers verknüpft/ 
sie sind psydiologisdi identisdi <Motivdoublierung>, ' 

Es ist nidit zu verkennen, daß alle diese Motive ähnlidi sind. 
Ihr Gemeinsames läßt sidi in einer geheimnisvoll ersÄeinenden Ver-» 
knüpfung finden, die zwisdien zwei Mensdten besteht, von denen 
der eine etwas intensiv wünsdit, was der andere durdi seinen Tod 
erfüllt. Wir sind nidit abergläubisdi genug, einen tatsädilidien 
Zusammenhang, eine metaphysisdie Beeinflußung zu glauben, und 
so erhebt sidi die Frage nadi den seelisdien Wurzeln soldier Zu= 
sammenhänge, nadi der Realität des psydiisdien Erlebens. Wir sind 
gewöhnt, Verknüpfungen dieser Art in der Analyse gewisser Neu- 
rotiker, vornehmfidi Zwangsneurotiker zu finden. Es werden von 
ihnen auf Grund weitverzweigter Assoziationen die sonderbarsten 
Zusammenhänge hergestellt, Freud hat nadigewiesen, daß soldie 
Assoziationen von einem geheimen Wunsdie getrieben werden, dem 
starke moralisdie Bedenken gegenüberstehen. Wir würden demzu= 
folge im Falle Dr, Reumanns vermuten, daß dieser ^intensiv gewünsdit 
habe, die Berufung nadi Graz zu erhalten und daß In ihm der Ge= 

' Das Symbol des Bergsteigens für den Sexualverfcehr ist dem PsydiO' 
analitiker wohl bekannt. Es findet siifi in allen Produkten des Unbewußten. 
Freud konnte das Steigen afs sitberes Koitussynibol in Träumen auiyeiien. 
«Traumdeutung«, 3. Aufl., p, 210 f. Volkslied, Sage und Diditung zeigen die- 
selbe Symbolisierung. Ebenso die Spradie (vgl. «Steiger«, »nadisteigen«, »un vieux 
mardieur«) und der Witz. 

' Ein Hinweis auf den geheimen Sinn des Todes Korsakows <und wie wir 
jetzt annehmen können aurfi Bernhaupts) liefert eine Bemerkung Dr. Mauers: 
»Idi habe nämlidi die Überzeugung, daß Korsakow von der Vorsehung bestimmt 
war, gleidisam als Opfer zu falleni. Er denkt nämlidi daran, daß durdi diesen 
Tod das Eheglüdt Genias und Hofreiters, das in Brüche zu gehen droht, wieder 
hergestellt wird, 

Ima?o 11/3 ZI 



^^ 



322 



Theodor Reife: 



(I ; 



danke, sein Nebenbuhler möAte ihm die Bahn frei lassen, auftaudite. 
Dieser Gedanke verdiditete sidi zum Todcswunsdi gegen den Rivalen. 
Sein später Verzidit stellt sidi also als eine Sühnung, als eine mora= 
iisdie Reaktionsbildung dar. Die Eitelkeit irgendetwas dem Malheur 
eines anderen nidit verdanken zu wollen, ist demnadi eine Rationali= 
sierung dieses Verzidites im Sinne der Verdrängung seiner feind= 
seligen Regungen. 

Nodi immer sdieint uns diese Deutung nicht ausreidiend zu 
sein. Denn der AfFektaufwand Dr. Reumanns steht in keinem Ver^ 
hältnis zu dem Objekt, dem er gilt. Früher haben wir die Abwehr 
des Arztes mit den Ewangshandlungen der Neurotiker in Beziehung 
gesetzt. Es ist nun eine Eigentümlidikeit der Zwangsneurose, daß 
sie ihre Vorwurfsaifekte versdiieben kann, d. h. daß sie Gefühle, 
die ursprünglidi einer für den Kranken sehr widitigen Sadie oder 
einer für ihn widitigen Person galten, im weiteren Verlauf auf 
ganz unwesendidie Dinge oder gleidigiltige Personen zu übertragen 
vermag. Der Diditer hat uns einen Fingerzeig gegeben, daß audi 
bei Dr. Reumann eine ähnlidie AfFektversdiiebung stattfand ^ Herr 
von Sala, der herzleidend ist, hat Dr. Reumann konsultiert. Der 
Künstler ist der begünstigte Nebenbuhler des Arztes, der ebenfalls 
Johanna Wegrath liebt, Dr. Reumann will das Haus Wegratti nidit 
mehr betreten,- er nimmt Absdiied von Felix und dieser sagt: »Nun 
weiß idi . . . warum Sie in dieses Haus nidit mehr kommen wollen. 
... Es hat sidi wieder einmal ein anderer den Hals gebrodien.« 
Er spielt damit unter Beziehung auf das Verhältnis von Dr. Reu= 
mann zu Herrn von Sala auf jene Episode an, weldie den Aus= 
gangspunkt unserer Analyse bildete. Unsere Deutung wird vertieft, 
wenn wir den Vorwurfsaffekt, den wir hinter jenem sonderbaren 
Benehmen Dr. Reumanns aufdedten konnten, auf seinen Ursprung 
zurüdtleiten. Wir nehmen an, daß es sidi in der Ablehnung der 
Stelle und in dem Absdiied Dr. Reumanns von Wegrath um ein 
Hysteron Proteron handle. Dr. Reumann bat seinem Patienten, 
Herrn von Sala, den Tod gewünsdit, weil dieser sein Nebenbuhler 
in der Liebe Johannas war. Die Versudiung, den Rivalen aus dem 
Wege zu räumen, war vielleidit Dr, Reuniann, als seinem Arzt, 
näherliegend als es sonst unter gleidien Umständen der Fall ist. 
Natürlidi war dieser Gedanke von der zensurierenden Instanz des 
Seelenlebens sofort unterdrüdit worden und Dr. Reumanns Resig= 
nation, als er seine geheimen Wünsdie durdi die Aussidit auf 
Herrn von Salas bevorstehendes Ende sidi der Erfüllung nähern 
sieht, erweist sidi so als Reaktion auf die feindseligen Regungen*. 

' 14 verdanke den Hinweis auf die folgende Dialogstelle Herrn Dr. Hanns 
Sachs. 

' Wir lassen uns gerne die BesfStigung unserer Deutung durdi eine direkte 
Charafeteristik, weirfie Dr. Reumann von sich gibt, gefallen. Sie ist geeignet, uns 
in unserer Auffassung zu bestärken, weil sie zeigt, wie nahe dem Arzt Wünsdie 
der Art, wie wir sie in seinem Seelenleben als wirksam vermuteten, liegen. Frau 
Wegrath apridit ihm gegenüber aus, daß sie und ihre Familie ihm veraditlidi er- 



Die »Allmadit der Gedankens bei Arttiur SAnitiler 323 

Die ganze Einstellung des Arztes zu dem Rivalen in der Liebe 
aber wurde später durdi die Stellung zu dem Rivalen im Beruf 
wieder aufgenommen. Dieselben seelisdien Medianismen sind bei 
Dr, Reumann audi in dieser Entsdieidung wirksam. 

Unsere Deutung dieses typisdien Motivs aber setzt voraus, 
daß Dr. Reumann seinen Gedanken eine soldie Madit zusdireibt, 
daß sie fähig sind, den Lauf fremder Sdiicksale zu beeinfluflen. Wir 
wissen, daß dieses Phänomen bei den Neurotikern immer zu finden 
ist,- meistens gegen ihre bessere Einsidit, die solche Beeinflußbarkeit 
ablehnt, Dodi können sie sidi gegen die »neurotisdie Währung«, 
weldie die Denkrealität der Realität des Gescheliens gleidisctzt, nidit 
auflehnen, Wir nennen dieses Prinzip, das eine magisdie Wunsdi= 
kraft anerkennt, die »Allmadit der Gedanken«, Den Neurotiker 
trennen vom Gesunden nur sdiwankende Grenzen: er wird mit der 
Bewältigung seiner Komplexe nidit fertig, die jenem gelingt. Es ist 
anzunehmen, daß audi wir Gesunde in mandien Augenblidien ge^' 
neigt sind, gegen die Instanz unseres Intellektes soldien fiktiven Zu" 
sammenhängen Glauben zu sdienken'. 

Wenn unsere Vermutung riditig ist, daß dieses typisdie Motiv 
in letzter Linie auf die Allmadit der Gedanken zurüdtgeht, dann 
werden wir dem Ausdrudi dieser Wunsdikraft wohl nodi deutlidier 
in den Werken des Diditers begegnen können. So spridit der Herzog 

sdidnen müsse. Dr. Heumann antwortet: »Was Sie, gnädige Frau, Veraditung 
nennen — wenn idi überhaupt etwas davon verspürte — wäre ja dodi nidits 
anderes als maskierter Neid. Oder denken Sie, daii es mir an dem guten Willen 
felilte, mein Leben so zu führen, wie icfi es die meisten anderen führen sehe? Idi 
habe nur nidit das Talent dazu. Wenn idi aufriditig sein soll, gnädige Frau — 
die Sehnsudit, die am tiefsten in mir sted«, ist die: ein Sdiurke zu sein, ein Kerl, 
der heudielt, verführt, hohnladit, über Leidien sdireitet. Aber idi bin durch Mängel 
meines Temperaments dazu verurteilt, ein anständiger Mensdi zu sein — und, was 
vielleidiJ nodi sdimerzlidier ist, von allen Leuten zu hören, dall idi es bin.« 

' Als Prototyp geistiger und seelisdier Gesundheit ersdieint uns Goethe. 
Und doch gibt es bei ihm zahlreldie Belege dafür, daß er von soldiem Aberglauben 
der sidi auf eine zwanghafte Gedanlien Verknüpfung aufbaut, nirfit gänzlidi frei 
war. Er erzählt z. B, <BDiditung und Wahrheit«, 2, Teil, III. Budi), er habe als 
Kind im Theater einen sehr anmutigen hübsdien Knaben einen Solotanz ausführen 
gesehen. Der kleine Wolfgang äußerte darauf.ohnedahei etwas zu denken; »Heute rot, 
morgen tot.« Die Mutter jenes Knaben war zufällig in seiner Nähe. »Auf diese 
Worte schien die Frau zu verstummen. Sie sah midi an und entfernte sirfi von 
mir, sobald es nur einigermallen möglidi war. Idi dadite nidit weiter an meine 
Worte. Nur einige Zeit hernadi fielen sie mir auf, als der Knabe, anstatt sidi 
nodimals sehen zu lassen, krank ward und zwar sehr gefährlidi. . , ,k 

Goethe setzt hinzu; sdergleidien Vorbedeutungen durdi ein unzeitlidi, ja 
unsdiidilidi ausgesprodienes Wort standen bei den Alten sdion In Ansehen und 
es bleibt hÖdist merkwürdig, daß die Formen des Glaubens und Aberglaubens bei 
allen Völkern und zu allen Zeiten immer dieselben geblieben sind.« 

Wir wissen jetzt, daß der Sdiein dieser Merkwürdigkeit sidi löst, wenn 
wir uns sagen, daß alle diese Ersrfieinungeii durrfi denselben seelisÄen Medianis" 
mus zustande kommen. 

Vgl. Freud »Animismus, Magie und Allmadit der Gedanken», Imago 1913, 
und >Bemerkungen über eiuen Fall von Zwangsneurose«, Jabrbudi für psydioana- 
lytisdc Forsdiungen 1909. t. Bd. 

«' 



334 



Theodor Reik 



in »Der Sdileier der Beatrice« als Filippo Losdii trotz seiner Bitte 
nicht zu ihm kommen will: 

:(.So haben meine Wünsdie keine Kraft mehr! 

Und gab dorfi eine Zeit, da kaum gedacht, 

Nidit ausgesproAen ieder ward erfüllr. 

Nidit Wunder nahm's midi, war' Filippo Losdii 

Mir auf den Weg begegnet den idi kam ~ 

Nein, früher in Neapel oder Rom — .« 
In »Frau Berta Garlan« stellt die Heldin einen Zusammen= 
hang zwisdien der Erkrankung ihrer Freundin und ihren eigenen 
Hoffnungen her, die sidi auf einen fernen Geliebten beziehen, Und 
zwar ist das Wesen dieses Eusammenhanges eine gegenseitige Be= 
cinflussung: »Wieder war ihr, als würden durdi die Erkrankung 
Annas ihre eigenen Hoffnungen beeinflußt: wenn Anna gesund wäre, 
müßte audi der Brief sdion da sein, Sie wußte, daß das ganz un= 
sinnig war, aber sie konnte sidi nidit dagegen wehren.« An einer 
anderen Stelle: »Ob Anna audi hätte sterben müssen, wenn heute 
ein anderer Brief von Emil gekommen wäre.« Höhepunkt und Peri= 
petie des Romans »Der Weg ins Freie« sind soldien Ewangs= 
gedanken und Vorwürfen gewidmet, die eine Ailmadit der Gedanken 
unzweideutig zur Voraussetzung haben, Georg hat Beziehungen zu 
einem jungen Mäddien angeknüpft und dieses ist sdiwanger geworden. 
In den letzten Wodien hat Georg eine kleine Erholungsreise ge= 
macht und kehrt ziirüdt, knapp bevor die Wehen bei Anna ein« 
setzen. Das Kind stirbt sofort nadi der Geburt,- es ist von der 
Nabelsdinur erdrosselt worden. An den Tod seines Kindes sdiließen 
sidi für Georg Reflexionen, die immer mehr einen unlustbetonten 
Charakter annehmen. Das Resultat dieser Gedankenreihen wird in 
einem Gesprädie offenbar, das Georg mit seinem Freunde Heinridi 
Bermann führt. »Idi will Sie was fragen Heinridi, aber ladien Sie 
midi niÄt aus. Halten Sie es für möglidi, daß ein ungeborenes Kind 
daran sterben kann, daß man es nidit so herbeisehnt, als man es 
sollte, an zu wenig Liebe gewissermaßen?« Namentlidi im Sommer 
während eines Aufenthaltes an einem sdiönen See hat er des Kindes 
und der Mutter vergessen — so vergessen, daß er eine tiefe Leiden^ 
scfaaft für eine andere Frau faßte: »Es gibt Momentes gesteht er, 
»da kann iÄ mich des Gedankens nidit erwehren, daß zwisdien 
jenem Vergessen und den Tod meines Kindes irgendein Zusammen» 
hang bestehen müßte. Halten Sie so was für vollkommen aus= 
gesdilossen?« 

Ein soldier Zusammenhang ist nadi unserer psydioanalytiscfien 
Einsidit wohl da/ er ist nur kein realer, sondern ein psyAisdier, 
eine Verknüpfung des seelisdien Lebens. Bevor wir aber diesen 2u= 
sammenhang des näheren zu erklären versudien, müssen wir eine 
literarisdie Reminiszenz erledigen, die sidi uns hier aufdrängt. 

In Ibsens »Baumeister Solness« ist eine ähnlidie Situation, 
Audi dort Gewissensbisse des Baumeisters, der das Hinsiedien und 






1 



Die nAdmadit der Gedanken' bei Arthur Sdinitzler 325 

Sterben seiner beiden Kinder seinem ungebäiidigten Ehrgeiz zu= 
schreibt. Nodi sdiärfer ist die durdi ähnliche Vorwürfe entstandene 
seelisdie Stauung in desselben Dichters »Klein Eyolf« gesdiildert. 
Allmers sieht in der Hingabe an den SexuaIgeniiJ3 die tiefere Würze, 
für die Verkrüppelung seines Kindes und der Wunsch Ritas, Allmers 
Liebe für sid\ allein zu haben, ohne sie mit Eyolf teilen zu müssen, 
geht in grauenhafter Weise in Erfüllung. Schwere Vorwürfe, als 
hätte ihr Wunsdi ihr Kind getötet, bedrüdcen sie. Diese Motiv- 
wiederkehr geht wohl über das Verhältnis literarisdier Anlehnung, 
wie es Literarhistoriker hier konstatieren würden, hinaus und greift 
über in das der Ähnlichkeit psydiisdier Konstellationen und Media» 
nismen. Hier wie dort handelt es sidi um den Tod von Kindern 
und hier wie dort hat ein geheimer Wunsch, ihrer ledig zu werden, 
die sdiwersten Gewissenskämpfe zur Folge. 

Daß der Todeswunsdi aber nidit nur dem Kinde, sondern audi 
der Geliebten gelten kann, zeigen Georgs Gedanken während Annas 
Niederkunft. »Und jetzt liegt sie da unten und stirbt. . . Er er- 
sdirak heftig. Er hatte denken wollen ... sie liegt in Wehen und 
auf die Lippen gleidisam hatte es sidi ihm gestohlen: sie stirbt. 
Aber warum war er denn ersdirocken? Wie kindisrfi. Als gäbe es 
Ahnungen solcher Art.« 

Audi dieses Verspredien ist durdi einen unbewußten Wunsch, 
Anna möge sterben und ihn so aller Sorgen und aller Verant= 
Wertungen entheben, determiniert. Es ist uns in hohem Grade wahr- 
sdieinlidi geworden, daß jede starke erotisdie Bindung an eine Person 
soldie Unterströmungen von Ha0 und Feindseligkeit in sidi birgt, 
Schnitzler hat wiederholt diese Zusammenhänge geschildert. Doch 
sdion Larochefoucauld waren sie bekannt: »Plus on aime une 
maitresse, plus on est pres de la ha'ir.« 

Den Grund dieser Wünsdie liefert der Mutterboden der Sexua- 
lität,- sie ist CS, die vom Fortpflanzungszweck befreit, Selbstzwedc 
werden will und gerade das rädit sidi und wird gebüßt ^ Es stedtt 
also hinter allen diesen Phantasien derWunsdi nach Sexualgenuß ohne 
Verantwortung, ohne nachfolgende Übernahme von Pfliditen, Die 
Personen dieser Diditungen benehmen sidi, als wäre ihr Wunsdi 
Befehl im Weltenraume. Ihr Wunsdi ist nidit nur der Gedanken, er 
ist auch der Wirklidikeit Vater. Ihre Stellung ist — von dieser Seite 
gesehen — eine fast göttHdie zu nennen. Wir wissen jetzt aus Freuds 
Ausführung en über »Animismus, Magie und Allmadit der Ge= 

I Im »Weg [ns Freie« ist dieser Wunsdi des Helden oft genug mit un- 
zweideutiger Klarlieit ausgesprodien. Klingt es nidit wie eine Bestätigung der liier 
vertretenen Ansdiauung, wenn von Grace gesagt wird, dal! sie nie eine Spur 
Grauen empfunden habe, »Aber etwas, das diesem Gefüble älmlidi sein modite, 
so erzählte sje Georg, hatte sie in der Umarmung von Männern Iiennen gelernt. 
Zuerst war ihr das selbst rätselhaft gewesen, später glaubte sie es zu verstehen. 
Sie war nadi der Aussage von Ärzten iur Unfruditbarlieit bestimmt und darum 
mußte es wohl gesdiehen, daß der Augenblidi der hödisten Lust, durdi dieses 
Verhängnis gleidisam sinnlos geworden.« 



336 



Theodor Reik 



ähnlidien SelbstemsAatzung der primitiven m p ^^^neti sidi zu^ 

darstellt. Ist nt.n so die Maditspha e ^^ ^°>* .^^^^^ ^^. ^, 
sAreiben, eine ungemein große eine tast got ^ ^,4,^11= 
durch ihr «siedies Gewissen.^ (Ibsen) ^^^ ^^ ^^"^ er gibt es weder 
zumensdiliAen nahe genug ^'"^^D^o^"^"^,'^'^^* Iweil, nur die 
.ut nodi böse, sie plfS^" ^^l^J der &ral " nd fühlen siA ihr 

-°"'^in neue. Beispiel für die ^^'^^^ J^^ftSSSs^^r 

den .Marionetten« entnehmen °" "'^X^, ^j^ der DiAtung 

den Zusammenhang dieses ^°"'1%''^'^" !;^5"J'"' ählt Georg einem 

ge..ähren. In dem %*'^^^,!Jl^f^P,^PP:l'tL f üh um sels, ein 
Freunde von cner Eis enb ahnt ahrt , ^^^ ,'^'*V' , , „.. ■_ j„r Ecke 

Sermorgen. ^i^f^^^'^'T^nl^lt'^^^^^ - 

und sdilummert. Idi kenn ihn m*t, idi ^^^<'"U „^j_ ^ir der 

Leressiert midi niAt im ^«^'|7'"P^^"„/'S^ Sedanken seh 
Gedanke durdi d-. ^opf^ f jj ^ -^.^^^^^ siA niAt, I* 
iA ihn geraume ^^^ ^^"- ^^^ „^* ;/ besAneite LandsAaft, wie 
b iie wieder zum Fenster hinaus in aie ,,, ^^^^ kommen 

es meine Art ist, und vergesse J" f ;' jX'^S.e niAt. Der 

iSÄlTSv^ffgÄtf^r^.^.^^^^^ 

^'%er Akzent liegt hier auf den Worten ^^A^pferisAen Naturen«^ 
FreiliA sMn d-esfm Sinne jeder ^wangsneuro^^^^^^^ an d. 

SlmaAt der Gedanken« glaubt, ,^'"^. ,f °Pf 'ä.ffSr Er ist 
Georg ist ein DiAter und ^^^ ^^^^^f J^i Eeben ^ -^^"''*'^^" 
ein kleiner Gott, der .f^/"f ^^ jXn ^eS^r Phantasie, in seiner, 
läßt, «Marionetten« sind die Oestalten seiuci 

des Puppenspielers, Hand _ phantasiesAöpfung 

> d^; SlXnl t ÄaAt deV^^ zusammenhängt 

mit dem Olauten an mc ^ p„at7 für ienen ursprunghAeren 

und wie sie nur einen sAwaAen ^^.^ ^^ J"^„'f Xnna einander zu- 
WunsA bildet. Denn emst_ hat ei Eduard "^^^J"j,^ j^^^hte . . . 
geführt. «Ihr wart Puppen m meiner Hand. lAknk« ^^.^ 

■ tlnd so hab iA - wie es Leuten mener Art wohl g g ^^^^ 

mag — vielleiAt noA tiefer gewirkt als lA wollte . . . u . 



Imago 1913. 



} 



Die »Allmadit der Gedankem bei Arthur Sdinitzler 327 

wohl sagen: es ist ein edleres Vergnügen mit Lebendigen zu spielen, 
als Luftgestalten in poetisdiem Tanze herumwirbeln zu lassen.« 
Ähnlidi äußert sidi Paracelsus; 

"Ein anderer spielt mit tollen Abergläubisdien, 
Vi eile i dl t mit Sonnen, Sternen irgendwer, 
Mit Mensdien Seelen spiele idi." 

So stellt sidi uns also die Dirfitung als der Wunschausdruck 
dar, eine versagte Macht, nämlidi die über Mensdiensdiicicsale zu 
gebieten, zurüdizuerobern. Wir wissen, dall dieser Wunsdi und der 
geheime Glaube an seine Kraft einem eigentümlidien Stadium der 
Kindlichen Libidoentwitklung, dem Narzismus, entstammt. Wir alle 
haben ein Stück dieser kjndlidien Einstellung, der die eigene Person 
a(s Liebesobjekt gilt, mit ins Leben genommen und es madit sidi 
audi dann nodi geltend, wenn wir unsere Liebe anderen Personen 
zuwenden. Der Dichter aber hat dem Narzißmus eine besonciere 
Rolle in seinem Seelenleben eingeräumt. Denn sein Gedanke ist 
wirklidi allmäditig/ er entscheidet Mens eben Schicksale und andere 
Menschen ladien oder weinen darüber, sind fröhlidi oder betrübt 
durdi des Diditers Macfit,. andere Menschen glauben an seine Macht 
— wenigstens von VaS bis 10 Uhr, solange eben TheatervorsteU 
iungen zu dauern pflegen^. 

Einem so feinen Beobachter wie Arthur Schnitzler konnte 
das auffällige Phänomen des Narzißmus nidit entgehen. Seine Ge= 
stalten, die in ihrer Mehrzahl Künstler sind und die Selbstanalyse 
meisterhaft ausüben, werden sich dieses Zuges oft bewußt. Der 
Zyklus »Lebendige Stunden« zeigt in heiterster Weise die Selbst,' 
liebe und Selbstbewunderung und kleinliche Eitelkeit der Künstler. 
Idi erinnere nur an den jungen Dichter im ersten Einakter, der vom 
Opfertod seiner Mutter hört und darüber nidit für sein Leben ge= 
brochen ist, sondern diesen Tod fast als einen berechtigten empfindet, 
an die Erzählung Hausdorfers von seinem Amtskollegen, der bei 
der Leidie seines Kindes Klavier spielen kann, an die satte Zu= 
friedenheit Weihgasts (»Die letzten Masken«), an das par nobile 
Margarete und Gilbert <s Literatur«), 

Durdi diesen starken Einschlag von Narzißmus wird audi 
mandies vom Licbesleben Schnitzlerscher Gestalten erklärt. Die 
Idibesetzung der Libido ist bei ihnen so mächtig, daß sie anderen 
Objekten nur Quantitäten kleineren Maßes zu leihen vermag, die 

I Bezcidinend genug spridit der Diditer Albertus Rhön seine Meinung dar- 
über aus, wieviel mehr die ihm gewährte »Allniadit der Gedanken«, wie sie sich 
dufdi seine Diditungen realisiert, bedeutet als das Leben mit seinen Zufällen und 
Hemmnissen. »Mein Lieber, was diese lädierlidie Wirklidikeit mit eudi vor hat, 
die sidi ohne Regie und Souffleur behelfen muß — diese Wirkjidikeit in der ea 
mandimal nidit zum fünften Akt kommt weil dem Helden sdion im zweiten ein 
Ziegelstein auf den Kopf fällt, das interessiert midi gar nidit. Idi lasse den Vor- 
hang aufgehen, wenn es anfängt, amüsant zu werden und lasse ihn fallen, in dem 
Augenblidie wo Ich Recht behalte.« 



328 Theodor Reik 




sie aber sofort zurückzieht, sobald die Gefahr herantritt, größere 
Libidomengen verausgaben zu müssen. So ^v.rd ^'" vorsidit^er 
BörsenspieTer geringeFe Summen riskieren, sidi aber sehr besmnen, 
einen größeren^ Einsatz zu wagen, wenn er sid. nidit bedeutenden 
undsiAeren Vorteil verspridit. Die Übertragung einer dauernden 
Neigung auf andere ObieL wird ihnen so sdiwer, daß sie immer 

LebenSstfer umwittert, besteht eben darin, daß sie den Weg hmab 

^"^'" fitn w^was ein Künstler, Herr von Sala, im .Einsamen 
Weg« seinem Freunde, der ebenfalls Künsder ist, v°""'^^^f^" Jf^^^ 
*Halen wir jemals ein Opfer gebradit von dem "'^^ ""^^/^ ^^"^ 
oder unsere Eitelkeit ihren Vorteil gehabt hatte . . .Haben wir je 
unsere Ruhe oder unser Leben aufs Spie gesetzt, n,d>t aus Laune 
oder Leiditsinn . . . nein, um das W'ohlergehen T^^Wesens zu 
fördern, das sich uns gegeben hatte ... Und glauben Sie, daß wir 
von dnem Mensdien '^ Mann oder Weib - irgendetwas zuruA= 
fordern dürften, das wir ihm gesAcnkt hatten? Idi ™ ^^'"^ 
PerlensAnur und keine Rente und keine wohlfeile Weisheit ondern 
einStüd. von unserem Wesen - eine Stunde unseres Daseins, das 
w^wirkSidi an sie verloren hätten, ohne uns gleich dafür bezahlt 
Tmir, , mit weldier Münze immer.. Die Künstler n Schnitzl rs 
Werken empfinden eine dauernde erotisdie Bindung als ^"vertraglKh 
mit ihrem Künsdertume und ihre dibesetzung ist so g^f daßsie 
auch über ihre Pfliditen gegen die Geliebte ^'%^S . '^^^" ^f« 
pehen den We« ins Freie <Georg im »Weg ins Freie«, Heinridi 
lermann Jull'Fiditner im .Einsamen We.«>. Die Objekte d.er 

Liebe sind ihnen oft nur gerade genug, ""[L ^J^'f q f'tn .nfs 
zu liefern <Remigio in «Die Frau mit dem Doldje«). Sie fehlen aufs 
stärkS ihr Bedürfnis nad> Unabhängigkeit ""^ Unvera^tw^""^''*^^^^^^^ 
So kommt ein Gefühl der Befreitheit beinahe jedesmal über Georg 
wenn er von der Geliebten Absdiied nahm. «Selbst als er Anna 
Tn Lern Haustor verlassen hatte, vor drei Tagen an dem ersten 
Abend Vollkommenen Glüdces, war er sidi, früher als jeder anderen 
Reuune der Freude bewußt geworden, wieder allein zu sein.« in 
dnemfeediAteSdinitzlers aus'dem Jahre 1893 heißt es. .In uns zog 
nie ein Selbstvergessen ein und uns're Lust hat niemals uns ent- 

^"'^^Wir kehren zur »Allmadit der Gedanken«, wie sie sid. uns in 
vielen Motiven der Schnitzlersdien Di^ditung gezeigt hat, f uruA 
Wir sagten, sie sei aus der Bewahrung der narzißtisdien Ernste lung 
zu erklären! Unser Ergebnis muß geeignet sein, -^ -"'^e jlu"^^^^^ 
Punkte in Schnitzlers Werken zu erkfaren. In »Die Weissagung« 
pS^ezeit ein jüdisAer Tasdienspieler einem Offizier sein ferneres 



Die »Aüniadit der Gedankens bei Arthur Sdinitzkr 



329 



Schidisal, er zeigt es ihm im Bilde. Der Offizier sucht auf jede 
niöglidie Weise seinem frühen Tod zu entgehen und meidet jede 
Gelegenheit, die ihm in die von dem Bilde gezeigte Situation 
bringen könnte. Sdion glaubt er dem unheilvollen Gesdiick ent= 
gangen zu sein, da er in einem Thcaterstiidt auftreten soll, in dem 
er das Bild realisiert sieht, ohne für sein Leben fürditen zu müssen. 
Dodi alle Vorsidit ist vergebens,- der Arme wird während der Auf-= 
führung vom Schlag getroffen. Es handelt sidi hier um einen 
typisdien Fall von »Allmadit der Gedanken«. Das zeigt klar die 
Vorgeschidite, weldie der Unglücklidie erzählt. Denn jener Tasdien= 
Spieler war von einem Kreis von Offizieren verhöhnt worden. 
Marco Polo — so sein Name — hat darauf einem von ihnen, dem 
Obersten, gewahrsagt, er werde den Winter nidit erleben. Nach 
vierzehn Tagen stürzt der Oberst wirklidi vom Pferde und bleibt 
tot. Hier und im zweiten Falle, dem des Freiherrn von Umpredit, 
hat Marco Polo also mit seiner Weissagung eine Radie genommen 
für die demütigende Behandlung, die ihm zuteil wurde. Die Prophe= 
zeiung reduziert sidi im Grunde auf einen unheilbringenden Wunsdi 
Marco Polos, der sidi gegen seine Feinde riditet und wirklidi in 
Erfüllung geht, In letzter Linie ist also auch hier der Glaube an 
die »Allinadit der Gedanken« wirksam. In dieser Erzählung hat 
der Diditer eine eigentümlidie Rolle inne. Ohne Wissen sdiafft er 
durdi sein Theaterstüdf jene geweissagte gefährlidie Situation, Er 
selbst ist geneigt, so ungeheucrlidi ihm der Beridit des Freiherrn 
ersdieint, ihn für wahr zu halten/ »irgendetwas verlangte sogar 
darnach, ihm glauben zu dürfen, es mochte die töridite Eitelkeit 
sein, midi als Vollstredier eines über uns waltenden Willens zu 
empfinden.« Der Diditer teilt also in gewissem Maße den Glauben 
an die »Allmadit der Gedanken«, sollte er nidit audi die Gefühle, 
weldie jenen jüdisdien Tasdienspieier zu dem unheilbringenden 
Wunsdie bewegten, bewußt oder unbewußt teilen? Hier ist der 
Wunsdi seines Affektsdiar akters dadurdi entkleidet, daß er sidi in 
die Voraussidit kommender Ereignisse verkleidet. Audi Johanna im 
»Einsamen Weg« behauptet von sidi, sie wisse, daß ihre Mutter 
bald sterben werde. Ihr Bekenntnis, sie habe die Mutter nidit mehr 
so lieb, seit diese krank ist, wird psydiologisdi damit zusammen= 
gehalten werden müssen. 

Audi in der Analyse von Zwangsneurotikern findet man, daß 
Wünsche, hinter denen sidi feindselige Regungen verbergen, als 
abstrakte Gedanken, Voraussagungen und Betraditungen in ähnlicher 
Weise dargestellt werden. Im »Tagebudi der Redegonda« wird ein 
Herr im Duell ersdiossen, weil er in der Phantasie mit der Frau 
eines anderen alle Phasen einer stürmisdien Liebe erlebte. Er fühlt 
sidi für alle Sünden, die er hätte begehen wollen, verantwortlidi. 
Die »Allmadit der Gedanken« tritt Besonders dadurdi in dieser 
Novelle hervor, daß audi jene Frau in ihr Tagebudi genaueste 
Aufzeidinungen über das Verhältnis mit dem Herrn, den sie in 



380 



Theodor Reik 



Wahrheit aie gesprochen, sdirieb. Es ist so als hatte der WunsA 
des Liebenden ai.d. sie alles Glüdc und Leid mit ihm erleben lassen. 
Idi mödite nidit versäumen, hier nodi einen sdiönen Pall der Wunsch^ 
kraft anzuführen, der im »Leutnant Gust!« zu finden ist Uurdi 
diese Madit wird der didte Bädtermeister, der das ganze Leben s= 
ulüdi des Leutnant zu zerstören droht, vom Sdilage getroften. Uali 
dieser Ausgang dem Leutnant so überrasdieiid kam, wird uns nidit 
daran hindern, anzunehmen, dali er ilin unbewußt gewünscht hat. 
Ist es dem Diditer mÖglidi geworden, seine Gedanken im 
Spielraum seiner Werke allmäditig werden zu lassen, so konnte es 
verwunderlidi ersdieinen, daß diese Madit sidi mandimal damonisdi 
gegen ihn selbst kehrt. 1889 ersdiien eine Novelle Schnitzlers 
.4in Freund Ypsilon. Aus den Papieren eines Arztes^. Em 
Studiosus philologiae steht im Mittelpunkte, dem als Diditer die 
selbstgesdiafFenen Gestalten zur drohendsten, lebenzers torenden 
Realität werden, Sein MädAen, eine holde Choristin kommt wemcnd 
zum Erzähler. Der Geliebte ist entflammt für Turk.sa die sdionste 
der Frauen, die irgendwo von einem Prinzen f '"^1^^ ^"{..^'7'" 
Insel des Indisdien Ozeans lebt. TOrkisa muß sterben. Der Diditer 
kann den Lauf der Difige, die seine Phantasie gebar, nidit hemmen, 
Tage^ und näditelang leidet er unter der Voraussidit dieses iodes. 
Vergebens führt man ihn ins Freie. Gesellsdiaft und Natur be- 
deuten ihm nidits. Er muß nadi Hause, sein Werk zu vollenden. 
Am Morien findet man ihn tot auf der Treppe. Em Zettel sagt: 
»Türkisa ist tot. Alles vorüber.« Nodi Heinridi Hermann m 
Schnitzlers letztem Roman sieht sidi von den Gestalten emes 
projektierten Dramas in so lebendiger Weise umringt Die Phantasie^ 
gesdiöpfe werden übermäditig^ Vergebens sdireit der Diditer me 
im »Großen Wurstel«; 

Das Spiel ist aus! Was für ein toller Spuk! 
Wer sdiüt2t midi vor den eignen Sdieingestalten? 
-- Hinweg mit eudi. Es ist genug! 

Wagt nidit, selbständig hier im Raum zu walten, 
Und wenn idi so viel Seel eudi eingeblasen. 
Daß ihr nun euer eignes Dasein führt, 
Ist dies hödist fredi und unvemünFt ge Rasen 
Der Dank, der meiner Sdiöpferkraft gebührt! 

Wie ist nun die »Allmadit der Gedanken«, wie wir sie als 
riditunggebend in der Diditung erkannt haben, mit der Madit, die 
des Künstlers selbstgesdiaffene Gestalten auf ihn ausüben, zu 

vereinen? , ^ ... j„„ 

Idi vermute, daß hier die Grenze zti sudien ist, an der 

Diditung und Neurose zusammenstoßen. Wir wissen, dali der 

lEs ist <Ües ein häufiges Phänomen bei Didilern Audi FUübert, 
Balzac, Dickens, Poe, Kleist, E. T, A, Hoffmann ber.At.ndavon^ V|L 
.inlrojektion und Projektion- von S. Kovacs im -Zentralbl. f. Psydioanal,. WIZ 
und Reik »Diditung und Psydioanalyse«, «Pan« lyiZ. 



II 



Die »Allmadit der Gedanken« bei Arthur Sdinitzler 331 

Diditer eigene Regungen, denen sein Bewußtsein den sonstigen Aus^ 
gang sperrt, durch den seelischen Medianismus der Projektion nadi 
außen stellt, objektiviert. Audi die Paranoiker tun dasselbe, audi 
sie sehen sidi von den eigenen Regungen, die Personen geworden 
sind, umringt. Nur fehlt ihnen die intellektuelle Kritik, diese 
Personifizierungen als soldie zu erkennen. Bei dem Diditer, den 
die eigenen Gestalten bedrohlidi werden, wehrt sidi die Kritik 
gegen dieses Lebendigwerden und sudit es als »Spiel der Einbildungs= 
kraft« ~ wie Kant sagen würde — zu erkennen. Dennodi läHt 
sidi der Pfad, der von soldier Selbstherrlidikeit der Phantasie» 
gesdiöpfe zum Wahne der Paranoiker führt, nidit verkennen. 

Hier ruhen, wie mir sdieint, die seelisdien Wurzeln jenes 
Sdiwankens zwisdien Wirklidikeit und Phantasie, zwisdien Sdiein 
und Realität, zwisdien Wadien und Traum, das den Diditungen 
Arthur Schnitzlers so oft die diarakteristisdie Note gibt. 

Wir wissen audi, daß die Regungen, weldie den Diditer zum 
Personifizieren zwingen, selbstsüditige und sexuelle sind, die mit 
seinem moralisdien Bewußtsein unverträglidi sind. Das Leben= 
annehmen, das Sdiwinden des Sdieindiarakters bedeutet nidits anderes, 
als das Übermäditig werden dieser unbewußten Strebungen. Es 
zeigt, daß sie gegen den Willen des Diditers Madit über ihn ge= 
winnen wollen. Mit einem Wort: daß die Diditung als seelisdie 
Abzugsquelle nidit mehr genügt und sie sidi dennodi durdisetzen. 

Wir sind von eigentümlidien typisdien Motiven der Schnitz= 
lersdien DidiUmg und ihrer Analyse ausgegangen und haben uns 
fast in ihr zentrales Gebiet vorgewagt, das die Unverträglidikeit selbst» 
süditiger und sexueller Wünsdie und der Selbsterziehung zu 
sozialem Leben zeigt. Konnten wir die »Allmadit der Gedankens 
auf nai-zißtisdie Einstellung des Diditers, auf die Libidobesetzung 
des Idi zurüdiführen, so bleibt uns die Aufgabe zu zeigen, weldie 
Mittel zur Überwindung dieses Glaubens und dieser Einstellung 
herangezogen werden, wir haben zu beweisen gesudit, daß sidi 
hinter der »Allmadit der Gedanken« sogenannte »DÖse« Regimgen 
verbergen. Als ein Versudi, sidi mit diesen Regungen auseinanderzu= 
setzen, sie als allgemein mensdilidie zu erkennen und der bewußten 
Verurteilung zum Zwecke der Sublimierung zu unterwerfen, stellt 
sidi der Determinismus dar, der die größere Hälfte der Sdiuld den 
unglüdi seligen Gestirnen zu wälzt. 

Georg im »Weg ins Freie« hat sidi die sdiwersten Vorwürfe 
gemadit, als ihm das Kind — wie er glaubte durdi seinen eigenen 
Wunsdi — entrissen wurde, Er beruhigt sidi durdi die Erkenntnis: 

»Irgendein Gesetz ist wirksam, unbegreifÜdi, uncrbittlidi, an 
das wir Mensdien nidit rütteln können. Wer darf klagen; warum 
gerade mir das? . , . Ein bis zwei Prozent trifft es eben, das ist 
die himmlisdie Gereditigkeit. Die Kinder, die da drüben im Garten 
laditen, die durften leben. Durften? Nein, sie mußten leben, so 
wie das eine hat sterben müRen nadi dem ersten Atemzug, be= 



stimmt von einer Dunkelheit durch ein sinnloses Nidits hindurch 
einzugehen in eine andere.« . ^ c j 

Mit ungleich größerem Sdiarfsinn versudit Cjeorgs freund, 
Heinridi Hermann, sein eigenes Sdiuldbewußtsein, das sidi aut einen 
ähnlidien Wunsdi bezieht, abzuwäizen: «Ja, ** ^^^ ™A ohne 
Sdiuld gefühlt. Irgendwo in meiner Seele. Und wo anders, tiejer 
vielleidit hab idi midi schuldig gefühlt ... und nodi tiefer ^s'ledcr 
sAuIdlos. Es kommt immer nur darauf an, wie tief wir m uns 
hineinsdiauen. Und wenn die Liditer in allen Stod^werken ange» 
zündet sind, sind wir dodi alles auf einmal,, sdiuldig und unsdiuldig, 
Feiglinge imd Helden, Narren und Weise.« Dieses SdiuldbewuOt^ 
sein loszuwerden, zurückzukehren in die allgemeine soziale Ordnung 
— dafür bietet der Fatalismus einen Ausweg. Einige Beispiele 
mögen zeigen, wie oft Schnitzlers Personen diesen Ausweg aus 
den sie bedrängenden Konflikten betreten. 

»Nidit wir Eind's, die unser Sdiidisal madien, sondern meist 

besorgt das irgendein Umstand außer uns auf den wir keinerlei 

Einfluß zu nehmen in der Lage waren« (»Weg ins Freie«y j»N.e= 

mand hat die Wahl — es fällt uns zu« <*Frau mit dem Dol*e«>. 

,>Ist denn ein Mensdi je eines andern Schidisal? Er ist immer nur 

das Mittel, dessen sidi das Sdiidtsal bedient« <»Ruf des Lebens«). 

Wenn hier überall das Sdiidisal die Verantwortung für die 

Taten der Mensdien übernehmen muß, so erklärt sidi das als eine 

psvdiisdie Versdiiebung, die das eigene S diu Idbe wußtsein bewirkt 

Ut, um Erleiditerung zu finden. Die Struktur der Werke des 

Diditers zeigt jenen tiefen Glauben an ein Fatum, das unberedien- 

bar und unerbittHdi über den Mensdien waltet. Es sdieinf, als 

wäre audi die Verfolgung dieser seehsdien Wege Aufgabe einer 

Metapsydiologie im Sinne Freuds. r ,. i- , t i -. 

Wir werden vermuten, daß die Probe auf die Wuditbarkeit 

unserer bisherigen psydiologisdien Erkenntnisse darin liegen wird, 

daß sie uns tiefere Einsidit in das Wesen der Dichtung Arthur 

Schnitzlers gewähren werden. 

Es müßte durdi die Aufklärung, die wir ihnen verdanken, 
audi mandies dunkel Steinende in seinen Werken erhellt werden. 
Ein kleines Beispiel dieser Art: Etzelt redet dem Jungen Medardus 
zu er möge seine Waife ablegen. Dodi Medardus erklärt, er werde 
sidi wohl hüten dies zu tun, »denn dann gesdiähe etwas grauem 
Töridites. Ein Kind fände meinen Doldi und erstädie seme ye= 
sdiwistcr im Spiel oder eine glüdiUdie Braut rizte sidi aus Vera- 
schen die Hand ... und es träte ein Brand zu der kleinen 
Wunde.« Erinnern wir uns eines sonderbaren Phänomens, das mit 
der »Allmadit der Gedanken« im engsten Eusammenhaiig steht 
und erst jetzt durdi Professor Freuds Ausführungen seine Dunkel- 
heit verloren hat: des Tabuglaubens i. Ebenso wie der junge 



Iitiago 1912. 



Die oAIImadit der Gedanken« bei Arthur Schnitzler 333 

Medardus würde ein Maori oder ein E^wangsneurotiker empfinden, 
dem diese Waffe Tabu ist. Freud führt in seiner letzten Arbeit 
eine Tabuvorsdirift an, die verbietet, sdiarfe "Waffen im Hause zu 
halten. So wie dieses Verbot, so wird sidi audi die Antwort des 
jungen Helden auf unbewußte feindsehge Regungen stützen und seine 
"Weigerung, die "Waffe fortzuwerfen, auf die Furdit, daß diese 
unbewußten Wünsdie realisiert werden könnten. 

Eine Novelle »Das Sdiidisal des Freiherrn von Leisenbohg« 
sdieint mir in der Verbindung der Tabueigentümiidikeiten und des 
Glaubens an die »Allmacht der Gedanken« die letzten "Wurzeln zu 
haben. 

Ein reidier Adeliger wartet adit Jahre auf Erhörung seiner 
Liebe, die er einer jungen, heißblütigen Sdiauspielerin gesdienkt. 
Dodi sie zieht ihm eine Menge Liebhaber vor, immer ist ein Grund 
vorgesdioben, warum sie diesen und nidit ihm ihre Gunst gewährt 
hat. Endlidi sdienkt sie dem überrasdiend geduldigen Verehrer eine 
Liebesnadit. Zu seiner Bestürzung aber ist sie am nädisten Morgen 
abgereist. Lange Zeit hernadi erfährt er von einem der späteren 
Geliebten des Mäddiens, daß ein Fürst, mit dem Kläre innige Be= 
Ziehungen verbanden, in seiner Sterbestunde den verfludit habe, der 
zum erstenmal nadi ihm das Mäddien umarmt. Der Freiherr von 
Leisenbohg war dieser Onglüddidie, und die ihm gewährte Nadit sollte 
ein Sdiutzmittel für einen späteren Seladon sein. Bei dieser Nadiridit 
stürzt der Freiherr vom Sdilage getroffen vom Sessel, Die »AlU 
madit der Gedanken"^ zeigt sidi in jener Nadiwirkung des Fludies. 
Kläre ist eben Tabu gewesen. Das beweist nidit nur der Tod desFrei= 
Herrn, sondern audi das Sterben ihres früheren Geliebten und ihr 
langes Zögern dem Freiherrn gegenüber. Psydiologisdi werden wir 
den Tatbestand so rekonstruieren, daß wir annehmen, der Frei» 
herr selbst habe den früheren und späteren glüdtlidieren Liebhabern 
des Mäddiens den Tod gewünsdit und erleide nun ihn selbst als 
Buße seines feindseHgen "Wunsdies, "Wie stark aber auf geistig 
hotbstehende Mensdien der Glaube an das Fortwirken eines Fludies 
<und an die »Allmadit der Gedanken«) ist, das beweist die reiz^ 
volle Episode, die Goethe von den beiden Straßburger Tanz= 
meisterstöditern Luzinde und Emilie erzählt ^ Beide liebten den 
jungen Diditer und die eine von ihnen küßt ihn und verfludit die= 
jenige, weldie nadi ihr seine Lippen berühren wird, um der Sdiwester 
jede Liebesmöglidikeit abzusdmeiden. Die Wirkung jener erregten 
Szene bei Goethe war eine tiefe und nadihaltige: »Seit dem jenes 
leide ns dl aftlithe Mäddien meine Lippen verwünsdiet und geheiligt 
(denn jede Weihe enthält ja beides) hatte ich midi, abergläubisdi 
genug, in adit genommen, irgend ein Mäddien zu küssen, weil idi 
soldies auf eine unerhört geistige Weise zu besdiädigen fürditete,« 

Eine kurze, aber wie mir sdieint, bedeutungsvolle Skizze 



»Dlditung und Wahrheiti, 3. Teil, 4, Budi. 



334 Theodor Rrik 






ii 



Schnitzlers «Die dreifache Warnung« enthält eine geradezu klas- 
sisdie Darstellung des Tabumotives. 

Dem Jüngling prophezeit eine dunkle Gewalt, er werde wenn 
er einen Felsenaufstieg wagte, einen Mord begehen, über sein Vater= 
land Verderben bringen und den Tod erleiden i. 

Diese Prophezeiungen erfüllen sidi audi. Die dreifadie Warnung 
würde etwa dem entspredien, was wir Bewußtsein zu nennen pHegen. 
Sie ist die zensurierende Gewalt der Moral, die den ungestümen 
Wünsdien des TüngÜngs Halt gebietet. Beaditen wir das bvstem, 
das den Aufstieg des Kühnen mit den vorhergesagten unheilvollen 
Wirkungen verknüpft, so ergibt sidi beispielsweise folgendes: Der 
Tünjiling hat durch seinen wilden Athem einen Sdimetterling verjagt, 
von dem die Raupe stammen wird, die übers Jahr über den^Nadcen 
der jungen Königin kriedien und sie so jäh aus dem bdilummer 
wedien wird, daß das Kind, das sie unter c^em Herzen tragt, hm^ 
siedien muß und statt des reditmäßigen Erben des Königs laster- 
hafter Bruder die Regierung übernimmt und das Vaterland des lung= 
lings ins Verderben stürzen wird. Idi gebe hier ein Beispiel der 
Symptonhandlungen eines Zwangsneurotikers, um den Vergleidi des 
Geisteraussprudies und der früheren Weigerung des Medardus zu 
ermoslidien. Ein Patient erzählt: »Idi wasdie mir die Hände, weil 
idi sie früher in die Tasche gesteht habe, in der ein lasdientuch 
war weldies idi am Tage vorher mit der Hand berührt hatte, die 
amWinterrodt angekommen war, den idi mit einem Handsdiuhbe= 
rührt hatte, den idi getragen, als ich einem jungen Mann die bland 
pereidit, der eben von einer Waffenübung aus Czernowitz zurück- 
gekehrt war und dort mit syphilitischen Offizieren verkehrt haben 

könnte.« , tr l j 

Die Analogie zwischen Aufbau und System der Verbote und 
Wirkungen in beiden Fällen ist frappant. Dodi sie geht weiter: so- 
wohl im Symptomenkomplexe des Zwangsneurotikers a^s in den 
Folgen des Felsen au fstieges ersdieint im Mittelpunkte die Berührung. 
Der Jüngling hat einen Mord auf dem Gewissen, denn er hat einen 
Wurm zertreten,- er hat Unheil über sein Vaterland gebradit, denn 
sein Athem hat den unglüdtbringenden Sdimetterling ostwärts zum 
königlichen Garten getrieben, und er geht selbst zugrunde, weil er 
einen Felsen betreten, von wo es keinen Abstieg gibt. Der ganze 
Vorgang, wie die Sorgen des jungen Medardus in bezug auf semen 
Doldi erinnern an die Ersdieinungen des delire de toudier. 

' Wir haben sd,on vorher auf diese Symbolik bei Schnüzkr hingewiesen. 
Es sAeint, d.ll aurf, hier die Bestdsung des Felsens dem GesAIeAtsa.te gl d,, 
zusetzen ist und das Verbot des Geistes also einen sewdlen T'""«* jf^;!"!""^! 
betrifft, Während der Korrektur dieser Arbeit ers<Wen S*n«. lers "F^-LB^^t^^"^ 
ihr Sohn«. Act* dort ist in einem Gesprädi zw.sdien ^^^ "^'<''" ""V/„ ofitr^ 
von einem Felsenaufstieg, seinen Gefahren und Rei.en, d,e R^f%""^J=^,^'*^^ 
bat uns über den Sinn desselben nidit in Zweifel gelassen, da er das Uespta* 
den Charakter einer Verführungsszene tragen heß. 



ii 



D[e »Allmadit der Gedanken« bei Arthur Sdinitzler 335 

Unheil bringt der Jüngling über andere, weil er das Tabu= 
verbot, die Warnung des Geistes, nidit beachtet. Psydiologisdi ist 
der Hergang urngekehrt wie in der »Dreifadien Warnung«. Dort 
steht der eigene Tod in der letzten Reihe und die fürchterlichen Folgen 
für das Vaterland in erster. Auch beim Zwangsneurotiker gelten die 
Befürditungen, welche sidi auf die Folgen seines Handelns beziehen, 
bewußterweise den anderen. Dodi läOt sidi regelmäßig zeigen, daß 
der Neurotiker diese Folgen ursprünglidi als ihm selbst drohende 
abwehrt. ^ 

Wir wissen aus dem seelisdien Medianismus der Zwangs- 
neurose, daß soldien Verboten immer die Abwehr von Unheils= 
Vorstellungen zugrunde liegt. Es würde über den mir gesteckten 
Rahmen weit hinausgehen, wenn idi zeigen wollte, welcher Art die 
UnheilsvorstcIIungen in der Diditung Arthur Schnitzlcrs sind und 
wo sie ihren verborgenen Ursprung haben. Idi möchte nur auf das 
große, alles übersdiattende Problem des Todes und seine ständige 
Verknüpfung mit dem der Sexualität wie auf einen Wegweiser auf= 
merksam madien, 

Es handelt sich hier nidit darum, das ganze Werk Arthur 
Schnitzlers in seiner psycfiologisdien Bedeutung zu umfassen, 
sondern um psydio analytische Aufklärungen eines bestimmten Themas 
aus seinen werken, Wenn diese psydioanalytischen Anmerkungen 
geeignet sein sollten. Neues über die Werke eines so bedeutenden 
Diditers wie Arthur Schnitzler es ist, zu geben, wen sollte das 
mehr freuen als uns, die wir in ihm nidit nur den großen Künstler, 
sondern audi den Kenner der Höhen und Tiefen mensdilidier Seele 
verehren? 



' Die Skizze würde demnadi dem diditerisdien Ausdruck einer zwangliaften 
Befürditung gleidikommen, die etwa so dargestellt werden kann; Wenn du diese 
Frau berührst, wirst du Unheil über didi und alle bringen, 




336 



J. Sadger 



Über das Unbewußte und die Träume bei Hebbel. 

Von Dr. I. SADGER, Wien. 
I. 
Wer Hebbel bewundern und Üeben krnen will, oline immer 
.iede7,estäf.u werden d-^jusy^^'üg^ 'Sttn^l^JZ 

Üibe^ußten erst wkdcr entdeckte. Kern zweiter P^^^ ^ „^/^^ ^^'^^ 

inneres Cbend h. ein bewußtes, denn das un?,cwulite ,st doA 
S sowohl Leben, als Lebensnahrung gibt?. Endl.A nadi d r 
Uktüre von Emilia Galotti: »Das Bewul^tsein hat an allem wah - 
haft Großen und SAönen, weid.es vom MensAen ausgeht, wemg 

wird und das, ob es gleid. FleisA von ihrem FIe.sd> .st, .hr den- 
warum er jetzt zum Hammer und etzt zum Hobel gre.lt, aber er 

Werker Poesie- der Diditer sAulmeistert das Musenroß und es 
St im gan en ÄiliA, wohin er will, aber j-^ -".e nen ,mmer 

entweder L weit oder niAt weit genug. G^^l%i^^^^^Ä J £ 
mnrin der edite Diditer sidi von seinem naAsien JNadibar, aer 
L^sing .ewTß war untersAeidet i bei jenem ist die Begeisterung 
helliSes Pfulr das ^om Himmel fällt und das er gewahren Idlt- 
be Tsem is es ein FlämmAen, welAes er selbst anmadit und 
w lAes Tun e naAdem die Stoffe sind, womit er es ernährt, bald 



I 



über das Unbewußte und die Träume bei Hebbel 337 

nur kümmerlidi sdildAt, bald aber gar zu breit und ungestüm auf= 
L .^^'/'"^r s°l'"en Flamme kann man löten und scbmieden, 
aber die isonne mit ihrer linden, unsiditbaren Glut muß wirken, 
wenn Bäume und Blumen entstehen sollen.« 

Nie wird er müde, Bedeutung und Überlegenheit des Unbe= 
wußten herauszustreidien, in ihm das eigenllidie Idi zu erbhdten. 
»Das Leben ist eine Plünderung des inneren Mensdien«, »Leben ist 
Erwadien«, »Das Genie ist Bewußtsein der Welt«, »Die meisten 
Mensdien täusdien sidi über sidi und andere, weil sie die Vernunft 
für die sdiaffende und leitende Madit halten, da sie dodi nur die 
erhaltende und korrigierende ist.« Voll Bewunderung zitiert er ein 
außerordentlidi »sdiönes Wort« seiner Frau; »Idi besehe midi nadi 
innere wenn ich nadimittags so dämm're,« Die klare Erkenntnis, daß 
der Grundbau jedes Unbewußten in unserer Kindheit aufgeriditet 
werde, gibt ihm den »dummen Einfall« unter, »statt älter, immer 
jünger zu werden! Und dodi ist dies die tiefste Notwendigkeit im 
Leben.« Dabei ist er keinen Augenblidi im Zweifel, daß dort im 
Unbewußten niedergehaltene Dämonen hausen. »Vor mandier Ge= 
fühlsanalyse schaudere idi«, »Das Leben der Meisten ist ein Fliehen 
aus sidi selbst heraus«, »Der Begriff seiner selbst ist der Tod des 
Mensdien« »Der Fall mit der Sphinx wiederholt sidi Tag für Tag. 
Das Ratsei, das Du nidit lösen kannst, zerstört Didi.« Und trotz 
alledem notiert er aus tiefst gewonnener Erkenntnis; »Der erste 
Segen, der dem Mensdien zuteil werden kann, Ist, möglidist lange 
ein Kind zu bleiben.« 

Es ist für den Seelenforscber ein hoher Genuß, unsern Diditer 
zu verfolgen, wie er sein Innerstes zergliedert und durdisdiaut. So 
erzahlt er einmal: »Es ist unbegreiflidi aber wahr: wie man sidi 
im Traum in mehrere Persönlidikeiten auflöst, so kann man sidi 
audi im Wadien in zwei Wesen zerspalten, die wenig voneinander 
wissen, in eins, welches Fragen stellt und in ein anderes, weldies 
sie beantwortet. Dies fällt mir eben jetzt, wo idi bei heftigem Kopf= 
weh in der Dämmerung auf und ab gehe und mir Selbstunter- 
haltung abzwinge, zum erstenmal lebhaft auf Dabei fällt mir weiter 
ein, daß man dies wohl Nadidenken <einen Prozeß, den idi bisher 
nidit zu kennen glaubte) nennt. Die Spradie begräbt oft die 
Sadien/ sie bezeidinet so obenhin und man meint, es sei niÄts weiter 
dabei zu denken.« liier mödite (di als besonders diarakteris tisch 
hervorheben, daß der Grübler Hebbel das Nadidenken nidit zu 
kennen glaubt, so unmittelbar und mühelos bradi ihm das Unbe= 
wußte meist durdi. Eine ähnlidie Spaltung der Person lidikeit 
besdireibt er aus einer Todeskrankheit. »Dummer Zustand zwisdien 
Sdilafen und Wadien, wo idi midi selbst als Zweiheit empfand' es 
war mir nämlidi so, als ob mein geistiges Idi für sidi existierte, 

aber dodi ganz ungemein von dem heruntergekommenen Körper ^ 

molestiert wird,, der Körper kam mir völlig vor, wie ein überaus 
unbehilflidier und unai-tigcr König mit einem didcenBaudi,. idi sagte zu 

Imago II/3 2Z 



mir selbst, wenci ich midi vergebens umzuwenden sudite: der Alte wül 
nidit u. dgl.« Audi die Tagebudisteile gehört hieher: »Einer, der, 
wenn er etwas erlebt, sidi dessen immer nur zu erinnern meint,« 

Wie sdiarf der Dichter das Entstehen von Bildern und Ge= 
danken an sidi selber beobaditete, dafür existiert eine Reihe von 
Zeugnissen. So meint er einmal; »Wer dodi den wunderbaren 
2eugiings= und Sidiernähnmgsprozeß des Geistes darstellen könnte! 
Eine Idee erwatht, ein Wort kommt ihr entgegen und sdiließt sie 
ein, beide bedingen und besdiränken sidi gegenseitig. Die Idee ist 
das frisdie Leben des Einzelnen, das Wort das abgezogene Leben 
der Gesamtheit, das feinste Sublimat von beiden verfliegt aber, in= 
dem sie sich berühren, sdilägt in den Geist ziirüdi und dient ihm 
als Speise.« Und nodi wenige Monde vor seinem Tode, als er in 
Gmunden Soolenbäder nahm, beriditet das Tagebudi: »Vorher 
sdiricb idi meiner Frau einen Brief über Geselligkeit und gesellige 
Leute, Als idi zurüdikam, tief in meinen Überroä eingeknöpft, be= 
gegnete mir Einer von der nebeln Klasse und idi rief: Der wird 
nun über didi herstürzen, wie das Faultier über den grünen Baum! 
Es gesdiah zufällig nidit, aber der Prozeß, aus dem dieser Gedanke 
hervorging, wurde mir merkwürdig, Bis zum vergleidienden Wie 
war er natürlich, als sidi ganz von selbst verstehend, beim Anblidt 
des bedrohlidien Individuums auf der Stelle da und wurde audi 
laut ausgesprodien. Beim Wie stodae die Zunge, augenblidilidi 
aber sAoß das ergänzende Bild nadi, ohne daß die Geiiesis des^- 
selben vorher ins Bewußtsein gefallen wäre. Das gesdiieht audi nie, 
aber in diesem speziellen Fall Ist der Ideenassoziation, die das Bild 
erweckt, vielleidit mit Bestimmtheit nadizukommen. Das Faultier 
tötet den Baum, auf den es sidi setzt, wenigstens für einen Sommer, 
und der langweilige Mensch denjenigen, an den er sidi hängt, 
wenigstens für eine Stunde oder für einen Tag, So dedcen sidi diese 
beiden analogen Ersdieinungen der physisdien und der intellektuellen 
Welt für die Phantasie in dem Punkt, der für sie der wesendidie 
ist, vollständig und müssen sidi darum audi gegenseitig hervorrufen. 
Dieser Prozeß wird aber immer stattfinden, wenn er sidi audi nur 
selten so klar in seine einzelnen Momente auflösen mag.« 

Der WertsdiäTsung seines Unbewußten entspringt audi der 
Glaube unseres Diditers an wunderbare Ahnungen, Hellsehen, Vor-' 
empfindungen und Geister. So notiert er iiarfi der zweitmaligen 
Lektüre von Kerners »Seherin von Prevorst«: »Unser Ahnen, 
Glauben, Vorempfinden pp. haben wir bis jetzt nur als den Beweis 
für die Existenz einer uns in ihrer Realität nodi unfaßbaren, außer 
uns vorhandenen Welt in Anwendung gebradit,. mir sind sie mehr, 
sie sind mir zugleidi ciie ersten Pulssdiläge einer noch sdilummernden, 
in uns vorhandenen Welt.« Ohne etwas in Abrede stellen zu 
wollen, was Kernervon seiner Kranken erzählt, hebt er doch hervor, 
daß die Seherin in ihrer Geisterwelt audi nidit das Geringste, was 
nidit sdion längst vorher in Millionen Köpfen gespukt hätte, ent- 



über (Jas UntewuRte und d[e Träume bei Hebbel 339 



deckt, sondern die alten, g-ewohnten Gestalten, bloß koloriert. Sie 
steht physisch als eine einzige Ersdieiniing da,, dies würde mit= 
hin unbegreifliA sein, wenn sie wirklidi mit geistigem Auge ge= 
sdiaut and nidit bloß phantastisdi geträumt hätte, pp. Daß sein 
Geisterglaube direkt die Folge der Empfindung seines Unbewußten 
ist, erweist uns die Stelle des Tagebiidis; »Idi bin überzeugt, wenn 
idi jetzt Jenen unheimlidien Geisterscfiauder, wie ihn nidit Büdier, 
nidit gespenstisdie Örter, nidit die Mitternaditsstunde in meiner 
Brust hervorrufen, empfinde, so ist mir ein Geist nah.« Sein Freund 
»Rousseau glaubt zuweilen zu empfinden, er müsse Herr über 
irgendeinen Geist sein,« und von dessen blödsinnigem Bruder meint 
der Diditer: »Wie wohl soldie Mensdien gegen die Geisterwelt 
stehen, ob sie nidit vielfeidit mandics empfinden, fühlen und sehen, 
was ihr angehört und uns versdilossen ist, was sie aber, eben, weil 
sie diese Welt (die unsrige) so wenig kennen, ihr zuredinen.« 
Audi die Nutzanwendung auf die Poesie madit er ganz riditig: 
»Wir Mensdien sind des Grauens und der Ahnung nun einmal 
fähig,, es ist dem Diditer daher gewiß erlaubt, siÄ audi solcher 
Motive zu bedienen, die er nur diesen trüben Regionen abgewinnen 
kann. Aber zweierlei muß er beobaditen. Er darf hier, erstlich, 
weniger wie jemals, ins rein Willkürlidie verfallen, denn dann wird 
er abgesdimadit. Dies vermeidet er dadurdi, daß er auf die Stimmen 
des Volkes und der Sage hordit und nur aus denjenigen Elementen 
bildet, weldie sie, die der Natur alles wirklidi Sdiauerlidie längst 
ablausditen, geheiligt haben. Er muß sidi zweitens hüten, soldie 
Phantasiegebilde zu crsdiaffen, die nur einen einzelnen Mensdien, 
etwa den, weldien er, um sie nur überall in Tätigkeit zu setzen, 
in seinem Gedidit damit in Verbindung bringt, etwas angehen. 
Nur die Gestalt flößt Grauen ein, die midi selbst irgendwo ver= 
folgen kann,- nur den gespenstisdie n Kreis fürdite idi, vor dessen 
Wirken idi nidit gesidiert bin.« Ähnlidi wirft er ein andermal die Frage 
auf; »Wie weit gehört das Wunderbare, Mystisdie in die moderne Didit= 
kunst hinein?« und beantwortet sie: »Nur soweit es elementarisdi 
bleibt. D. h, die dumpfen, ahnungsvollen Gefühle und Phantasien, 
auf denen es beruht, und die vor etwas Verstedttem, Heimlidien 
in der Natur zittern, vor einem ihr innewohnenden Vermögen, von 
sidi selbst abzuweidien, dürfen angeregt, sie dürfen aber nicht zu 
konkreten Gestalten, etwa Gespenster^- und Geisterersdieinungen 
verarbeitet werden, denn dem Glauben an diese ist das Welt-= 
bewußtsein entwadisen, während jene Gefühle selbst ewiger Art 
sind.« Endlidi aditet Hebbel selber bei der Abreise von Mümdien 
1S39 fortwährend auf günstige und ungünstige Eeldien und, als er 
in der »Augsburger Allgemeinen Zeitung« von einer gelähmten Gräfin 
liest, die durdi den Rodi des Heilands den Gebraudi ihrer gidit- 
brüdiigen Glieder wieder erlangt hatte, zweifelt er niAt nur keinen 
Augenbhdt, sondern leistet sidi sogar den Ausspruch; »Also seit 
langem wieder das erste Wunder! Und jedenfalls ein ZeiÄen!« 



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zz* 



Wir vernalimen sdion oben, daß Hebbel die Beziehungen 
des Wahnsinns zum Unbewußten mindestens vermutet. Just, weil 
dem Irren unsere bewußte Welt versdilossen, ahne er vidleidit 
um so mehr von den Geistern, i. e. der Welt des Unbewußten. 
Er nennt dies einmal »die innere Liditwelt eines Wahnsinnigen«. 
Aus dem Tagebudi eines Arztes zitiert der Diditer: »Es war fast 
immer von glüddidiem Erfolg, wenn idi dem Benehmen eines Wahn= 
sinnigen einen Beweggrund untersdiob«, was er mit dem Zusatz 
»Begreiflidiü« versieht, In Pfisters Kriminalfällen findet er die 
Redensart erwähnenswert »sie hat sidi hintersonnen« für »sie ist 
wahnsinnig geworden«. Audi erklärt er durchaus zutreffend: »Die 
Ideenverbindungen sdieinen im Wahnsinnigen unter dem Gesetz des 
Widersprudies zu stehen.« EinemBrief an Elisen entnehme idi nodi: 
»Der Wahnsinn ist nur als Zustand an sidi und insoweit er über das 
Mensdilidie hinausgeht, furditbar. Der Wahnsinnige fühlt keine 
Sdimerzen, so wenig körperliche als geistige, und er steht 
jener Welt vielleicht näher als wir alle. Das geistige Ver= 
mögen kann nidit uniergehen und deswegen aum nidit gestört 
werden,- nur das Band zwisdien Körper und Geist kann lodier 
werden.« Endlidi hat in der »Maria Magdalene« der Wahnsinn 
aus der Frau des Kaufmanns Wolfram die wahre Natur heraus= 
geholt. Sie, die in gesunden Tagen durdi Überkompensation »die 
edelste, mitleidigste Seele von der Welt war, ist jetzt boshaft und 
sdiadenfroh geworden und jaudizt und jubelt, wenn vor ihren 
Augen ein Unglüdt gesdiieht.« Der infantile Ursprung verrät sirfi in 
der Art, wie »sie Sadien im Hause auf die Seite bringt, Geld ver= 
stedtt und Papiere zerreißt.« 

Die Brutstätte jedweder großen Tat, des genialen Gedankens 
wie des poetisdien GediÄts, ist Hebbel gleichmäßig das Unbe= 
wußte. Darum audi das Plötzlidie ihres Hervortretens und die 
vöilige Unabänderlidikeit. »Selbst eine große Tat korrnnt dem 
Mensdien wie eine poetische Idee«, heißt es einmal im Tagebudi. 
»Das Naive (Unbewußte) ist der Gegenstand aller Darstellung.« 
»Den poetischen und genialen Gedanken (beides ist in der Be= 
deutung eins) untersdieidet von jedem anderen die Unmittelbar» 
keit, mit der er hervortritt, und die Unveränderlichkeit, mit der 
er sidi fixiert.« Nie wird er müde, diese Ursätze alles poetischen 
Sdiaffens in versdiiedener Beleuditung abzuwandeln. »Die edite 
Poesie dringt aus der Seele, wie das heiße Blut aus der Ader, die 
es selbst aufsprengte«/ »Diditen heißt, sidi ermorden.« »Bei einem 
großen Diditer hat man ein Gefühl, als ob Dinge emportauditen, 
die im Chaos sted<en geblieben sind.« »In die dämmernde, duftende 
Gefühlswelt des begeisterten Dichters fällt ein Mondstrahl des Be= 
wußtseins und das, was er beleuchtet, wird Gestalt.« Nur darf das 
Bewußtsein nidit mehr als fixieren und hödistens nodi ordnen, was 
es vom Unbewußten erlausdite. »Ob die Idee den Diditer über^ 
wältigt oder der Diditer die Idee, davon hängt alles ab.« Und von 



über das Unbewußte und die Traume bei Hebbel 341 

Walter Scott meint er: »Merkwürdig und bezcidinend ist vor allem 
die Art, wie Scott sidi der stoffartig=poetisdien Elemente, der 
Sagen, Träume, Ahnungen pp, bedient/ er weiß sie mit kräftiger 
Hand zu padcen und aufs Gesdiiditeste in den Gang des Ganzen 
zu verweben, aber er besprengt sie immer vorher wohlbedäditig 
mit dem kalten Wasser des Verstandes und ersdiwert sich dadurdi 
die Wirkung, die er zuletzt doA hervorzubringen weiß,« Hebbel 
selber klagt einmal: »Warum vermag der Wille dodi im Ästheti= 
sdien so ganz und gar nidits!« und ein andermal wieder: »Wunder» 
lidi=eigensinnige Kraft, die sidi jahrelang so tief verbirgt, wie eine 
zurudigetretene Quelle unter der Erde und die dann, wie diese, 
plötzlidi und oft zur unbequemsten Stunde, wieder hervorbridit.« So 
unbedingt aber gab er sidi dann seinem Innenleben hin, daß er 
beim Diditen audi im ungeheizten Zimmer niemals fror. »Denn dann 
bin idi uncmpfindlidi für äußere Einflüsse, obgleidi die innere Er= 
hitzung meistens mit einem Sdinupfen endet.« 

Zweimal hat sidi der Diditer einläßlidier ausgesprodien über 
die Tätigkeit des Bewußten und Unbewußten im künstlerisdien 
Sdiaffen. Das erste Mal imTagebudi: »Worin besteht die Naivität 
in der Kunst? Ist es wirklich ein Zustand vollkommener Dumpfheit, 
in dem der Künstler nidits von sidi selbst weiß, nidits von seiner 
eigenen Tätigkeit? Das ist unmöglidi, denn wenn er nidit erkennt 
oder fühlt: dieser Zug ist tief, dieser Gedanke ist sdiön, warum 
zeidinet er den einen hin, warum hält er den anderen fest? Die 
Frage wird wohl am einfadisten so beantwortet. Un bewußter weise 
erzeugt sidi im Künstler alles StofFlidie, beim dramatisdien Diditer 
z. B. die Gestalten, die Situationen, zuweilen sogar die ganze 
Handlung, ihrer anekdotisdien Seite nadi, denn das tritt plötzlidi und 
ohne Ankündigung aus der Phantasie hervor. Alles übrige aber 
fällt notwendig in den Kreis des Bewußtseins.« 

Nodi sdiärfer präzisiert er in einem Brief an Engländer vom 
1, Mai 1863: »Sie wollen an den Diditer glauben wie an die 
Gottheit; warum so hodi hinauf, in die NeLelregion hinein, wo 
alles aufhört, sogar die Analogie? Sollten Sie nidit weiter gelangen, 
wenn Sie zum Tier hinuntersteigen und dem künstlerisdien Ver= 
mögen die Mittelstufe zwischen dem Instinkt des Tieres und dem 
Bewußtsein des Mensdien anreihen? Da sind wir dodi im Bereidi 
der Erfahrung und haben Aussidit, durdi die Anwendung zweier 
bekannter Größen auf eine unbekannte, etwas Reales zu vermitteln. 
Das Tier führt ein Traumleben, das die Natur unmittelbar regelt 
und streng auf die Zwedte bezieht, durdi deren Erreidiung auf der 
einen Seite das Gesdiöpf selbst, auf der anderen aber die Welt 
besteht. Ein ähnhdies Traumleben führt der Künsder, natürlidi nur 
als Künstler, und wahrsdieinlidi aus demselben Grunde, denn die 
kosmisdien Gesetze dürften nidit klarer in seinen Gesiditskreis 
fallen, wie die organisdien in den des Tieres und dennodi kann er 
keines seiner Bilder abrunden und sdiließen, ohne auf sie zurtid\zu= 



342 J. Sadger 

gehen. Warum sollte nun die Natur nidit für ihn tun, was' sie für 
das Tier tut. Sie werden aber audi überhaupt linden, um tiefer 
auszugreifen, daß die Lebensprozesse nidits mit dem Bewußtsein zu 
tun haben, und die künstlerisdie Zeugung ist der hödiste von allen,- 
sie untersdieideii sidi ja eben dadurdi von dem logisdien, daß man 
sie absolut nidit auf bestimmte Faktoren zurüdcführen kann. Wer 
hat das Werden je in irgendeiner seiner Phasen belausdit und was 
hat die Befruditungstheorie der Physiologie trotz der mikroskopisdi 
genauen Besdireibung des arbeitenden Apparats, für die Lösung des 
Urundgeheimnisses getan? Kann sie audi nur einen Budfel erklären? 
Dagegen kann es keine Kombination geben, die nidit in allen ihren 
Sdilangcnwindungen zu verfolgen und endlidi aufzulösen, wäre/ das 
Weltgebäiide ist uns ersdilossen, zum Tanz der Himmelskörper 
können wir allenfalls die Geige stieidien, aber der sprossende Halm 
ist uns ein Rätsel und wird es ewig bleiben. Sie hätten daher voll= 
kommen redit, Newton auszuladien, wenn er ,das naive Kind 
spielen' und behaupten wollte, der fallende Apfel habe ihn mit dem 
Gravitationssystem inspiriert, während er ihm redit gern den ersten 
Anstoß zum Reflektieren über den Gegenstand gegeben haben 
kann,- wogegen Sie Dante zu nahe treten würden, wenn Sie es 
bezweifeln wollten, daß ihm Himmel und Hölle zugleidi beim An= 
blidi eines halb hellen, halb dunklen Waldes in kolossalen Um;- 
rissen vor der Seele aufgestiegen seien. Denn Systeme werden nidit 
erträumt, Kunsiwerke aber audi nidit erredinet, oder, was auf das 
nämüdie hinausläuft, da das Denken nur ein höheres Redinen ist, 
erdadit. Die künsderisdie Phantasie ist eben das Organ, weldies 
diejenigen Tiefen der Welt ersdiöpft, die den übrigen Fakultäten 
unzugänglidi sind, und meine Ansdiauungsweise setzt demnadi an 
die Stelle eines falsdien Realismus, der den Teil für das Ganze 
nimmt, nur den wahren, der audi das mitumfaßt, was nidit auf der 
GberHädie liegt,« 

DemHineinhordien in sein Unbewußtes cntsprarfi audi die Art 
seines Diditersdiaffens. Darüber beriditet Emil Kuh: »Den produ= 
zierenden Hebbel erblidien, war das Bild eines Traumwandelnden 
sehen. Sein Antlitz hatte alsdann den leidenden Ausdrudi des Beseligten, 
Er neigte sein Haupt tief herab, wie eine dem warmen Sommer= 
regen hingegebene Pflanze. Die Arme vor der Brust ineinander 
gelegt, hin und wieder das Lädieln oder die Trauer des sdiauenden 
Mensdien um den Mund, so sdiritt er durdi die Straßen Wiens, 
durdi das Gehölz des Praters oder durdi die Laubgänge des Au= 
gartens, gleidiviel ob das klare Lidit des Spätherbstes sie vergoldete 
oder feudite Oktobernebel sie versdiatteten und überrieselten, So= 
gar das Teufelswetter dieser Jahreszeit konnte ihm nidits anhaben, 
wenn er im Bildersegen untergetaudit war. Das Gewühl und Ge= 
tose der Großstadt störte den visionären Spaziergänger niemals und 
die berüditigte Windsbraut Wiens, wie sie audi in den Baumkronen 
der gewaltigen Praterbäume wühlte und knirsdite, wedtte ihn nidit 



Ober das Unbeii'ußte und die Traume bei Hebbel 343 

aus seiner Weltvergesscnheit auf. Spradi ihn aber jemand an, dann 
entfuhr ihm der heftigste Laut der Abwehr. Mandimal überhörte 
er die Anrede und sdiwankte, leise singend, vorbei. Das ent^ 
stehende Gedidit kam ihm nämlidi immer mit einer Melodie ', Idi 
habe diese seltsamen Summtöne zuweilen vernommen, wenn idi zu= 
fälligerweise hinter ihm herging. Dann und wann trat er in einen 
Hausflur und notierte rasdi das Empfangene, meistens jedodi 
bradite er alles unaufgesdirieben heim, einmal hundert Verse, die 
er frei aus dem Kopf kopierte. Seine Originalmanuskripte sind von 
einer Sauberkeit, als ob es Absdiriften wären. «^ 

Für Hebbel war diditen ein unumgänglidies Sidi=Entäußern, 
das Abreagieren seines quälenden Idis, die einzige Möglidikeit, dem 
Sdired(en des Unbewußten zu entfliehen. So sdireibt er einmal an 
Elise über Oehienschläger: »Wenn dieser herzensgute und glüdi- 
lidie Mann dodi nur eine Vorstellung davon hätte, wie es in Geistern 
hergeht, die nicht ihre Phantasiegebilde gestalten, sondern die Angst 
und das Sehnen ihres Herzens in Symbole kleiden!« Ähnlidi in einer 
kritisdien Arbeit; »Alle Kunst ist Notwehr des Mensdien gegen die 
Idee, wie ja sdion, um ins Besonderste hinabzusteigen, jede ernste 
diditerisdie Sdiöpfung aus der Angst des sdiaffenden Individuums 
vor den Konsequenzen eines dunklen Gedankens hervorgeht/ was 
aber dem Künstler sein Werk, das ist der Mensdiheit die Kunst.« 
Und endlidi im Tagebudi: »Daß Shakespeare Mörder schuf, war 
seine Rettung, dal) er nidit selbst Mörder zu werden braudite. Und 
wenn dies, einer soldien Kraft gegenüber, zu viel gesagt sein könnte, 
so ist dodi sehr gut eine gefarodiene Diditernatur denkbar, bei der 
das in anderen Mensdien gebundene und von vorn herein ins 
Gleiciigewidit gebradite, im Künstler aber entfesselte und auf ein zu 
erringendes Gleidigewidit angewiesene elementarisdie Leben un= 
mittelbar in Taten hervorbrädie, weil die künstlerischen Produktionen 
in sidi erstici^en oder in der Geburt verunglücken.« In dem »Grenz» 



' Hebbel selber sdirieb einmal: aldi höre immer Musik, wenn ich an einer 
bedeutenden Szene arbeite," weshalb er audi glaubte, daH "alle Künste nur ver- 
sdiiedene Ausläufer einer und derselben Urltraft sind«, 

^ Audi bei Hebbel ging die poetlsdie Konzeption, obgleidi nidit in dem 
Maße wie bei Otto Ludwig, mit optisrfien Synästhesien einher. Darüber sagt 
Kuh; »Die Mehrzahl seiner Dramen kündigte sidi, wie er mir erjählte, ein jeg= 
lidies mit einer Gesiditsersdi einung an, wonach er sofort wußte, dali der sdiöpferi^ 
srfie Augenblidi nahe sei. Bei dem ersten Akte seiner ,Genoveva' habe ihm be» 
ständig die Farbe eines Herbstmorgens vorgesdiwebt, bei ,Herodes' vom Anfang 
bis Ende das brennendste Rot. Als er den Epilog zur .Genoveva' diditete, da habe 
er eine angesdiossene Taube fliegen sehen und, so oft der Molodi sidi meldete, in 
Rom, in Neapel wie in W^ien, sei vor ihm ein Felsen mit uralten, bemoosten 
Stämmen aus dem Meere emporgestiegen.« Die spezielle Bedeutung dieser Syn» 
ästhesien ist heute nidit mehr zu eruieren, bestenfalls wie bei J>Herodes und 
Mariamneo beiläufig zu vermuten. Dodi ist es nadi den Untersuchungen der 
Frau Dr. v. Hug und des Dr. Pfiscers ('■Imago,a I, |ahrg., 3, Heft) sehr wahr- 
sÄeiolidi, daß auch diesen Synästhesien eine infantil=erotisdie Bedeutung zukommt, 
die ihr Auflaudien aus dem Unbewußten wieder bewirkt. 



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S44 ), Sadgef ^ 

boten« stand ein wuiiderlidier Artikel über Hebbel, dem prognosti- 
ziert wurde, er müsse dereinst wahnsinnig werden. Darauf reagierte 
unser Poet; »Nein, da weifi idis besser! Das wird nie gestehen, 
nie, idi fühle etwas von einem ehernen Reif im Kopf und habe in 
Todkrankheiten sdion die Erfahrung gemadit, daß selbst die wilden 
Fieberphantasien das Bewußtsein in mir nidit überwudiern konnten, 
daß idi, wenn idi sie auch nidit ganz zu erstidten vermodite, sie 
dodi innerlidi bespöttelte und verladite. Übrigens ist ein soldies 
Urteil nidit ohne allen Grund', indem es dodi auf einiger Einsidit 
in die sdiöpferisdien Prozesse des diditerisdien Geistes beruht und 
es nur darin versieht, daß es die befreiende Kraft des DarsteU 
lungsvermögens, die dodi im subjektiven wie im objektiven Sinne 
damit verbunden ist, nidit in Ansdilag bringt. Idi habe es oft gesagt, 
und werde nie davon abweidien; Die Darstellung tötet das Dar= 
zustellende, zunädist im Darsteller selbst, der das, was ihm bis da= 
bin zu sdiafFen madite, durdi sie unter die Füße bringt, dann aber 
audi für den, der sie genießt«. Im Vorwort zur »Maria Magdalene« 
heißt eine Stelle: »Selbst einsichtige Männer hören nidit auf, mit 
dem Diditer über die Wahl seiner Stoffe, wie sie es nennen, zu 
hadern, und zeigen dadurdi, daß sie sieb das SdiafFen, dessen erstes 
Stadium, das empfangende, dodi tief unter dem Bewußtsein liegt 
und zuweilen in die dimkelste Ferne der Kindheit zurüdtfällt, immer 
als ein, wenn audi veredeltes Wadien vorstellen und daß sie in 
das geistige Gebären eine Willkür verlegen, die sie dem leiblidien, 
gewiß nioit zuspredien würden . . . Der Diditer hat keine Wahl, 
er bat nidit einmal die Wahl, ob er ein Werk überhaupt hervor= 
bringen will oder nidit, denn das einmal lebendig Gewordene läßt 
sidi nidit zurüdtverdauen, es läßt sieb nidit wieder in Biut verwandeln, 
sondern muß in freier Selbständigkeit hervortreten und eine unter= 
drückte oder unmöglidie geistige Entbindung kann ebensogut, wie 
eine leiblidie, die Verniditung, sei es nun durdi den Tod oder durdi 
den Wahnsinn, nach sieb ziehen. Man denke an Goethes Jugcnd= 
genossen Lenz, an Hölderlin, an Grabbe.« Und ins Tagebuch 
trägt er einmal ein: »Für so mandierlei, das sidi in mir regt, be= 
darf idi eines Gefäßes, wenn nidit alles, was sidi mir aus dem 
Innersten losgerissen bat, zurüditreten und midi zerstören soll.« 

Füge idi noch hinzu, daß Hebbel aucb über die Beziehungen 
des Unbewußten zum Liebesleben sehr gut Besdieid wußte, wovon 
idi anderenorts gehandelt habe <sInternationale Zeitschrift f ärzdidie 
Psydioanalyse«, 1. )ahrg., Hefi 2>, so sieht man, daß meine Ein= 
gangsbehauptung nidit zu kühn gewesen. 



' Vgl. dazu aus dem »Diamant jc; »Wer den Mensdien zwingt, unter sidi selbst 
hinabzusÄauen und das sÄniale Fundament seines Daseins ins Auge zu fassen, um 
Rediensdiaft darin zu geben, kann ihn für ewig verwirren', ferner aus dem Briefe an 
Elise vom 19, Dezember 1836: »Es ist zugleich unheimlidi und gefährlidi, wenn ein 
MensÄ zum Fundament seines Wesens hinuntersteigt, und er tut gar wohl, wenn 
er niemals daran rüttelt,, denn drunten lauert die Finsternis und der Wahnsinn.« 



über das UnbcwuRte und die Träume bei Hebbel 346 



II. 

Ich habe nie wieder einen Dichter gefunden, der mit soldiem 
Interesse auf Träume adiiet, eigene wie fremde, und ihnen so viel 
Beaditung zumißt, wie Friedridi Hebbeh Er sammelt sie von 
Beppi und Ehse, Christine und Baronin Etigelhofen, aus Lektüre 
und Diditung, verwebt audi stets zumindest einen, nidit selten 
mehrere in jedes seiner Dramen und hebt in Gesprädien über 
Schopenhauer als eine von dessen hödisten Leistungen die Ent= 
widdungen über den Traum hervor. Mit dem Denker erhlidit er 
im Traumleben einen der metaphysisdien Sdilüssel. Er selbst aber 
dringt bisweilen ganz erstaunhm tief in das Verständnis des 
Traumes ein, dessen Symbolik, Deutung und Eigentümlidikeiten 
er wenn sdion nidit weili, so dodi mindestens ahnt. Wo ihm ein 
soldies Verstehen gelungen, da dedvt sidi seine Erkenntnis durdiaus 
mit den Ergebnissen der modernen psydiologisdien, durdi Freud 
inaugurierten Traumauslegung. 

Eh idi dies an einigen Beispielen erläutere, sei ein Allgemeines 
vorausgesdiidit. Man fühlt sidi gar nidit selten versudit, die hohe 
Bewunderung, die dem Genius gezollt wird, auf die Tatsadien etwas 
abfärben zu lassen. Selbst ein Haeckel z. B. sdieuC sidi nidit, in 
Goethe einen Vorläufer Darwins zu erblidten, der vieles sdion klar 
vorausgesehen habe. Lind weldi ein profundes, umfassendes Wissen 
ward nidit einem Shakespeare angediditet! Idi glaube, man tut 
unbesdiadet aller bereditigten Bewunderung dodi immer gut, sidi 
streng an die nad\ten Tatsadien zu hatten und dem Genie nidit 
unterzulegen, was es als Kind eines früheren Jahrhunderts nidit 
wissen konnte. In sdiwierigen Materien ist es sdion Verdienst, eine 
große Wahrheit, wenn audi nur von ferne geahnt zu haben. Und 
Lionardos Versudie, die Luft zu durdifiiegen, bleiben darum nidit 
minder bewundernswert, weil es zu seiner z,eit nodi keine leiditen 
Motore gab. In den meisten Fällen wird sidi bei strengerem Forsdien 
ergeben, daß es sidi bestenfalls um ein Ahnen, nidit um ein volles 
Verstehen handelt. Kein Bewundern also, sondern eine vorsiditige 
Tatsadienprüfung wird eine riditige Wertsdiätzung geben. 

Bei F'riedridi Hebbel findet sidi nun gar mandie Bemerkung, 
die aussieht, als wäre sie direkt den Sdiriften Freuds entlehnt. 
So heißt eine Stelle der Tagebüdier: »Wenn sidi ein Mensdi ent= 
sdiließen könnte, alle seine Träume, ohne Llntersdiied, ohne Rüdi= 
sidit, mit Treue und Umständlidikeit und unter Hinzufügung eines 
Kommentars, der dasjenige umfaßt, was er etwa selbst nadi Er= 
innerungen aus seinem Leben und seiner Lektüre an seinen Träumen 
erklären könnte, nieder zu srfireiben, so würde er der Mensdiheit 
ein großes Gesdienk madien. Dodi, so wie die Mensdiheit jetzt ist, 
wircT das wohl keiner tun,- im stillen und zur eigenen Beherzigung 
es zu versiidien, wäre audi sdion etwas wert.« 

Hier springt zunädist die außerordentlidie Wertsdiätzung ins 



346 



J, Sadger 



Auge, die Hebbel den Träumen im allgemeinen zusdireibt und die 
uns nodi mebrfadi besdiäftigen wird. Er weiß audi, man muß nidit 
biofi den manifesten Trauminhalt erzählen, und zwar wortgetreu 
und mit Umständlidikeit, sondern audi nodi eine Erläuterung bei= 
fügen mit allem, was uns aus Leben und Lelvtüre zu jenem ein^ 
fällt. Und endlidi kennt er auch nodi die allgemeine Sdieu der 
Steiblidien, zu den Müttern zu taudien, und die nodi gröOere, das 
also Ersdiaute der Weit zu verkünden. 

Einige Aussprudle Hebbels erweisen, daß er sldi bereits 
ziir Erkenntnis durdirang, im Sdilafe erwadie das Läiigst= 
vergessne, unbewußt Gewordene, »Alle Traume sind vielleidit 
nur Erinnerungen!« heißt es einmal im Tagebudi. »Wenn wir 
sdilafen, erwadit in uns der Gott!« »Sdilafen ist ein Hineinkriedien 
des Mensdien in sidi selbst.« »Sdilaf ist zurüdisinken ins Chaos.« 
»Der Traum ist der beste Beweis dafür, daß wir nidit so fest in 
unsere Haut eingesdilossen sind, als es sdieint.s »Träumen — 
dumpf, da haben wir eine doppelte und dreifadie Haut und können 
gar iiidit heraus — heller und heller, da fällt eine Haut nadi der 
andern — erwadien — ■ da entströmen wir uns selbst und sind 
nidits mehr für uns selbst!« Also Hebbel weiß nidit nur, daß alte 
Erinnerungen im Traum erwadien, die wir sdion längst aus dem 
Bewußtsein drängten, sondern daß es audi melirfadie Sdiiditungen 
gibt im Unbewußten, Bis in Jugend und Kindheit führe der Traum 
uns häufig zurüdt, bis ins UnausgebÜdete, im Keime nodi Ruhende, 
mit Unterdrüd(ung der späteren Autlagerungen. »Der Traum losdit 
zuweilen eine ganze Zeile Lebens aus und führt den Mensdien 

fanz so wie er war, als ihm das hätte begegnen können, was der 
'räum ihm vorspiegelt, in eine ferne Vergangenheit zurüdf. So 
ging idi mit Alberti und wußte nidits von allem, was sidi zwisdien 
uns in Hamburg ereignet hat.« Nodi bezeidinender ist der Traum 
vom 6. August 1838: »Über Nadit träumte mir: idi arbeite im 
Dithmarsdien einen Beridit in einer Armensadic aus, in der idi ein 
Versehen begangen hatte. Dieselben ängstlidien Verhältnisse, die 
midi immer zwangen, alles über midi ergehen zu lassen und meine 
Reditfertigung in meiner Brust zu versdiÜeßen,- kein Gedanke an 
die gänzlidie Veränderung meiner Lage. Die menschliche Seele 
ist doch ein wunderbares Wesen und der Zentralpunkt 
aller ihrer Geheimnisse ist der Trauma Diejenigen Träume, 
weldie etwas ganz Neues, wohl gar Phantastisdies bringen, sind in 
meinen Augen bei weitem nidit so bedeutend, als diejenigen, weldie 
die ganze Gegenwart bis auf die leiseste Regung der Erinnerung 
toten und den Mensdien in das Gefängnis eines längst vergangenen 
Zustandes zurüdtsdileppen. Denn bei jenen ist dodi nur dasselbe 
Vermögen wirksam, worauf die Kunst und alles, was mehr oder 



' Vgl. diizu aus Freuds »Die Traumdeutung«; »Die Traumdeutung ist 
die Via regia zur Kenntnis des Unbewußten im Seelenlelien,« 



k 



I 



Ober das Unbewußte und die Träume tei Hebbel 347 

weniger annähernd zu ihr heranführt, beruht und was man Phantasie 
zu nennen pflegt,- bei diesen aber eine ganz eigentünilidie, rätseU 
hafte Kraft, die den Mensdien im eigentlioisten Verstände sidi selbst 
stiehlt und die ausgemeißelte Statue wieder in den Marmorblodc 
cinsdiließt.« 

Audi daß der Traum eine Wohltat bedeute und Wunsdi.* 
erfüllung, hat Hebbel zweifellos sdion geahnt, wenn nldit direkt gewußt. 
Sdireibt erjadodiinsTagebudi; »Sidisdiöne Träume zu bilden, mögen 
diese nun Realität haben oder nidit, ist dodi immer ein herrlidies 
Vergnügen der Mensdiheit.« »Der Traum ist ganz enrsdiieden für 
den Geist, was der Sdilaf für den Leib,« »In den Diditern träumt 
die Mensdiheit.« Und endlidi, was die Wunsdierfüllung am deut- 
lidisten verrät: »Wie oft träumt man und weiß, dafi man nur 
träumt. Aber man weiß audi, daß das Zimmer nodi nidit geheizt, 
der Kaifee nodi nidit gekodit ist und träumt fort.« Man sdiläfl 
also weiter, bis sidi sämtlidie Wünsdie einem erfüllen. Aus dem 
gleidien Verstehen stammen die Aussprudle; »Die Alten wollten 
aus dem Traum weissagen, was dem Mensdien gesdiehen würde. 
Das war verkehrt! Weit eher läßt sidi aus dem Iraum weissagen, 
was er tun wird.« »Der Traum ist die Pforte des Werdenden zum 
Seienden,« »Jemanden verklagen, weil er niederträditig von einem 
träumt. Denn das setzt voraus, daß er niederträditig von einem 
denkt. « 

Audi von den Darstellungsmitteln des Traumes und seiner 
Symbolik ist Hebbel einiges vertraut und nodi mehr wird ver= 
mutet. »Das sdiönste Mäddien wird vielleidit im Traum von dem 
sdimutzigsten Kerl entehrt. Vielleidit träumt sie dann, daß die 
Blumenwiese sidi unter ihr in einen Morast verwandelt,« Und ein 
andermal nodi deutlidier: »Wahnsinnige; verrüdtte Träume, die uns 
selbst im Traum dodi vernünftig vorkommen: die Seele setzt mit 
einem Aiphabet, das sie nodi nidit versteht, unsinnige Figuren zu= 
samnien, wie ein Kind mit den 24 Budistaben,. es ist aber gar nidit 

f;esagt, daß dies Alphabet an und füf sidi unsinnig ist.« Hierin 
iegt zumindest ein ahnendes Verstehen der Traumsymbolik. Eben= 
so fallen dann unserem Diditer niandierlei Eigentümlidikeiten auf. 
»Wie seltsam ist, daß man von Gestorbenen so selten träumt!« 
Oder ferner; »Sie träumt nidit davon, woran sie denkt,« Und 
endlidi zitiert er nodi Beppis Bemerkung: »Wenn idi, obgleidi idi 
wadie, nur die Augen nicht aufmadie, so weiß idi nodi, was mir 
geträumt hat, sonst aber nidit«. 

Sogar die sekundäre Bearbeitung und die Traumzensur kennt 
Hebbel genau. Man lese 2. B, die Abhandlung im Tagebudi vom 
19. März 1838: »Über Nadit hatte idi einen Traum, der mir des= 
wegen merkwürdig ist, weil er sidi so off <idi hatt' ihn sdion 
früher mehreremal) in mir wiederholt. Mir träumte nämlidi, idi 
hätte die Idee zu einem Gedidit, Sie gefiel mir sehr,- idi ging, wie 
idi zu tun pflege, mit sdinellen Sdiriften in meinem Zimmer auf 



348 J. Sadger 

und ab und trat zuweilen an den SdireibtisÄ, um die Verse, so 
wie sie entstanden, niederzusdireiben. Je mehr idi midi <idi füliite 
dies deutliÄ, ohne midi dessen bewußt zu sein) dem Erwadien 
näherte, um so weniger war idi mit den Versen zufrieden und es 
kam mir zuletzt vor, als ob die Idee überhaupt nidits wert sei, 
Idi iiberdadite sie nodi einmal und in derselben Minute, wo idi 
midi von ihrer Nullität überzeugte, erwadite idi, hatte nun aber 
dodi nidit mehr die leiseste Ahnung von ihr, die midi dodi nodi 
kurz zuvor so lebhaft besdiäftigt hatte, — Es ist mir <wenn man 
über Traumerfahrungen überall räsonnieren darf, was idi bezweifle, 
da idi glaube, daß sie niemals rein in das Bewußtsein übergehen, 
weil sie in das Bewußtsein entweder durdiaus nidit hineinpassen, 
oder weil dodi der Akt des Erwadiens ihnen einen fremdartigen 
Bestandteil beimisdit, der sie gänzlidi verändert) sdion oft vorge= 
kommen, als ob sidi die Seele in Träumen eines veränderten Maßes 
und Gewidites bedient, wonadi sie die Bedeutung der Dinge, die 
in und außer ihr vorgehen, bestimmt,- sie wirkt auf die alte Weise, 
aber nidit bloß in anderen Stoffen und Elementen, sondern audi, 
wenn der Ausdnidi erlaubt ist, nadi einer anderen Methode. Hinder= 
nisse, mit denen wir wadiend nicht in Gedanken zu kämpfen 
wagen, verfliegen im Traum vor dem Haudie des Mundes,' an Arm= 
Seligkeiten, denen wir wadiend kaum die Ehre antun würden, sie 
zu umgehen, bridit sidi im Traum unsere ganze Kraft. Ebenso ist 
es mit Innerlidikeiten/ idi bin z. B, überzeugt, daß idi über Nadit 
nidit erwadite, weil idi wirklidi einsah, daß die poetisdie Idee, die 
idi erfaßt hatte, nidits tauge, und weil also die Tätigkeit meiner 
Seele plötzlidi stockte,- idi bin gewiß, daß die sonderbaren 
Regungen des Selbstbewußtseins, die dem Erwadien immer vorher^ 
gehen und die uns den Traumzustand, in weldiem wir uns bc 
finden, mit mißtrauisdien Augen betraditen lassen, die poetisdien 
Operationen meiner Seele erstarrten und den eigentlidien Lebens- 
keim jener zarten Idee, wie plötzhdi hinzudringende kalte Luft, 
töteten, so daß die Idee paralysiert wurde, weil idi erwadite. Idi 
glaube nidit, daß midi hier jemand, der nidit an sidi selbst etwas 
ähnlidies erlebt hat, verstehen würde und dodi ist mir dies alles 
klar, wie das Ein mal Eins.« Zum Verständnis füge idi nodi hin= 
zu, daß die eingangs besdiriebene kritisdie Abkühlung der Wirklidi" 
keit entspradi. Ganz ebenso war unser Diditer zu Anfang von 
vielen seiner Gedidite begeistert, um sie dann später, bei kühlerem 
Blute, völlig zu verwerfen. Die Art, wie dies im Traum gesdiieht, 
offenbart ganz deutlidi das Walten der Zensur, die gegen das 
Aufwadien immer stärker wird und es sdiließlidi dahin bringt, daß 
jenes Gedidit ohne jede Spur vergessen wird. Wie Hebbel endlidi 
das Verhalten des Traumes gegenüber kleinen und großen Sdiwierig-- 
keilen riditig durdisdiaut und ebenso die sekundäre Bearbeitung, 
bedarf wohl keiner weiteren Erklärung. 

Nun einen hodibezeidinenden Aussprudi: sldi fühle, daß 



I 



über das Unbewußte und die Träume bei Hebbel 349 

meine herrlidisten Taten nur Nadiahmiing herrlicfierer seien, wo= 
von im einst ,i^eträumt.fi Sobald ihm etwas Köstlidies begegnet oder 
ein ganz Großes, fühlt er sich sofort wie in einem Traum ! So vor 
der Abreise nadi Italien; »Zweiundzwanzig Jahre auf einem Fleck 
im Dithmarsdien und jetzt dodi im Begriffe nadi Rom zu gehen! 
Es ist wie ein Traum!« Und als er beim großen Brande in Hani= 
bürg sich an der Lösdiaktion beteiligt, »war ihm zu Mute, wie bei 
einer Tätigkeit im Traum«. 

Kein zweiter Poet verstand so viel von den Beziehungen und 
Zusammenhängen seiner Kunst mit dem Traum wie Friedridi 
Hebbel. »Mein Gedanke, daß Traum und Poesie identisch sind, 
bestätigt sieb mehr und mehr«, heißt eine Erkenntnis. »Die Stimmung 
des Dichters bat zuviel vom Naditwandeln, sie wird ebenso leidit 
gestört, wie der Traumzustand, worin dies geschieht.« »Man kann 
sich auf das Dicbten ebensowenig vorbereiten, wie auf das Träumen.« 
»Der Dichter braucht nur ein Stüclcdien Brot zu sidi nehmen, so 
ist er auf der Stelle der Produktion entrüdtt und wieder in die 
gemeine Wirklichkeit versetzt,« Am 6. November 1843 schreibt er 
in Paris: »Als idi noch dichterische Werke ausführte, träumte ich 
dichterisch, nun nicht mehr.« Nachdem er eine Reihe seltsamer 
Träume angeführt hat, fährt er in einem Gedidite fort: 

»Damals ater könnt' idi nodi keine Tragödien dichten. 
Seit ich dieses vermag, bleiben die Träume mir aus. 
Wären die Träume vielleiAt nur unvollkommene Gedichte? 
Ist ein g^uCes Gedicht ein vollkommener Traum?' 

Und ein andermal ähnlich: 

»Träume und Diditergebilde sind eng miteinander versdiwistert. 
Beide lösen sich ab oder ergänzen sidi still." 

Das Jahr 1839 brachte folgende\Tagebudinotiz: 
»Der Zustand diditerischer Begeisterung <wie tief empfind' idi's 
in diesem Augenblick) ist ein Traumzustand, so müssen andere 
Menschen sidi ihn denken. Es bereitet sich in des Dichters 
Seele vor, was er selbst nicht weiß.« Also dichten und träumen 
wurzelten beide im Unbewußten. Nüchterne, phantasielose Mensdien 
träumten auch nicht und von Lessing bemerkt er: »Er hat nie 
geträumt,- er schlief immer sehr gut, sobald er die Augen schloß/ 
er schrieb an der Emilia Galotti täglich nur sieben Zeilen,« Hingegen 
erzählt unser Dichter von sidi sdion im Jahre 1838: sAn meinen 
Träumen bemerk' ich seit einiger Zeit, daß ich fast immer das Leben 
derjenigen dichterischen Charaktere fortsetze, mit denen ich mich 
kurz vor dem Einsdilafen besdiäftigie,« Er identifizierte sich also mit 
den bewunderten Helden, Endlich hielt er nach Kulke den cJithteri» 
sdien Schöpfungsprozeß für einen dem Traum analogen Zustand. 
Nun einige interessantere Träume. Im allgemeinen ist freilich 
zu sagen, daß von den vielen, die das Tagebudi verzeidinet, die 



meisten jenes Kommentars entbehren, den Hebbei selber für nötis 
erlifärte, GleiÄwohl sind manche völlig verständlidi als nadite 
Wunsdierfüiliiiigsträumc, oder weil sie mit durdisiditiger Syinbolik 
arbeiten oder endlidi biographisdi zu deuten sind. Von jeder Gruppe 
will idi etiidie anführen. Zunädist einen Wunsrfi= und Trosttraum 
Beppis mit einer Erläuterung unseres Diditers: »Seltsam! Seltsam! 
Josepha erzählte mir heut' Abend, sie habe in der Sonntagnadit <am 
Abend zuvor hatte sie mir Geständnisse gemadit, deren Inhalt midi 
nur ihre große Aufriditigkeit vergessen madien konnte — >, nadidem 
sie mit dem Gedanken, alles sei zwisdien uns vorbei, eingesdilafen, 
geträumt, ein anderes Mäddien sei zu ihr gekommen und hab ihr 
gesagt: sie solle midi nur laufen lassen,- idi versprädie jeder das 
Heiraten.« Der Sinn des Traumes liegt auf der Hand: Wenn 
Hebbel jeder das Heiraten verspridit, also sämtlidie Mäddien nur 
betrügt, dann habe idi durdi meine Aufriditigkeit kaum etwas ver=^ 
loren, Audi anderes ist als Wunsdierfüllung leidit zu durdisdiauen. 
So, wenn Hebbel träumt, daß Mutter und Bruder, die er lang 
nidit gesehen, nadi Mündien gekommen', oder, was eine Kindheits= 
sehnsudit verrät, er hätte ein Sdiwesterdien bekommen, oder eine 
verstorbene Jugendgeliebte träte lebend ins Zimmer, oder gar ein 
andermal, eine längst sdion tote Geliebte seiner Knabenjahre gäbe 
ihm einen Kuß, den er in Wirldidikeit stets nur ersehnt, aber nie 
tatsädiljdi empfangen hatte. Als der Diditer sidi nadi dem Tode 
Rousseaus verzweifelt anklagt, diesem, da er nodi auf Erden 
wandelte, zu wenig Liebe erwiesen zu haben, träumt er zweimal: 
^Rousseau lebte nodi, aber idi wußte redit gut, daß er bald 
sterben würde,- ich hatte ihn unendlidi lieb und sudite ihm dies 
auf alle Weise an den Tag zu legen.« Und um die Wunsdi= 
erfüllung ganz über jeden Zweifel zu heben, setzt Hebbel hinzu: 
»Idi wußic nidit, daß idi jemals eine Empfindung von so wunder 
Süßigkeit <idi finde kein anderes Wort) gehabt hätte.« Endlidi, was 
wieder hodibezeidinend ist: »Über Nadit im Dämmerzustand 
zwisdien Sdilafen und Wadien: ein Mensdi, der so vortreffiidi ist, 
daß ein König ihm das Privilegium gegeben hat, es solle nie einer 
Anklage wider ihn Glauben beigemessen werden.« Dieser so ganz 
vortreffliche Mensdi ist natürlidi kein anderer als Hebbel selber, 
der ein stetes Sdiuldbemißtsein mit sidi herumtrug, und König wie 
immer im Traum und Mythos der eigene Vater, weldier im 
Gegensatz zur Wirklidikeit nie Klagen wider Friedridi glauben soll, 
Wie überragend der Vaterkomplex in des Diditers Leben er= 
weist sidi audi deutlich in seinen Träumen. So heißt es am 3, De= 
zember 1837: «Idi träumte miA neulidi ganz und gar in meine 
ängstlidie Kindheit zurüdi, es war nidits zu essen da und idi 
zitterte vor meinem Vater wie einst.« Hier lautet der Wunsdi, 



' Dan dieser T,-auin 110A weit tiefer zu deuten, Iwt neuerdings Otlo 
Rank ausgeführt <»Das Iniest-Motiv in Dicttung und Sage«, P- 25J), 



I 



über das Unbewußte und die Träume bei Hebbel 351 

wieder Kind zu sein, weldies trotz aller Not dodi so glüddidi ge= 
wesen, und vielleidit audi Selinsudit nadi masodiistisdier Lust= 
befriedigung, während die Angst, die den Traum provozierte, \vahr= 
sdieinlidi rezenter Qiielle entsprang, der unbefriedigten Libido 
Hebbels. Sehr häufig vertritt den Erzeuger im Traum kein 
Geringerer als Napoleon Bonaparte, und zwar nidit bloß bei unserem 
Diditer, der sdion im vierten oder fünften Lebensjahr sein über= 
haupt allererstes Gedidit just auf Jenen gemadit hatte, Wie kein 
Zweiter eignet sidi dieser rüdisiditslose Gewaltmensdi zur Dar= 
Stellung des Vaters, wie er wirklidi ist oder dem Kinde ersdieint, 
und audi sein endlidier Sturz von der Höhe kommt heimlidien 
Kinderwünsrfien entgegen, In Träumen sieht ihn Hebbel finster und 
bleidi vorüberreiten, ein andermal wieder wird er aus unsterblidier 
Vaterliebe Napoleons Kammerdiener, hingegen wohnt er dann wieder 
dessen Abdankung bei. Nidit lange, nadidem rasdi hintereinander seine 
Mutter und Rousseau versdiieden waren, notiert das Tagebudi: 
»Idi kann den Gedanken nidit los werden, daß idi sehr bald sterben 
werde.« Und zwar motiviert er das sehr bezeidinend: »Im Traum sah 
idi über Nadit meinen längst verstorbenen Vater, den idi fast nodi 
nie im Traume sah.« Wir dürfen ergänzen: weil er dem Vater als 
Kind so häufig den Tod gewünsdit hatte, glaubt er jetzt, selber 
sterben zu müssen. Der Vater, der ihm bei Nadit ersdieint, zeigt 
ihm sein baldiges Ende an. Übrigens sdieint Hebbel audi sonst an 
prophetisdie Träume zu glauben. 

Die meisten Träume des Tagebudis, die mit einer starken 
Symbolik arbeiten, bleiben in Ermanglung eines Kommentars ent= 
weder ganz oder halb unverständlidi. Immerhin vermag man einiges 
zu deuten. So hat Hebbel einmal Elise sdiwer gekränkt und dar= 
über heftige Reue empfunden: sEs trieb midi. Dir aus voller Seele 
zu sdireiben, was idi dadite und fühlte, dodi fühlte idi midi so 
ersdiöpff, daß ich midi wider Willen d)tm Sdilaf überlassen mußte. 
Idi sdilief fest und träumte von einer sdiönen Sdilange, die mir 
nidit, wie diese Tiere dodi im Wadien tun, Absdieu einflößte, 
sondern Wohlgefallen; ein gutes Zeidien! Audi mit Dir führte der 
Traum midi zusammen, dodi weiß idi nidit mehr wie.« Bedenkt 
man, daß Sdilange eines der häufigsten Phallussymbole darstellt, so 
begreift man sofort, warum sie dem Diditer im Traume Wohl= 
gefallen erregt, während er im Wadien sie auf Grund der Ver= 
drängung geradezu verabsdieut,- weiters audi leidit, daß der Traum 
ihn mit Elise zusammenführt und daß ihm soldies ein gutes 
Zeidien zu bedeuten sdieint ! Man kennt ferner, zumindest aus 
Witzblättern und Karikaturen die Geigensymbotik. Die ausladenden 
Formen der Violine eignen sidi treffhdi zur Darstellung eines 
Frauenleibes, wodurdi dann das Spielen auf einer Geige symbolisdi 
wird für den Gesdileditsverkehr. Dies vorausgesdiidtt, wird man 
ohne weiteren Kommentar die Notiz des Tagefaudies verstehen: 
»Idi sah neulid) im Traum einen Liebhaber um seine Geliebte bei 



ihren Eltern durch Violinspielen werben und wunderte mich 
nicht im geringsten darüber, daß er auf zwei Geigen zii= 
gleich spielte.« Erinnern wir uns endlidi, daß Kaiser und Konig 
regelmäßig für Vater stehen, und an das Verlangen eines jeden 
jungen, an Stelle seines Erzeugers zu treten, dann wird uns der foU 
gende Traum durdisichtig, den Hebbel audi in Gedichtform umschuf: 
sich sah den alten König Maximilian Josef beerdigen und den 
König Ludwig krönen. Beides gesdiah im Grabgewölbe und Leidien- 
und Krönungsfeierlidikeit spielten gräßlidi ineinander; die Leidien- 
fackeln dienten zum Fadieizug bei der Krönung, "nd als der Konig 
Ludwig die Krone aufsetzte, nidue der König Maxmiilian aus 
seinem Sarg heraus mit dem Kopf. Idi war unter den Kronbeamten/ 
als wir wieder heraufstiegen, verschloß der König Ludwig die Gruft und 
sagte zu mir, indem er mir den Sdilüssel gab: laß den nidit heraus, 
aber mi:h laß auch nidit hinein!« Der Vater ist also einverstanden, 
daß sein Sohn die Herrsdiaft übernimmt. Dieser aber trägt sidi 
selber auf, jenen nie wieder ans Lidit zu lassen, aber audi selber 

nicht zu sterben. , . t j- 

Zum Sdilusse zwei widiligc biographische 1 räume, die 
mandies audi sonst psychoanalytisdi leidit zu Ersdiließende vollauf 
bestätigen; »In der Nadit tolle, wüste Traumbilder, Unter anderem 
sollte der Wesselburner Turm wie ein Luftballon in die Höhe 
fliegen, er war gefüllt und der Dampf quoll rings um ihn hervor. 
Idi war aber no3i ein Knabe und wurde von meinem guten Platz 
von Erwachsenen, die Gefahr für midi befürditeten, vertrieben.« 
Dieser Traum ist zwar erheblidi mit Symbolik versetzt, aber trotz= 
dem durchsiditig. Der große Turm in Wesselburen, das Wahr^» 
zeidien der Stadt, ist als Phallus von Hebbels Vater 2" ver= 
stehen, der in statu erectionis wie ein Luftballon in die Hohe 
fliegt, Das ganze gibt wieder eine Szene der Kindheit, in weldier 
der Knabe, weil er den Eltern beim Verkehr hinderlidi, aus ihrem 
Bette herausgelegt wurde. Das stimmt vortrefFlidi zu dem, was idi 
in einem früheren Artikel <«Von der Pathographie zur Psy<ho= 
graphie«, »Imago«, L Jahrg., 2. Heft) sdion aus anderen Zügen 

zur Evidenz ersdiloß, 

Sdiwieriger zu deuten ist ein zweiter und womögHdi noch be= 
deutsamerer Traum, den die sAufzeidmungen aus meiner Kindheit« 
folgendermaßen sdiildern: y-Uir war, als hätte der liebe Gott, von 
dem idi sdion so mandies gehört hatte, zwisdien Himmel und Erde 
ein Seil ausgespannt, midi liineingesetzt und sich daneben gestellt, 
um mich zu sdiaukeln. Nun flog idi denn oline Rast und Au^nthait 
in sdiwindelerregender Eile hinauf und hinunter,, jetzt war idi ho* 
in den Wolken, die Haare flatterten mir im Winde, idi hielt niidi 
krampfhaft fest und sdiloß die Augen,- jetzt war idi dem Boden 
wieder so nah, daß idi den gelben Sand, sowie die kleinen roten 
und weißen Steindien deuilidi erblidcen, ja mit den Fußspitzen er= 
reidicn konnte. Dann wollte idi midi hinauswerfen, aber das kostete 



über das Unbewufite und die Träume bei Hebbel 353 

doch einen Entsdiluß und, bevor es mir gelang, ging's wieder in 
die Höhe und mir blieb nidits übrig, als abermals ins Seil zu 
greifen, um nur nidit zu stürzen und zersdimettert zu werden. <■ 
Der nämlidie Traum wird im Tagebudi mit kleinen, aber widitigcn 
Abweidiungen gesdiildert. Hebbel wurde als Kind von der Sehn= 
sudit verzehrt, einmal Gott zu sdiauen, wovon unter anderem das 
Gedidit »Bubensonntag« Zeugnis gibt. Dies ewig unerfüllte Ver= 
langen gewährt ihm der Traum: "Idi habe wirklidi in meiner Kind= 
heit einmal geträumt, den heben Gott zu sehen,- es war ein 
schwankendes Seil hoch am Himmel aufgeknüpft, auf das 
setzte midi Gott und sdiaukelte midi. Ich hatte große Angst, 
wenn idi so in die Wolken hinaufflog, und wollte midi immer, wenn 
das Seil wieder die Erde berührte, herausstürzen, aber idi hatte 
den Mut nidit. Idi erinnere midi aller dieser Empfindungen nodi auf 
das Deutlidiste; idi meine die roten Steinchen, die Idi an der Erde 
bemerkte, wenn mein Blid; sie streifte, nodi zu sehen.« 

Was bedeutet nun dieser »ungeheuerlidie« Traum aus des 
Diditers viertem oder fünften Jahre, der nadi den »Aufzeidinungen« 
seinen soldien Eindrud; in ihm zurüdiUeß, daß er siebenmal hinter= 
einander wiederkehrte«. Wir müssen seinen Wert wohl sehr hodi 
einsdiätzen, wenn wir aus jenen sAufzeidinungen« ergänzen; »Die 
Wodie, in weldie dieser Traum fällt, war vielleidit die entsetzlidiste 
meiner Kindheit, denn die Erinnerung an ihn verließ midi den 
ganzen Tag nidit und, da idi, sowie ich trotz meines Sträubens zu 
Bett gebradit wurde, die Atigst vor seiner Wiederkehr gleidi mit 
hinein=, ja, unmittelbar mit in den Sdilaf hinübernahm, so ist es kein 
Wunder, daß er sidi audi immer wieder einstellte.« Ein Traum, der 
soldie Wirkung übt, muß wohl an die widitigsten Komplexe rühren. 

Gehen wir zur Deutung von der Erkenntnis aus, die wir 
Freud verdanken, daß jeder Traum eine Wunsdierfüllung gibt, ja, 
meist sogar mehrere, so sdieint eine Lösung auf der Hand zu 
liegen. Dem Knaben wird nidit bloß der Wunsdi gewährt,- 
Gott von Angesidit zu sdiauen, sondern nodi ein zweiter, die frag= 
lose sexuelle Lust am Sdiaukelii, Dadurdi, daß Gott ihn selber 
sdiaukelt, wird ein doppeltes Sehnen des Knabens erfüllt. Dodi be= 
rührt diese Lösung nur die Oberflädie. Tiefer sdion führt, daß Gott 
und Vater im Traum gleidi su setzen sind. Also nidit nur der 
Himme(s=, sondern audi der leiblidie Vater soll ihn zum Zeidien 
seiner Liebe sdiaukeln, was in Hebbels Kindheit wohl mehr als 
einmal gesdiehen sein v/ird. Soweit die harmlose, unanstößige 
Deutung. 

Nirr fehlt uns bisher eine Erklärung der mäditigen Angst, 
die den Knaben eine volle Wodie lang sdiüttelte. Da den Traum 
ein Kind von vier bis hödistens fünf Jahren erlebte, kann die Ur= 
sadie kaum in der Unterdrüdiung einer starken, rezenten Libido 
liegen. Vielmehr muß man annehmen, daß die durdi den Traum 
erfüllten Wünsdie selbst Angst zu erzeugen geeignet sind. Diese 

Imago 11/3 23 



354 



J. Sadger 



finde idi nun in dreierlei RiAtung Zunächst m Hebbels bösen 
Gedanken auf seinen Vater, die aud. biographisch gut zu belegen . 
Der Vater v/ar nun Maurer, der, wie zu jener Ze.tallgemem und 
nod> heute am Lande übliA ist, ein Seil am DaAboden oder emem 
Hausvorsprung befestigt haben wird, um an >hm von der Erde 
WnaufzukLmen. Die zweite Fassung unseres Traumes, wo Gott 
eirS am Himme! aufknüpft, das bis zur Erde hemnterreiAt, 
sAeint dies zu bestätigen. Es liegt nun sehr nahe, daß, wenn der 
knab den aus vielenbründen so gehaßten Vater so hmatjfklettern 
fah seine TodeswünsAe die Riditung nahmen, d.eser möge beim 

Klimmen zu Boden stürzen, und man W^iß J^tzV"^'' ^'"r'"7f,J; 
wamsende Angst, jener TodeswunsA könne zur Sühne an 'hm selber 
vergolten werden Die beiden letzten Traumdeutungen endhA smd 
direkt sexueller Art, an die PhaKussymbolik des SeHes anknüpfend, 
Am sinnreiAsten aber und durA den vorhin ^tgetejten Traurn 
wahrsAeinliAer noA ist folgende Erklärung Das SAaukeln jt v^n 
den rhythmisAen Bewegungen genommen^ die ^f Kn^^\^''^T 
wissen sehr früh beim Verkehr seiner Eltern beobaAtet J^ben muß^. 
Sbei mag siA in ihm, wie in all diesen Fällen, auA der WunsA 
geregt halen, niAt bloß an Stelle des Vaters zu treten, sondern 
auA der Mutter. Diese letztere feminine und homosexuelle Ein. 
Sung erfüllt nun der Traum x^d attf die Erfüllung Ae es 
WunsAes hat Hebbel dann eine volle WoAe^ in Angst und 
Bangigkeit, zumal vor dem SAlafengehen, gewartet. ^.,.. 

^ k bliebe nur noA die Verwendung des Traumes in Hebbe s 
DiAtersAaffen zu berühren. Da lehrt die NaAprufung, daß kern 
zw*ter Poet erlebte und fingierte Träume in so lAer Menge und so 

ulterstriAen in seine GediAte und Dramen 7-°^ , ^^. ^„^""^t 
naA meinen früheren Darlegungen darauf besAranken, ohne 
wSeren Kommentar StiAproben zu geben. NiAt wenige Traume 
des TagebuAes hat Hebtel in GediAtform "i"S^8°l^^"p, J". f/. 
Sirandola«, einem dramatisAen TugendversuA ^^''1^^^^'^"^ "'^; 
.1* weiß reÄt gut - Träume sind NiAts - aber zuweilen Amgt 

Tv^ h[«u meinen Aufsatz .Von dtr Pathographie zur PsyAo- 

K^P^ä^:- jJ;. =; Bedeutung des Sdiaukelns bestätigt ein Brief an EH. e vom 10 De^ 

,.mb.r mZ^Ober St träumte id. sAaueriid. und süfi, !di und d<is gaukelten 

^at^f war stümisA und finster, der Wind strid, nnr -^^'/-^^ Jl^^^^Eit 

'°^ TL" feS-?i:iefÄ rdTrTandige auA ,n Hebbel. Gedidit 
H.rr ,nd KneA r Der^unge Herr weist den alten Forstplleger für immer von 

habe idi ihn sdion im Traum gesehen« Daß em ^™X\"^^ Hebbel und 
einen sexuellen Akt bedeuten kann, der junge und der Alte nur neoDei un<i 
srin eigener Vater sind, braudie idi ^ohl nidit auszufuhren. 



über das Unfaewußte und die Träume bei Hebbel 35B 

sich mir dodi unwillkürlich die Frage auf, ob die Gottheit, die sonst 
immer durdi Wunder spradi, nun gar keinen anderen Weg, als den 
ewig gleichen der Natur wandelt. Und da zuda's mir dann oft 
durch den Busen, daß idi mich sehr off geneigt fühle, solche Träume 
für Warnungszeidien der Gottheit zu erklären.« In einer Reihe von 
Dramen bis hinauf zu den »Nibelungen« werden Träume als 
»Warnungszeidien der Gottheit« angeführt. So erklärt z. B. Judith 
ihrer Dienerin Mirza: »Soldie Träume soll man nidit gering aditen! 
Sieh, ich denke mir das so. Wenn der Mensdi im Sdilaf liegt, auf= 
gelöst, nicht mehr zusammengehalten durdi das Bewußtsein seiner 
selbst, dann verdrängt ein Gefühl der Zukunft alle Gedanken und 
Bilder der Gegenwart und die Dinge, die kommen sollen, gleiten 
als Schatten durch die Seele, vorbereitend, warnend, tröstend. Daher 
kommt's, daß uns so selten oder nie etwas wahrhaft überrascht, daß 
wir auf das Gute sdion lange vorher so zuversiditiidi hoffen und 
vor jedem Übel unwillkürlich zittern. Oft hab' idi gedadit, ob der 
Mensdi wohl auch noch kurz vor seinem Tode träumt.« Endlidi 
Frau Ute in »Der gehörnte Siegfried«: 

«Wir sehen oft im Trainti den Finger Gottes, 
Und wenn wir nodi im Wachen ängstlich zittern. 
Wie Du es tust, so sah'n wir ihn gewiß." 

Zwei Träume Elisens fand Hebbel so »im hödislen Sinne 
dichterisch«, daß er sie unverändert in die »Judith« aufnahm, cien 
einen als Traum, den anderen zu wirklidiem Gesdiehen ummünzend. 
In der »Genoveva« sagt Goio von sich: 

»Ein Traum 

Hatt' mir in jener Nacht mein Innerstes 
Enthüllt, wie wol ein Licht, in's Schlangennest 
Gestellt, den grausen Würmerknäul erhellt.* 

Als Klara in der »Maria Magdalena« sidi dem drängenden 
Leonhard ergeben hatte und dann zu Hause die Mutter plötzlidi tot= 
krank traf, da packte sie augenblidts die Empfindung: meinet= 
wegen liegt sie so dal Daß ihr aber damit eine alte Wunsch= 
Phantasie erfüllt ward, die Mutter, weldie den Bruder stets vorzog, 
solle yersdieiden, zeigt folgende Stelle: »Da geht sie! Dreimal 
träumt' ich, sie läge im Sarg und nun — o, die boshaften Träume, 
sie kleiden sidi in unsere Furcht, um unsere Hoffnung zu er= 
sdiredcen! Idi will midi niemals wieder an einen Traum kehren, idi 
will midi über einen guten nidit wieder freuen, damit ich midi über 
den bösen, der ihm folgt, nicht wieder zu ängstigen braudie, Ja, Ja! 
Wenn meine Mutter gestorben wäre, nie war' idi wieder ruhig ge- 
worden!« Im nämlidien Drama träumt Meister Anton, er sei mit 
Gift vergeben worden, und scheut sich niederzulegen, er könnte 
träumen, daß seine Todiier in die Wodien gekommen. Im »Rubin« 
meint Assad, als ihm das Purpurgewand umgetan und ein strahlen^ 
des Diadem aufgesetzt wird: »Schon einmal träumt' idi so«, und 

23* 



3.)6 J. Sadger 

ganz ähnlidi Mariamne, als sie naA dem Tanz sidi im Spiegel erblidft; 
»So hab' idi midi ja sdion im Traum gesehen«'. Endlidi nodi zwei 
diarakteristisdie Träume der Agnes Bernauer, liurz bevor sie die 
Sdiergen des Herzogs gefangen nehmen. Der erste ist nur hypo= 
thetisdi: »Wenn idi eine böse Ahnung hätte und fürditete. Dir wehe 
zu tun, würde idi sagen: Denke Dir, mir hat geträumt, idi würde 
begraben und darüber muHt Du Didi freuen, denn es bedeutet langes 
Leben-, aber das Leidienbegängnis war wirklidi so sdiön, daß idi's 
dereinst gerade so und nidit anders haben mögte. Und dann würde 
idi's Dir besdireiben.« Wenn aber alle sie wie eine Herzogin be= 
handeln, dann meint sie besdieiden; »Nur in meinen Träumen 
geht's anders her, sonst würd' idi gewiß zu stolz! Da kehrt die 
alte Zeit wieder, wo idi die Brotkrumen sorgfältig auflesen mußte, 
die zu Boden fielen, und wo mein Geburtstagsgesdienk meistens 
darin bestand, daß idi nidit gesdiolten wurde, wenn idi etwas tat, 
was nidit ganz redit war. Nodi In der letzten Nadit, Du mit Deiner 
immer offenen Hand wirst ladien, bat idi meinen Vater glühend und 
stotternd um irgendeine Kleinigkeit und er sagte, was er gewöhn^ 
lidi zu sagen pflegte, wenn er eine Bitte nidit zweimal hören wollte: 
gut, es sei, aber dann kann idi ein halbes Jahr lang keinen Tropfen 
wein mehr trinken! Idi war nodi redit unwillig auf ihn, als idi 
erwadite, aber nun — Ich hab' ihn doch wenigstens einmal 
wieder gesehen!« 

Um zusammenzufassen: Friedridi Hebbel, der, wie kein 
zweiter Poet vor ihm, dem Traum das regste Interesse zuwandte, 
hat uns in Erkenntnissen und Einzelträumen ein Material hinter- 
lassen, das nidit bloß die Frcudsdien Lehren bestätigt, sondern 
audi für die Lebensgesdiidite des Diditers und sein Seelenverständnis 
von großem und bleibenden Werte ist^. 

' Wie Hebbel im Tageburfie erzäliit, !iat ihm Cliristine tatsädilidi einen 
Traum erzäiilt, den er dann seiner Mariamne in den Mund legt. 

ä Nadi dem bekannten Volksglauben bedeutet der manifeste Trauminhalt 
das Gegenteil, was Freud für viele Fälle als riditig bestätigen konnte, 

^ tiier norfi einiges Material, das im Texte selber keine Stelle fand. 
»Gedicht: Gott merkt auf die Träume der lOnder und ruft sie ins Leben. Daher 
soviel I'ossierlidies. Lieblidies, Unsrfiuldiges in der SAöpfung."^ 

»Das Leben ist ein Traum, der sidi selbst bezweifelt.« 

»Man öffnet 

Die Augen, sdiließt sie wieder und nimmt das. 
Was man erblidit, hinüber in den Traum. 
Das ist das Leben !s 

i-Der Sdiiaf ist die Nabelsdinur, durdi die das Individuum mit dem Welt^ 
all zusammenhängt.« Endlidi eine kleine Erzählung Elisens, die die Vcrwedislung 
von Traum und Wirklidikeit beim Kinde illustriert: »Ein kleines Kind stürzt sidi, 
weil es im Traum geflogen hat und fliegen zu können glaubt, zum Fenster heraus, 
ich konnte sonst dodi (liegen!« 

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H}iiiiiumiiiiiiiiiimmminMniiiiuumiiiiim»iiiiiiiiuiiiiiiuiuiiiiiiiiiiiiuiiiiminiii[uiiiimiiiiiiiiiiMi^ 
s Verlag Hugo Heller &^C)e., Leipzig u.W^fenl, Bauernmarkts. 1 

j Internationale Zeitsdirift für | 
I ärztlicfie Psydioanalyse. | 

i Offizielles Organ der Intern. Psychoanalytischen Vereinigung. = 

a HerausgegebEn von s 

I Prof. Dr. SIGM. FREUD. | 

s Redisien von s 

I Dr. S. FERENCZI audapest) und Dr, OTTO RANK (Wien). 1 

= Die bisher crschienenen3 Hefte des eistenHalbiahres enthielten neben den reichhaltigen g 

E Mitteilungen I „Klinische Beiträge", „Aua dem infantilen Seelenleben", s 

K „Beitrage zur Traumdeutung", „Zur Psychopathologie des Alltags- s 

S lebens", „Beitrige tur Symbolik" etc, und außer den ständigen Rubriken: s 

E „Kritiken u. Referate", „Aua Vereinen u. Versammlungen", „Sprech- s 

K Baal", „Varia", „Bibliographie", „Korrespondenzblatt der Interna- = 

g tlonalen Psychoanalytischen Vereinigung" folgende Originalarbeitenj « 

s Df. Karl Abraham (Berlin): Einige Bemerkungen Aber die Rolle der E 

E Cro&eltem In der Psychologie d, Neurosen. B 

E Prof. S. Preud; Weitere Ratschläge zur Technik der Psychoanalyse. 1 

E (Zur Einleitung der Beliandlung. — Die Frage der k 

E ersten Mllfellungeit. -~ Die Dynamik der Hellung.) ^ 

g „ Einige Bemerkungen Ober den BegriH des Un- U 

E bevu&ten in der Psychoanalyse. ^ 

M Dr. Paul Federn (Wien): Beiträge zur Analyse des Sadismus und = 

E MasochismUB I. DleQuellen des männlichen Sadismus, k 

E Dr. S. Ferenczi (Budapest): Ent'vicklungsstuien des Wlrklichkeltsslnnes. E 

E „ Ein kielner Hahnemann. = 

= „ Zum Thema „Großvaterkomplex". ~ 

E Prof. Ernest Jones (London): Die Beziehung zwischen Angstneurose ^ 

= und Angsthysterle. E 

p „ Die Bedeutung des Grofivaters für das Schicksal = 

E des Einzelnen. p 

~ Prof. James J. Putnam (Boston): Bemerkungen Qber einen Kranfchells- ~ 

s fall mit Grlselda-Phantaslen. = 

S Dr. Otto Rank (Wien); „Die Matrone von Ephesus". Ein Deutungs- = 

= versuch der Fabel von der treulosen Witwe. = 

= Dr. L. Seif (München): Zur Psychopathologie der Angst. s 

E Dr. Viktor Tausk (Wien): Entwertung des Verdrängungsmotivs durch E 

E Rekompense. s 

I Jährlich 6 Hefte bei 40 Bogen stark M. 18.— = K 21.60. | 

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Inhalt des dritten Heftes. 

PROF. S. FREUD: Das Motiv der Kästdienvahl. 

DR. OTTO RANK: Die Nadtheit in Sage und Diditung I. 

DR. HANNS SACHS: Die Motivgestaltung bei Sdinitzler. 

DR. THEODOR REIK: Die »Allmadit der Gedanken« bei Arthur 

Sdinitzler. 
DR. J. SADGER: Über das Unbewußte und die Träume bei Hebbel. 



NaAdruck veriioten. 



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HUGO HELLER 'S) CIE., Verlagsbudihandlung, Leipzig und Wien 

■ "■ - ■ - ^= I. Baatrnmarkt 3, ^= 

Soeben crsdiien: 

RICHARD WAGNER 

imd seine Apostaten. 

Ein Beitrag zur Jahrhundertfeier 

von 

CHRISTIAN V. EHRENFELS 

ord. Professor der IliUosophie an der Universliät In Prag. 

Die bdden von begeisterter Verehrung eingegebenen und von temperamentvoilem Sdivons 
getragenen Reden des als Dramatiker und Gefehrten bekannten Prager Univer5Ltät5pii3res5ors 
werden allen Freunden und Anhäßgern des Bayreuther Meisters zur Jahrhundertfeier seines 
Geburtstages willkommen sein. Sie umreißen in knappster, dabei ieiihtversfäitdlidier Form 
das gewaltige Lebenswerk des genialen Diditerkomponisten und werfen Interessante 
Streffllchter aul die eroflschen Wurzeln des dramatischen und ntuBikalt- 
schen Scbaffens. IDie Abrechnung mit den Wagner-Apostaten — alien voran Nietzsche 
— fesselt durdi die Leidensdiaft der Kritik und den psydiologisdien Spürsinn. 

fteis Mfc. 1.50 = K 1.80. 



KHK. HOF-BUCHDRUCKEBEI CARL FROMME IN WEN.